Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Daß UUtersuchuugsgesangene und fblcfie Gefangene, welche eine Haftstrafe verbüßen, sich selbst verköstigen dürfen, ist Gesetz; sonstige Gefangene unterliegen der allgemeinen Gefängniskost und findet im Prinzip eine Ausnahme nur bei Kranken statt. Bezüglich israelitischer Gefangener dagegen bestimmt der § 82 der genannten Verordnung, daß für sie während ihres Osterfestes eine nach den Vorschriften ihrer Religion zubereitete Kost, zugelassen werden darf; wenn kein Speisehaus in der Nähe ist, darf sie auch von einzelnen Religionsgenossen zubereitet werden. Nach § 96 dürfen israelitische Gefangene an Sabbaten, Feiertagen (dieselben sind einzeln aufgezählt) und am 9. Ab wider ihren Willen nicht zur Arbeit angehalten werden; doch ist deren Beschäftigung mit leichteren Arbeiten an den folgenden Sonntagen dann gestattet. Nach § 103 ist israelitischen Gefangenen zu gestatten, daß sie am Sabbat und an den Feiertagen gemeinschaftliche Gebetsübungen abhalten, wo nicht räumliche Hindernisse entgegenstehen. Der „Oesterreichischen Wochenschrift" entnehmen wir nachstehenden bemerkenswerten Artikel: Der galizische Landtag und die Jca. Der galizische Ländtagsabgeordnete Baron Battaglia, der vor einiger Zeit im Interesse der galizischen Industriebank in Paris Unterhandlungen pflegte, benützte diese Gelegenheit, um mit den Führern der Jca in Paris wegen Schaffung einer Hausindustrie für die galizischen Juden in Fühlung zu treten. Die Ergebnisse dieser Unterhandlungen legte Baron Battaglia in einem Berichte nieder, der vor einigen Tagen im volkswirtschaftlichen Ausschüsse des galizischen Landtages beraten wurde. In dem Berichte dieses Ausschusses an den Landtag wird hierüber folgendes gesagt: „Die Hausindustrie muß Gegenstand der Fürsorge der Landespatronage für Handwerk und Kleingewerbe werden, die über den Stand und die Bedingungen der Hausindustrie, sowie über die Notwendigkeit und die Formen der öffentlichen Hilfe genaue Untersuchungen anstellen wird. Der Ausschuß will jedoch schon jetzt die Aufmerksamkeit des Landtages auf ein einzelnes Moment auf diesem Gebiete hinlenken, weil die Aktion, die sich hieraus entwickeln könnte, einen selbständigen Zweig des Tätigkeitsgebietes der Landpatronage bilden könnte, wie auch deshalb, weil mit diesen Formen der Hausindustrie in die Grenzlinien der Großindustrie, wenn nicht gar der Fabriksindustrie eingegriffen werden könnte. Wie dem Ausschüsse von privater Seite bekannt wird, wäre die Jewish Colonisatiön Association (Jca) bereit, eine bedeutende Summe für eine Aktion zu bewilligen, die den Zweck hätte, die Hausindustrie in Galizien zu fördern, und knüpft daran die Bedingung, daß entweder der Landesausschuß von Galizien oder ein aus christlichen und jüdischen Vertretern bestehendes gemeinsames Komitee sich an die Spitze dieser Aktion stelle und daß ferner in dieser Hausindustrie zumindest die Hälfte der Beschäftigten aus jüdischen Arbeitern bestehe. Bei der Schaffung des Absatzgebietes könnte der Wiener „Hilfsverein für die notleidenden Juden in Galizien" mithelsen. indem er solche Abnehmer ausfindig machen würde, die persönliche und sachliche Garantie bieten könnten, dafür, daß sie in jedem konkreten Falle die eingegangenen Verträge und Kontrakte zum Schutze gegen die Ausbeutung der Arbeiter genau einhalten würden. In diesem Falle könnte hieraus eine sehr ernste Aktion entstehen, die geeignet wäre, sowohl das Elend des jüdischen wie auch dasjenige des christlichen Proletariats zu lindern, die'Produktion des Landes und seine. Einnahmequellen zu erhöhen. Es wäre also Aufgabe des Landes, das Programm einer solchen Aktion auszuarbeiten und mit der Zcä in die diesbezüglichen Verhandlungen einzutreten." Auf Grund dieser Ausführungen beantragt nun der volkswirtschaftliche Ausschuß unter anderem die Annahme der folgenden Resolution: „Der Landtag empfiehlt dem Landesaüsschuß, sowohl mit dem „Hilssverein für die notleidenden