Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228955--67000-3279167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lief gerührt von Euerer Majestät Güte haben wir, um die freudige Erinnerung an Ihren Besuch festzuhalten,, die uns gespendete Summe zum Ankauf von Phhsikinstrumenten bestimmt. Lei ihrer Benutzung werden wir immer daran denken, daß sie Geschenk Euerer Majestät sind.. , Wir werden nach Ihrem Wunsch bestrebt sein, unserem Vaterland treue und ergebene Bürger zu werden. Wir wünschen, daß allen Städten der Türkei ebenfalls das Glück zuteil werde, den Besuch Euerer Majestät zu empfangen, und beten für die Erhaltung Ihrer segensreichen Tage." Der Thronfolger hat unseren Schulen 20 türkische Pfund geschenkt. Ferner berichtet Fräulein Aigranti, daß der Abgeordnete von Adrianopel, Riza Tewfik Bey, unsere Schulen besucht und sich mit den Knaben und Mädchen kameradschaftlich unterhalten hat. Er hat seiner Freude über ihre Fortschritte Ausdruck gegeben. „Ihr steht an der Spitze von allen Schulen Adrianopels," sagte er zu den .Kindern, „Ihr habt unserem erhabene» Herrscher, seinem Gefolge und mir den besten Eindruck gemacht; ich bin stolz auf Euch. Verliert Euren ersten Platz nicht, sondern haltet ihn fest, indem Ihr immer weitere Fortschritte macht. Die Zukunft gehört Euch, und wenn Ihr einst vom Glück begünstigt seid, vergeht die bescheidene Schule nicht, in der Ihr Euere jungen Jahre verlebt habt. Besucht sie oft und arbeitet für sie. Dankbarkeit und treues Gedenken bringen alle schönen Dinge zum.Gedeihen." Riza Tewfik Bey hat mir versprochen, morgen wieder unsere Mädchenschule zu besuchen und sich persönlich von den Fortschritten unserer Schülerinnen zu überzeugen. Er hat ihnen schöne Karten geschenkt und wird ihnen gute Bücher verschaffen, sobald sie eine Bibliothek haben werden. Die Juden im deutkchen tzeere. (Versammlung am 13. November 1910.) ine öffentliche Protestversammlung gegen die Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere haben, wie bereits kurz mitgeteilt, der Verband der Deutschen Juden und der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am vergangenen Sonntag in dem großen Saal der Berliner Philharmonie einberufen. Der Gegenstand der Veranstaltung und die Namen der angekündigten Redner, Professor Dr. Martin Philippson und der Abgeordnete Geheimer Justizrat Cassel taten das ihrige, den weiten Saal ^mit einer stattlichen Zuhörerschaft zu füllen. Der Vorsitzende des Verbandes und des Zentralvereins. Herr Justizrat Dr. M. Horwitz eröffnete die Versammlung mit einem kurzen Hinweise auf die Wirksamkeit' des Verbandes als der Gesamt- Vertretung der deutschen Juden. Der Verband ist — so erklärte er — vermöge der Natur seiner Tätigkeit darauf angewiesen, erheblich mehr stille Arbeit zu leisten, als daß sie in der Oeffentlichkeit allgemein bekannt werden konnte. Nichtsdestoweniger haben die Leiter des Verbandes geglaubt, daß es bei der außerordentlich hohen Wichtigkeit seines Wirkens für die Gesamtheit unserer Glaubensgenossen ihre Pflicht ist, in weiteren Kreisen als es bisher geschehen ist, unsere Glaubensgenossen vertraut zu machen mit den Aufgaben, die sich der Verband gestellt hat und mit der Art, wie er ihrer Lösung näher getreten ist. Der Verband ist nicht in der Lage, im Rahmen einer einzigen . Versammlung ein Bild zu bieten von den vielen Gegenständen, denen er seine Arbeit widmen muß. Der Verband als eine Vertretung der Gesamtheit der deutschen Juden ist leider daraus angewiesen, die Juden zu verteidigen, weil die ungerechten Angriffe auf die Juden, wie bekannt ist, nicht aufhör.en;. er ist darauf angewiesen, zu kämpfen für die Rechte d.er deutschen Juden, weil diese Rechte ihnen, und leider auch von maßgebender Stelle verkümmert werden. Die Klagen, die ex deshalb erheben muß, sind vielgestaltig und mannigfach; wir sind gezwungen, einzelnes — einige oder einen der erheblichsten Beschwerdepunkte — herauszugreifen, und so haben wir geglaubt, daß wir ein Gebiet heute behandeln lassen sollen, auf dem unsere Beschwerden besonders groß sind. Der Verband hat sich, um ein richtiges Bild zu geben, wie er mit seinen Mitgliedern, mit den einzelnen Organisationen und Vereinigungen, die