Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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daran gewöhnt, daß in Preußen die Freiheiten, die mit der linken Hand gegeben werden, mib der rechten — ich sage ausdrücklich mit der rechten — wieder zurückgenommen werden. (Große Heiterkeit.) Was schert diejenigen, die in Preußen die Macht haben, ob Verfassung und Gesetz die Gleichberechtigung verheißen haben; die Juden bleiben aus dem Offizierkorps und aus der höheren Beamtenlaufbahn ausgeschlossen. — Und doch, wenn wir zurückschauen, so können wir zweierlei feststellen: einmal, daß die Juden sich, seitdem sie überhaupt zum Heere zugelassen worden sind, als treue Patrioten, als tapfere und eifrige Soldaten gezeigt haben, und zweitens, daß von derselben Zeit ab die Ueberlieferun g des preußischen Heeres war, Juden wenigstens zu Reserveoffizieren zu ernennen. Also, die Tradition des Heeres sprcht für uns. Es war bei Beginn der Freiheitskriege im Frühjahr 1818, daß die Juden überhaupt zum erstenmal im preußischen Heere zugelassen wurden, und nach den Listen des Kriegsmnisteriums folgten nicht weniger als 410 Juden dem Rufe des Vaterlandes als Freiwillige. Dabei fehlen in diesen Listen viele Jnfanterieregimenter, fast die gesamte Kavallerie, die ganze Artillerie; wir müssen deshalb diese Zahlen mindestens verdoppeln. Es waren also von den 31000 Juden, die im damaligen kleinen Preußen wohnten. 2 V2°/o die freiwillig die Waffen für das Vaterland ergriffen (Hört! hört!), und das aus einer Bevölkerung, die seit einem Jahrtausend vom Waffen- und Kriegshandwerk vollständig entwöhnt war und militärische Gedanken und Empfindungen als etwas ihr ganz Fremdes fühlte, die auch durch das Ghetto, durch den Ausschluß von allen kräftigenden und stärkenden Berufen körperlich vielfach heruntergekommen war. Und diese 800 kämpften mit Mut und Erfolg: 71 eiserne Kreuze, 4 Militärehrenzeichen, 4 russische Georgsorden, die nur den Allertapfersten zuteil wurden, 7 eiserne Kreuze am weißen Band wurden an sie verteilt; und 23 Juden von den in den Listen genannten 410 wurden zu Offizieren befördert. Wir finden einen Portepee-Fähnrich, 19 Sekonde-Leutnants, 3 Premier-Leutnants. Und alles das waren ungeübte junge Soldaten, die zum erstenmal die Waffen in die Hand genommen hatten. Von den 410 fielen 29 und starben 27 an ihren Wunden. So hat der zu militärischer Tätigkeit angeblich nicht geeignete Jude, als er zum erstenmal die Waffen ergriff, gekämpft und geblutet für das Vaterland. Aber als der Krieg und die Not vorbei waren, und sich nun jüdische Offiziere, die auf den Schlachtfeldern -geblutet hatten, um Zivilanstellungen bewarben, wie sie Friedrich Wilhelm III. allen freiwilligen Kriegern je nach ihren Fähigkeiten verheißen hatte, da wurde das Wort des Königs dahin ausgelegt: Jawohl, Ihr sollt angestellt werden, wenn Ihr Euch taufen laßt! Nun. es'gab ja auch sogar einen jüdischen aktiven preußischen Offizier, dessen Beförderung der Prinz August von Preußen durchsetzte, der Artillerie-Major Burg, der einzige, der jemals im aktiven preußischen H^ere die Epauletten getragen haü Dafür, daß die Juden ihre Pflicht als Söhne des Vaterlandes und als Krieger in vollem Maße erfüllt haben, ist ein Gewährsmann, der Minister des Innern vom Jahre 1847. Er legte dem ver. einigten Landtag eine Denkschrift vor, in der er erklärt, daß die Juden im preußischen Heere im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt und im Frieden den übrigen Truppen Nicht nachgestanden haben: „Sie sind zur Zeit der Gefahr nicht hinter den christlichen Einwohnern zurückgeblieben, -sondern haben an der Vaterlandsverteidigung Anteil genommen, und es darf ihrem Verhalten im Befreiungskriege die Anerkennung nicht versagt werden." Auch in den späteren Kämpfen sind leider die Listen mehr als unvollständig; dennoch sind in der Zeit der Revolution und in den ersten Kämpfen in Schleswig-Holstein 1848 und 1860 nach diesen ganz lückenhaften Listen doch 67 jüdische Soldaten äufgezählt; darunter sind 3 Leutnants, 1 Stabsarzt, und 9 von den Juden haben Orden -erhalten. Nach diesen unvollständigen Listen — Berlin fehlt überall ganz — haben 1864 nachweisbar 194 jüdische Soldaten mitgekämpst. Darunter 3 Leutnants, 1 Stabsarzt, und 6 Orden wurden verliehen. 