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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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unter Mißhandlungen zu leiden hatten, waren nicht Türken, sondern die „Fremdvölker", namentlich Griechen, auch Araber^ Kurden usw. die Peiniger: Es darf auch daran erinnert werden, daß jüdischen Beamten und Soldaten in der Türkei die Befolgung der jüdischen religiösen Vorschriften in einem so weitgehenden Maße wie wohl nirgends sonst in einem modernen Staate, gestattet und ermöglicht wird. Aber leider müssen wir gestehen, daß von jüdischer Seite — wenigstens von abendländischen Juden, von einflußreichen Finanzmännern und Journalisten, bis herab zu den kleinen europäischen Juden, die sich in der Türkei niedergelassen haben und dort , ihr Brot erwerben — diese edle, großmütige Politik des türkischen Reiches manchmal recht wenig gewürdigt und nicht mit Dank vergolten wurde. Beispiele ließen sich hierfür nur allzuviele anführen. Sollte es nicht wenigstens jetzt, da es sich darum handelt, der Türkei für die nächsten Jahre über eine kritische Finanzlage hinwegzuhelfen, für die Juden am Platze sein, sich des Guten zu erinnern, das die Osmanen den Juden erwiesen? In erster Linie gilt dies natürlich für die deutschen und österreichisch-ungarischen Juden, nachdem der französische und englische Geldmarkt — voraussichtlich für längere Zeit — der Türkei versperrt ist. Auch abgesehen von letzterem Umstande wäre es schwer, an die französischen und .englischen Juden Ermahnungen gleicher Art jetzt zu richten. Halten es die französischen und englischen Juden für ihre patriotische Pflicht, den Wünschen ihrer Regierungen und den vermeintlichen Interessen ihres Vaterlandes entsprechend sich gegenüber höheren Rücksichten kultureller und humanitärer Natur ablehnend und feindlich zu verhalten, so ist ein Versuch, sie im gegenteiligen Sinne zu beeinflussen, kaum tunlich und auch wenig erfolgversprechend. Seien daher wir deutsche Juden wenigstens froh, daß für uns keine solche Bedenken bestehen. Das Deutsche. Reich hat nicht den geringsten Vorteil davon, wenn im Orient Barbarei und Verwirrung herrscht. Im Gegenteil wird man behaupten dürfen, daß den deutschen Interessen am besten der kulturelle, materielle und moralische Fortschritt der Völker des Orients entspricht, daß dies auch die Anschauung der deutschen Reichsleitung ist. kann nicht dem leisesten Zweifel unterliegen. Dasselbe gilt in gleichem Maße von den Ländern und Regierungen Oesterreich-Ungarns. Die deutschen und österreichisch-ungarischen Juden sind also hier in der glücklichen Lage, daß ihre jüdischen und humanitären Interessen völlig Hand in Hand gehen mit ihren patriotischen Interessen und Pflichten. Möchten also doch, nachdem das deutsche und österreichische Kapital sich anschickt, an die Stelle des französischen zu treten und das türkische Reich zu unterstützen, die Juden hierbei nicht zurückstehen! In erster Linie, wie schon hervorgehoben, die deutschen und österreichisch-ungarischen Juden; aber auch die Juden anderer Länder, soweit es ihnen die Umstände gestatten, z. B. Hollands, Nordamerikas usw., sollten es als eine gute Tat betrachten, Gutes mit Gutem zu vergelten. Dabei bin ich keineswegs so naiv, zu erwarten, daß unsere Reihen einzig und allein oder auch nur überwiegend sich bei ihren Geldanlagen von ethischen Rücksichten werden leiten lassen. Gelderwerb und menschenfreundliches Wirken sind nun einmal nicht identisch. Wer keinen Glauben an die Ehrlichkeit oder die Fähigkeit der Türkei hat, wird sich natürlich auch durch ideale Rücksichten nicht bestimmen lasten, größere Geldsummen aufs Spiel zu setzen. Darzulegen, daß die Türkei mindestens soviel Kredit verdient, wie mancher Staat, dem erspartes. Geld fast im unbegrenzten Maße ohne Bedenken anvertraut wird, ist hier nicht der Platz; die „Allgemeine Zeitung des Judentums" ist kein Börsenblatt. Aber das kann man bei aller Berücksichtigung der realen Verhältnisse und der harten Notwendigkeit des Hebens doch wohl verlangen, daß auch in reinen Geschaftssachen die Moral nicht ganz unberücksichtigt bleibe. Die schärfste Verurteilung verdient der elende Entschuldigungsgrund, den jüdische Kapitalisten so häufig für den Ankauf beispielsweise russischer Werte gebrauchen: „Geschäft ist Geschäft." „Sentimentale Rücksichten können in Geschäftssachen keine Rolle spielen." Oder sollte wirklich unser Gewissen schon so stumpf und matt sein, daß ethische Rücksichten im „Geschäft" ganz unbeachtet oder fast unbeachtet bleiben? Soll das „Geschäft" nicht verächtlich und unanständig sein, so wird die Moral mit zu Rat gezogen werden müssen- Die Moral wird natürlich nicht der einzige Faktor, aber doch immerhin ein Faktor sein müssen, der mit in Berechnung gezogen wird. „Moral" muß aber — und das möchte ich mit allem Nachdruck noch betonen — im weiteren Sinne verstanden werden, als es — leider — noch viele Mitglieder der „güten Gesellschaft" verstehen. „Wer mit dem Strafgesetzbuch niemals in Konflikt kommt, ist darob noch lange kein anständiger Mensch" dieser Satz verdient noch eine bedeutende Ausdehnung. Gar manches, was die gedankenlose Menge für erlaubt und unbedenklich hält, vermag vor dem Richterstuhle des eigenen Gewissens nicht zu bestehen. Möchte also doch, nachdem die früher freiheitlich und. human gesinnten Staaten sich mehr und mehr in den Dienst der Tyrannei und Völkerbedrückung stellen, um so mehr jeder einzelne — namentlich unter uns Juden — es für seine heilige Pflicht halten, nach Kräften alles zu vermeiden, was unmenschlichen und freiheitsfeindlichen Regierungen förderlich ist, dagegen nach Möglichkeit ein Scherflein beizutragen, um human gesinnte, bedrängte Völker im Kampf ums Dasein zu unterstützen. Ein großer Teil unter den Juden — wenn auch nicht so viele, wie unsere Freunde zu behaupten pflegen — ist wohlhabend, manche sogar reich. Möchte ein jeder derselben sich bewußt sein, daß unter den heutigen Verhältnissen der Ankauf von Schuldverschreibungen eines Staates von recht bedeutendem Einflüsse auf die kulturelle und politische Zukunft ganzer Völker sein kann; möchte das, was jüdischer Fleiß und jüdische Sparsamkeit erworben, nicht mehr in hervorragendem Maße juden- und menschheilsfeindlichen Staaten zur Verfügung gestellt werden, sondern teilweise dazu dienen, solche Staaten, für die eine höhere Moral die Richtschnur ist, zu unterstützen! Die Mochr. Berlin, den 22. November. us München schreibt man uns: Aus der Verordnung des königlich bayerischen Justizministeriums vom Frühjahr 1910, betreffend die Hausordnung in Gefängni ssen, mögen folgende für die jüdischen Verhältnisse in Bayern nicht uninteressanten Bestimmungen hervorgehoben werden:

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