ihm als Einzelmitglieder angehören, zusammenarbeitet, zu der heutigen Versammlung verbunden mit dem Zentralverein,deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Sie werden sehen, wie beide Vereinigungen nebeneinander und getreulich miteinander, jede an ihrem Ziele, arbeiten; und es wird'beiden Vereinigungen zum Segen gereichen, wenn wir in den Kreisen unserer Glaubensgenossen richtig erkannt und voll gewürdigt werden. .Hierauf nahm Prof. Philippson das Wort zu seinem Vortrage: Wenn. Körperschaften wie der Verband der Deutschen Juden und der Zertralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sich entschlossen — so führte er aus — die Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere als öffentliche Angelegenheit zu besprechen, so haben sie dazu guten Grund. — Wenn nur einer oder der andere jüdische Freiwillige die Offiziersepauletten in Preußen nicht erhielt, so wäre das wohl eine Privatangelegenheit, die nur den Beteiligten, nicht aber die Allgemeinheit anginge. — Aber wenn — wie es seit mehr als zwei Jahrzehnten geschieht — der jüdische Einjährige in Preußen, der sich als Soldat vollkommen bewährt, der als solcher von seinem Vorgesetzten die besten und die günstigsten Zeugnisse erhält, doch von dem Öffiziersrang ausgeschlossen wird, so involviert das ein Unrecht nicht nur für ihn, sondern bedeutet eine grundsätzliche Verunglimpfung der jüdischen.Relig.ionsgemeinsch aft in Deutschland und ihres Glaubens. (Sehr richtig.) Denn, sowie der jüdische Einjährige, oer sich zum Offizier befähigt gezeigt hat, den Glauben wechselt, so erfolgt prompt seine Beförderung zum Offizier. (Hört, hört!) Es ist also nicht einmal eine Rassenfrage, sondern es ist eine Glaubens, frage; die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion wird durch dieses grundsätzliche Verhalten als ein Makel bezeichnet, und damit wird dieser Makel auf den jüdischen Glauben selbst übergewälzt. Daneben hat aber diese Zurücksetzung der Juden im Heere auch praktische weitere Folgen bei der sozial bevorzugten Stellung, die der Offizierstand in unserem militärischen Preußen und dem von ihm beeinflußten Deutschland einnimmt. Indem die Juden grundsätzlich als unfähig und unwürdig der Beförderung zum Offizier erklärt werden, verschließt sich ihnen auch die höhere Beamtenkarriere, und wenn jetzt außerdem vielfach in technischen Berufen, im Apothekerberufe, ja auch in manchen ärztlichen Stellen, die Juden als gesellschaftsunfähig beseitigt und ausgeschlossen werden, so liegt das auch in hervorragendem Maße daran, daß der Rang eines Offiziers als ihnen unzugänglich dargestellt wird. So hängt eine Menge praktischer Fragen mit der großen idealen Frage, die für uns alles andere überwiegt, die Frage der Ehre unseres jüdischen Glaubens zusammen. Deshalb hat der Verband der Deutschen Juden längst den Kampf in dieser Angelegenheit eröffnet. Auch auf andern Feldern hat der Verband seit den 6 Jahren seines Bestehens den Kampf für unsere ’ bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte mit Eifer und Mut geführt. Er hat beim Schulgesetz den Juden wenigstens eine annähernde Gleichberechtigung mit den anderen Konfessionen erworben, er hat es durchgesetzt, daß die vielfache Ausschließung von Juden aus dem Geschworenen- und Schöffenamt nachläßt. Er führt den Kampf gegen die antisemitischen Gegener der Schächtvorfchriften; er hat sich auch bemüht, die Zurücksetzung der Juden bei der Naturalisation von Ausländern, von Fremden zu beseitigen. Der wichtigste Punkt aber ist der Kampf für die Gleichberechtigung . im Heere, daS Aufhören der Zurücksetzung im deutschen Heere. Das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869, das nach Gründung des Deutschen Reichs Reichsgesetz wurde, bestimmt: „Allenoch bestehenden, aus derVer" schiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hiermit aufgehoben, insbesondere soll die Befähigung zur Bekleidung öffentlicher Ämter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein." In andern Ländern ist auf die theoretische und gesetzliche Gleichberechtigung der Juden auch die tatsächliche gefolgt; anders aber liegt leider die Sache' in Deutschland, und besonders in Preußen. Wir sind ja