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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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559 Und wie ist es denn mit der Taufe, wenn man schon einmal von der Persönlichkeit spricht? — Gewinnt diese Persönlichkeit an Autorität, -wenn sie sich, wie wir es leider nur zu oft erleben müssen, einer Heuchelei schuldig macht?. Gewinnt die Disziplin dadurch, wenn ein Jude dem Namen nach zum Christentum Übertritt? Verwandelt sich dadurch auch seine Persönlichkeit wie mit einem Zauberstabe genau so, wie wenn er etwa die bayerische Grenze überschreitet, und wie ist es denn in den sämtlichen übrigen Heeren der zivilisierten Welt? Warum haben da -die Juden die nötige Persönlichkeit und die nötige Autorität, um die Disziplin aufrecht zu erhalten? Und noch mehr: Warum hatten sie es auch bei uns bis zum Jahre 1885, und zwar auch in Preußen selbst, und erst seit 1885 nicht mehr? Ist unsere jüngere jüdische Generation, die von Jugend auf, von Kindheit an turnt und sich übt und allen Arten körperlichen Sports huldigt, entarteter als die von 1885? Ist das nicht der reine Hohn! (Sehr richtig.) Es ist einfach eine Unwahrheit, wenn man dergleichen ausspricht. (Beifall.) Verzeihen Sie, wenn ich da etwas starke Ausdrücke gebrauche, aber der Unwille über ein solches Verfahren des schnödesten Antisemitismus muß schließlich den einzelnen mit fortreißen. (Lebhafte Zustimmung.) Also die Juden sind nicht würdig, in. das preußische Offizierkorps einzutreten? Derjenige, der an dem Glauben seiner Väter festhält, der es nicht vorzieht, um äußerer Vorteile willen seine Zugehörigkeit zu seinem Glauben wegzuwerfen und seinen Glauben zu wechseln wie ein schmutziges Hemd, der ist nicht würdig, Offizier zu werden, gerade weil er treu an der Ueberlieferung der Seinigen und seiner Religion hängt! (Lebhafter Beifall.) Demgegenüber möchte ich zum Schluß noch ein Beispiel aus dem praktischen Leben zitieren. Ein Israelit aus Worms avancierte 1870 im Kriege zum Leutnant, spater dann zum Hauptmann der Reserve. Dieser selbe Jude ist seit 20 Jahren Vorsitzender des gesamten hessischen Landeskriegerverbandes. Also dieser Jude, der heute angeblich vor einem Zuge von 20 oder 40 Mann die Disziplin nicht aufrecht erhalten kann, dieser Mann ist vom Gesamtkriegerbunde des hessischen Landes als der beste Mann erklärt worden und ist seit 20 Jahren an die Spitze des Kriegerverbandes gestellt worden. Wo bleibt da der Mangel der Persönlichkeit, wo bleibt da der Mangel der notwendigen Autorität? (Hört, hört, und Beifall.) ' Nun, wir werden nicht Nachlassen in diesem berechtigten Kampfe. (Bravo!) Wir werden nicht ermüden, ehenicht dieses beschämendeUeberbleibsel mittelalterlicher Barbarei aus unserem Vaterlande und aus unserem Heere entfernt worden ist. Ich rufe Sie auf: Scharen Sie sich alle mit moralischer und materieller Unterstützung um den Verband der Deutschen Juden, um diesen Kampf zum guten, zum glücklichen Ende zu. führen. Diese Ausschließung der Juden ist ja nur eine andere Seite desselben Geistes, der bis vor wenigen Dezennien noch die Bürgerlichen für unfähig erklärte, im Ossizierkorps zu dienen, der noch heutzutage auch ihnen zum überwiegenden Teil die höchsten Stellen im Heere verschließt, derselbe rückwärtsgewandte, der Vergangenheit angehörige, der Gegenwart entgegengesetzte Geist in den entscheidenden Stellen unseres Volkes. Das größte Verdienst des modernen Geistes, ist ja, daß'er sagt: Der Mensch muß anerkannt werden nach dem, was er ist, nicht wie er geboren ist, nicht nach dem, was er hat, nicht nach dem, was seine religiöse und philosophische Ueberzeugung ist, sondern nach dem, was er ist und was er leistet, muß seine Stellung im Leben bestimmt werden. (Beifall.) Daß dieser hohe, moderne Geist, der in anderen zivilisierten Ländern längst den Sieg davon