Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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aufsteigen, den es dort überhaupt gibt! Die Liste der jüdischen Offiziere in England ist. außerordentlich unvollständig. Trotzdem finden wir in der regulären Armee 20 jüdische Offiziere, statt, nach dem Verhältnis der Bevölkerungsziffer, elf, unter diesen ist ein General, zwei Oberst-Leutnants, drei Majore, fünf Kapitäne. In der Miliz gibt .es sieben jüdische Offiziere statt fünf, in der Territorial-Armee 35 statt 10, nach dem Verhältnis. Einer der vorzüglichsten und berühmtesten Heerführer aller Zeiten, der — hochkonservative — Herzog von Wellington sagte im August 1823 in einer Parlamentsrede: „Man hat gesagt, daß in der Schlacht bei Waterloo nicht weniger als 15 jüdische Offiziere im englischen Heere dienten; und ich habe viele verdienstvolle und ausgezeichnete Offiziere dieses Glaubens gekannt." Also in England scheinen doch die Juden zum Offiziersstande nicht so ganz ungeeignet zu sein! Im Jahre 1892 gab es im englischen Heere 600 Juden, darunter 75 Offiziere. Im Burenkriege zeigte sich wiederum dieselbe Väterländsliebe, derselbe Opfermut, den wir schon 1813 in Preußen konstatieren konnten. 3 000 Juden dienten da als Soldaten und Offiziere im Kampfe, und von diesen 3000 sind nachweisbar 125 gefallen/ In Italien gab es 1897 im aktiven Offizierskorps einen General, drei Obersten, zwei Oberleutnants, neun Majore, 57 Hauptleute, 122 Leutnants, zusammen 199 und dasunter einer jüdischen Bevölkerung von nur 40 bis 50000 Seelen. Der General ist wohlbekannt, es war der berühmte General Ottolenghi, den König Humbert I. für würdig befand, als militärischer Erzieher seines Sohnes, des jetzigen Königs Viktor Emanuel III. zu wirken, und der dann als langjähriger Kriegsminister das Haupt des italienischen Heeres wurde. Als solcher begleitete er den König nach Berlin, und er hatte die Ehre, von Seiner Majestät unserem Kaiser empfangen und geehrt zu werden. Bei uns in Preußen hätte er höchstens zum Range eines Vize-Wachtmeisters oder Feldwebels aufsteigen können. (Stürmische Heiterkeit.) Schließen wir über Amerika. Genauere Zahlen haben wir eigentlich nur von dem Sezessionskriege, der im Jahre 1861 bis 1864 die Union spaltete und zerriß. Auf beiden Seiten, zusammen gab es damals 6078 jüdische Offiziere, darunter 2 Generale, 10 Obersten, 8 Oberleutnants, 40 Majore, 205 Kapitäne und Hauptleute; es gab in den beiden Armeen 5257 Offiziere-und Gemeine als Freiwillige, denn eine andere Art der Rekrutierung kannte man damals in Amerika nicht, d. h. also o1/3°/0 der damaligen jüdischen Bevölkerung, während im allgemeinen nur 4^/z0/o sämtlicher Bürger der Union unter die Waffen getreten waren. Wir sehen auch hier, welch Patriotismus, welch soldatischer Sinn die Juden beseelte, und wie sie zu den höchsten Stellungen im Heere aufstiegen. Ebenso zeigte sich im Jahre 1898 in dem Kampfe der Union gegen Spanien wieder der eifrige Zudrang der jüdischen Jünglinge zu dem Heere. In New Jork wurde ein Husaren-Regiment ausschließlich aus Juden gebildet, und der größte Teil eines Infanterie- Regiments bestand aus Juden. Ebenso wurde in Philadelphia ein Infanterie-Regiment nur aus Juden gebildet. Zurzeit gibt es im amerikanischen Heere 1 Obersten und 1 Major jüdischen Glaubens (das ganze amerikanische stehende Heer umfaßt ja nur 15 bis 20 000 Mann). Ebenso ist es in der Flotte. Ein Commodoro, d. h. ein kommandierender Admiral und ein Admiral sind jüdischen Glaubens, und dieser Admiral, wurde unter den höchsten Lobsprüchen sowohl der Regierung wie des Kongresses im Jahre 1908 zum kommandierenden Admiral der atlantischen Flotte bestimmt, d. h. zu einem Range, zu dem bei uns in Deutschland nur selten ein christlicher Bürgerlicher aufsteigt. Selbst in Rußland, in dem mit Recht so übel beleumundeten Rußland, das ich gar nicht zu den zivilisierten Ländern zählen möchte, selbst da hat es aktive jüdische Offiziere unter dem Zaren Alexander II. gegeben. Besonders im türkischen Kriege. Diese Rundschau rechtfertigt die Ueberzeugung, wie sehr man den Juden in Preußen Unrecht tut. In den süddeutschen Kontingenten gab es bis zum Jahre 1866 aktive jüdische Offiziere, die bis zum Hauptmanns- und Majorsrang aufgestiegen sind, nur in Preußen natürlich nicht, und seit.1866, seit dem großen Siege Preußens über Oesterreich und fast alle übrigen deutschen Staaten wehte dann der scharfe preußische Wind nach dem Süden und fegte