1866 sind 1025 jüdische Soldaten im Heere gewesen. Von diesen 1025 Soldaten waren 4 Oberstabsärzte, 17 Stabsärzte, 1 Ober-Roßarzt, mehrere Leut nants, und dekoriert wurden im ganzen 15.' Äus dem großen Kampfe von 1870/71 fehlen in den Angaben Berlin, Hamburg, Posen, Magdeburg, Köln, Nürnberg usw. — also mindestens die Hälfte der Juden in Deutschland. Die Zahl der feststellbaren 4236 preußischen jüdischen Soldaten, die mitgefochten haben, müssen wir also auch mindestens verdoppeln. Unter den 4236 sind 1 Hauptmann.. 29 Leutnants, 8 Oberstabsärzte, 32 Stabsärzte Gefallen oder verwundet wurden 133, mit Orden ausgezeichnet 96. Und dabei scheiterte in zahlreichen Fällen die Beförderung verdienter Juden zu Offizieren im Kriege schon an dem Uebelwollen der kommandierenden Generäle. Die Art, wie die Juden sich im Kriege 1870/71 ausgezeichnet hatten, hatte dann zur Folge, daß während der folgenden 15 Jahre Juden wiederum vielfach zu Reserve Offizieren befördert wurden, allerdings keiner zum aktiven Offizier. So sprechen die Ueberlieferungen des preußischen Heeres jedenfalls für das Offiziertum in der Landwrhr und in der Reserve. Aber seit dem Jahre 1885 ist in Preußen und in allen den Kontingenten, die dem preußischen Heere angegliedert sind, also in allen deutschen Heeresteilen, mit Ausnahme von Bayern, kein Jude zum Offizier ernannt worden, angeblich wegen Unfähigkeit der Juden zum Stand und Range eines Offiziers. Dagegen wurden und werden in Bayern Juden nach wie vor zu Reserveoffizieren befördert,» auch preußische jüdische Jünglinge, die in Bayern ihrer Dienst Pflicht genügen; also derselbe Jude, der in Preußen unfähig und unwürdig ist, den Rang eines Offiziers zu bekleiden, braucht bloß die blauweiße Grenze zu überschreiten, und seine Unfähigkeit verwandelt sich mit einem Zauberschlag in die Geeignetheit. (Heiterkeit.) Und wie ist es anderwärts? An der Hand von Zahlen ist zu beweisen, daß in allen zivilisierten Staaten mit Ausnahme von Deutschland die Juden zu Offizieren befördert werden, und zwar in einem Umfange, der das sonstige Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu der allgemeinen Bevölkerung bei weitem übersteigt. In unserem Nachbarlande, dem verbündeten Oesterreich, aus dessen Heer wir im Ernstfall vor allem neben unserem rechnen finden wir 1894 im aktiven Heere, in der österreichischen Landwehr und bei den ungarischen Honveds 2179 Offiziere jüdischen Glaubens, d. h. 81 auf das Tausend der jüdischen Bevölkerung, während die Juden nur 45 auf das Tausend der allgemeinen Bevölkerung ausmachen, und gegenwärtig, im Jahre 1910, gibt es unter den aktiven jüdischen Offizieren Oesterreichs einen Feldmarschallleutnant — das ist ein Rang, der unserem deutschen General-Leutnant entspricht — 3 Generalmajore, 17 Obersten, 16 Oberstleutnants, 49 Majore, 120 Hauptleute und Rittmeister und 252 Oberleutnants und Leutnants, zusammen 448 jüdische Offiziere im aktiven Heere, so weit sich dieselben.überhaupt Nachweisen lassen, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß es außerdem noch eine große Zahl von jüdischen Offizieren gibt, von deren jüdischem Bekenntnis wir nichts wissen. Also im benachbarten Oesterreich, in einem Lande, wo der Antisemitismus unter der Bevölkerung viel stärker ist als bei uns, wo die antisemitische Pg^tei mit vielen Mitgliedern in der Regierung und im Ministerium vertreten ist, wo die große Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung — ich verweise nur auf Galizien — noch nicht so mit moderner Kultur erfüllt ist wie bei uns in Deutschland — sind die Juden fähig, sämtliche Rangstufen des Olfiziertums bis zu den höchsten Graden auszufüllen. Sollte uns ein solcher Vergleich nicht die Schamröte ins Gesicht steigen lassen, die Schamröte nicht für uns preußische Juden, sondern für Leute, die in offiziellen Aeußerungen die Juden für ungeeignet zum Offizierstand erklären. (Sehr richtig.) Und wie ist es in Frankreich, dessen Heer sich wieder auf das beste entwickelt hat, und dem deutschen und dem österreichischen Wohl nicht weit nachsteht? Wir finden im Jahre 1883 in dem französischen Heere 644 jüdische Offiziere bei einerjüdischen Bevölkerung von nur 80 000 Seelen, wahrlich ein Beweis für die lebhafte Erfüllung des jüdischen Volksteils mit militärischem Geist und militärischem Streben. Unter diesen Offizieren gab es 1895 zehn Brigade- und Divisions-Generäle. Wir sehen also den Juden, der bei uns nicht imstande ist, den Rang eines Reserve- Leutnants zu bekleiden, in Frankreich zu. dem höchsten Range