getragen hat, bei uns in Deutschland und in Preußen noch nicht zur Herrschaft gelangt ist, das ist tief bedauerlich. (Beifall.) Wenn wir also für Gleichberechtigung unserer Glaubensgenossen aus diesem Gebiete kämpfen, so kämpfen wir zugleich für die Ehre und das Ansehen unseres teuren deutschen Vaterlandes, und das muß uns in unserem Kampfe befestigen und stärken. Nicht nur für die erhabeneJdee der Gleichberechtigung, nicht nur für die Rechte des Judentums und der Judenheit kämpfen wir, nein, wir kämpfen auch für unser deutsches Vaterland, und in diesem Zeichen müssen und werden wir siegen. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) (Schluß folgt.) Aus flbrshsm Geigers ffrmnÄkskrkls. IsKod Auerbach ist am 24. November Emmendingen geboren und am 30. Oktober 1887 in Frankfurt a. M. gestorben. Er hatte Theologie, Geschichte und Philologie studiert, wurde 1836 Doktor in Tübingen, wirkte zuerst als Neligionslehrer in Wiesbaden, bis 1842 als Hauslehrer in Wien, von dann an bis 1879 als Lehrer in Frankfurt a. M. Er wirkte am Philanthropin, am. Gymnasium und 20 Jahre lang als Leiter der Flersheimischen Erziehungsanstalt. Er war eine geborene Lehrernatur, er begnügte sich nicht mit dem Bemühen, seinen Schülern und Schülerinnen vielfache Kenntnisse beizubringen sondern war ganz erfüllt von jenem höheren Streben, den Geist seiner Zöglinge zu bereichern, ihr eigenes Nachdenken zu wecken und ihnen , dadurch die selbständige Fortentwicklung auf geistigem Gebiete zu ermöglichen. Ihren Charakter zu stählen und die Gebote echter Sittlichkeit, in deren Erfüllung er selbst ein hohes Muster war, von ihnen zu fordern und sie zur Verwirklichung dieser Forderungen vorzubereiten. In treuer Gesinnung ' danken chm nicht wenige die Bereicherung ihrer Kenntnisse, ja geradezu die bestimmende Richtung ihres Geistes, ihrer wissenschaftlichen Arbeit, gerührten Herzens Preisen ihn viele als treuen Mentor und Gewissensrat, als Tugendlehrer, als Schöpfer ihrer sittlichen Wiedergeburt. Als ein sehr schönes Zeugnis dieser Wirksamkeit diene der folgende Brief, den der jetzige Geheime Konsistorialrat Professor H. Cornill an den verstorbenen Direktor H. Bärwald geschrieben hat (11. Februar 1889). „Empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank für die freundliche Zusendung des Programms des Philanthropins mit dem Anfänge der Biographie des seligen Dr. Jakob Auerbach. Auch ich nenne mich mit Stolz einen Schüler desselben, und verdanke ich in Hebraicis ihm das meiste und das beste. Und nicht nur das! Ich habe ihn, wie das jeder, der ihn nur etwas kannte, tun mußte, aufrichtig verehrt und herzlich lieb gehabt, den edlen vortrefflichen Menschen, dessen schlichtes und anspruchsloses Wesen verklärt und durchleuchtet war von einer sittlichen Hoheit und einem Seelenadel, der auf jeden empfänglichen Menschen einen tiefen und erhebenden Eindruck machen mußte. Und ich weiß wirklich nicht, ob ich das Alte Testament und seine Erforschung zur Aufgabe meines ganzen Lebens gemacht haben würde, wenn es mir nicht zuerst durch den Seligen in so sein geistvoller und tief religiöser Weise entgegengebracht worden wäre. Es war mir, als ich diesen Sommer nach langer Zeit wieder zum erstenmal in Frankfurt verweilte, ein rechter Schmerz, zu hören, daß er inzwischen verstorben war. Gern hätte ich ihn aufgesucht, um seiner Rede zu lauschen und mich an ihm zu erquicken. Bei mir wird sein Andenken stets im Segen bleiben." Auerbachs Wirken als Lehrer und Erzieher erfüllte nicht seine ganze Zeit. Er war ein eifriger Freimaurer, nahm in der Loge eine sehr hervorragende Stellung ein und wirkte hier durch geistvolle und erhebende Reden. Er war kein sehr produktiver Schriftsteller, aber seine kleinen Arbeiten über Goethe und Lessing zunächst in ihren Beziehungen zur Frei-

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