die aktiven Offiziere jüdischen Bekenntnisses fort. Selbst in Bayern blieben nur noch die Reserve-Offiziere. Und doch mußte der Kriegsminister v. Einem im Reichstag am 23. März 1905 zugeben: „Gegen die jüdischen Soldaten ist nichts zu sagen, und ich habe die Ueberzeugung, daß sie auch tatsächlich überall ihre Schuldigkeit im Frieden tun, und daß . sie sie auch im Kriege, tun werden." Warum also setzt man sie zurück, warum befördert man sie selten zu Unteroffizieren und niemals zu Offizieren? Hier kann doch nur entgegen Verfassung und . Gesetz antisemitische Gesinnung der Grund sein. Wohl verlangt man von den Inden, sie sollen gute Patrioten, sie sollen eifrige und tüchtige Soldaten sein, aber man behandelt sie mit Hohn und Spott und setzt sie hinter ihre christlichen Kameraden zurück. Ebenso ist es ja auch im Sanitätskorps. Früher gab es viele und ausgezeichnete jüdische Militärärzte im aktiven Heere; sie haben sich tadellos geführt, niemals ist die geringste Klage laut geworden, vor allem ist keinerlei Schwierigkeit etwa in der Frage der Disziplin hervorgetreten. Seit dem Jahre 1885 . aber wird kein Jude mehr zum aktiven Militärarzt ernannt (Hört, hört!) und das, obwohl fortwährend der größte Mangel bei Besetzung dieser Stellen besteht. Im Jahre 1909 waren 900 Stellen im Sanitätskorps des preußischen Heeres nicht besetzt! Trotzdem gewann man es nicht über sich, den Juden den Zutritt zu gestatten, man verletzte lieber die Interessen des Heeres und des Vaterlandes, nur um den Juden nicht eine gesellschaftliche Gleichstellung mit den Herren Militärärzten zu gewähren. Zur Reserve natürlich und zur Landwehr muß man die jüdischen Aerzte zulassen, weil man im Kriege nicht Tausende von ärztlichen Stellen unbesetzt lassen, sie nicht entbehren kann, da ist man gerecht aus purem Zwang, aus der brutalen Notwendigkeit heraus. (Sehr richtig!) Und das alles geschieht, obwohl S. M.. der Kaiser und König, gerade das Gegenteil verordnet hat. Die kaiserliche Kabinettsorder, daß die Wahl zum Offizier von der Konfession unabhängig bleiben solle, ist von seiten des Offizierkorps unausgeführt geblieben, (Hört, hört!) Wo bleibt da die berühmte Disziplin des preußischen Heeres? (Sehr richtig!) Wo bleibt da die berühmte blinde Unterwerfung unter den Willen des obersten Kriegsherrn? Ja, es scheint im Heere genau so zu-- zugehen, wie auch sonst wohl auf dem Gebiete der Politik: Und der König absolut, wenn er unsern Willen tut! (Sehr richtig!) Die Juden sind nicht untätig geblieben. Der Verband , der Deutschen Juden, der berufene Vertreter der israelitischen Gemeinschaft in Deutschland, hat sich sowohl an den Kriegsminister als auch wiederholt an hervorragende Reichstagsabgeordnete gewendet, und er hat dabei die Unterstützung mehrerer Vertreter des Freisinns und des Zentrums gefunden, die die Beschwerden und die berechtigten Forderungen der Juden im Reichstag zur Sprache brachten und zwar nicht mit leeren Phrasen, sondern mit Anführung von Einzel fällen, wie solche ihnen aktenmäßig durch den Verband der Deutschen Juden übermittelt worden waren. Lange Jahre erhielt man darauf nur ausweichende Antworten; die Regierung stehe auch in militärischer Beziehung auf dem Boden der Verfassung: es sei nicht wahr, daß das religiöse Moment bei der Nichternennung von Juden zum Offiziersstand irgendwie einen Einfluß habe, man werde jeden einzelnen dieser Fälle, die zum Teil von verblüffender Offenheit sind, sorgsam prüfen. — Es geschah nichts. — Endlich trat der berühmte Bülow-Block ins Leben; dadurch erhielten die Liberalen auf einmal, was ja seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall gewesen war, einen gewissen Einfluß auf die höchsten Regionen, und da erließ Kriegsminister v. Einem eine Verfügung vom 10. Juni 1908, die an das frühere Verbot der Rücksichtnahme auf konfessionelle Gründe erinnert und die Rechtswidrig, keit der Zurücksetzung zugibt. Aber da kam der Um'chwung, der Block fiel, dafür tauchte der schwarz-blaue Block, die Bereinigung des Zentrums mit den Konservativen auf, und nun ill der Kricgsminister ganz anderer Gesinnung als sein Vorgänger. Herr v. Heeringen verbeugt sich in der Reichstagssitzung vom Februar-1910 vor der antisemitischen Gesinnung eines Teils des deutschen Volkes, die. wie er sagte, eine Ernennung von Juden zu Reserveoffizieren unmöglich, mache. Jüdischen Offizieren soll die Persönlichkeit fehlen, die berühmte preußische Disziplin aufrecht zu erhalten. (Hört, hört!)