Juden in Galizien" in Wien, wie auch mit der „Jewish Colonisation Association“ (Jca) die Verhandlungen wegen einer eventuellen größeren öffentlichen Aktion zur Hebung der Hausindustrie im Lande anzubahnen und dann im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel eine Aktion einzuleiten oder der nächsten Lattdtagssession einen bezüglichen Antrag vorznlegen." * Auch folgende interessante Meldung sei hier wiedergegeben- Roosevelts Organ „The Globe“ tritt abermals mit einem scharfen Artikel gegen die russische Judenverfolgung hervor. In dem hochpolitischen Artikel heißt es unter anderem: „Die Judenfrage in Rußland ist nicht mehr eine russische Frage, sie ist eine Weltfrage geworden. Was jetzt nottut, ist der einhellige Protest des erwachten Gewissens der Welt gegen die monströsen Verbrechen, die Rußland gegen seine schutzlose Bevölkerung begeht. England sollte seine Hände sernhalten von einer Mörderbande in hohen russischen Stellungen. Vor einer Dekade waren es französische Finanziers, die Rußland die Fortsetzung seiner verrückten Karriere ermöglicht haben, und heute ist es England, das dem sinkenden Glücksstern Rußlands durch den Pakt von Reval wieder zum Steigen verhelfen will und auf diese Weise seine eigene Geschichte verleugnet und die Hoffnungen der Menschheit enttäuscht." * Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle sendet uns folgende Mitteilung: lieber den jüngsten Besuch des Sultans in Adrianopel berichtet die Schulleiterin der dortigen Allianceschule Fräulein Aigranti dem Zentralkomitee wie folgt: Adrianopel, 2. November 1910. Wir haben die Ehre gehabt, den Besuch Seiner Kaiserlichen Majestät deS Sultans in Adrianopel, der an historischen Erinnerungen so reichen zweiten Hauptstadt des Reiches zu empfangen. Zur Begrüßung des Sultans vor dem Selamlik sind alle Schulen in dem großen Hof des Sultans Selim aufgestellt worden. Die kleinen Mädchen in weißen Kleidern mit roten Schärpen, die Knaben in ihrer Gymnasiastenuniform haben sich durch ihre bescheidene Haltung ausgezeichnet. Vor dem von Seiner Majestät bewohnten Palast sangen die Schülerinnen in türkischer Sprache einen Chor, der den lebhaftesten Beifall fand. Außerdem überreichten sie dem Sultan im Namen der Allianceschulen ein kunstvoll gesticktes Bild, das in einem Blumenkranz die Moschee des Sultans Selim darstellt. Die gute Idee dieses Geschenks hat außerordentlich gefallen. Sichtlich gerührt aber war der Sultan von der folgenden in türkischer Sprache gehaltenen Ansprache: „Majestät! In unser aller Namen bitten wir, Mädchen und Knaben, Eure Majestät, unsere bescheidene Gabe als Beweis unseres Fleißes und unserer Fortschritte freundlichst annehmen zu wollen. Wir haben ihr unseren Beitrag für die Flotte unseres lieben Vaterlandes,beigefngt. Es ist nur wenig, aber wir bitten, dabei nur unsere gute Absicht erkennen zu wollen. Wir versprechen Eurer Majestät, gute Hausfrauen und. brave Soldaten zu werden und mit ganzer Seele für das Gedeihen unserer teuren Türkei tätig zu sein. Mit diesem kindlichen Schwur bitten wir Eure Majestät, die Huldigung verehrungsvollster Liebe und herz' innigster Wünsche entgegenzunehmen von Ihren israelitischen Kindern Adrianopels." Seine Majestät hat uns mit seinem Dank ein Geschenk von 10 türkischen Pfund für unsere geschicktesten Arbeiterinnen und 50 türkischen Pfund für unsere Knaben- und Mädchenschulen mit der Bitte übermitteln lassen, das von uns versprochene Ideal ausrecht zu erhalten und vornehme aufrechte Menschen heranzubilden. Die beschenkten Schülerinnen haben sofort die Summe von 10 türkischen Pfund zur Ansangseinrichtung eines Physiklaboratoriums bestimmt, um das Andenken des Adrianopeler Besuchs unseres erhabenen Monarchen für immer festzuhalten. Ihr Dankbrief lautet: „Majestät! - Unsere Schulvorsteherin hat uns mitgeteilt, daß Sie uns die große'Ehre erwiesen haben. Unser bescheidenes Erinnerungszeichen anzunehmen, und daß Sie geruht haben, uns eine Belohnung dafür zu gewähren.