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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-25 · Heft 47 (25.11.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang.. Nr. 47 Berlin, 25. November 1910 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Dies- - Zeitung erscheint, wöchentlich.' Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o^er die past (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstcllen) bezogen - - viei teljährlich 3 NI. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon . Unter Leitung des . Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adress- Verlag der^ „Allgein. Zeitung des Iudentum»", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten.- Verlag von Budolf rNoffe, Berlin.^ ~fltTfT£llt Staatsanlehen und Moral. — Die Woche. — Die Juden *) IHJ UU« im deutschen Heere. — Aus Abraham Geifers Freundeskreis. — Isaak Markus Jost. Von.Samtütsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. — Zur Erinnerung-an Dr. Leopold Stein. Von Dr. Adolph Kvhut. — F eu i ll e t o n: "Das Juden grab in der Steppe. Erzählung von S am G o rd o n. 'Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Lit er arische Mitteilungen. Der Geurein-ebotc (Beilage zur .Allgemeinen Leitung des Judentums"). BePin. Posen, Hamburg, Kiel. Dortmund, Magdeburg, Osfenbach a. M., Worms, Paris. — Bon Aah und Fern. Ltsatssnlrhen und Morst? as schon öfter — aber bei wertem noch nicht genug — erörterte Thema „Staatsanlehen und Moral" fordert angesichts der höchst merkwürdigen türkisch-französischen Anlehensverhandlungen wiederum zu manchen Betrachtungen -heraus, die namentlich für uns Juden interessant und lehrreich, aber leider nicht dazu angetan sind, einen Menschenfreund mit Freude zu erfüllen. Es braucht kaum daran erinnert zu werden, wie einem fluchbeladenen Staate, der die heiligsten Menschenrechte auf Schritt und Tritt, mit Füßen tritt, mit Freude und Begeisterung Milliarden ohne jede Schwierigkeit zu den günstigsten Bedingungen zur Verfügung gestellt werden — ganz zu schweigen von anderen'Akten der Sympathie und Freundschaft seitens der „edlen Vorkämpferin für die Menschenrechte" und des freien Albion — und hier ... Wie kaum ein anderer Staat der Welt hat die Türkei — trotz vieler Sünden auf anderen Gebieten — die größte Toleranz gegen die verschiedenen Rassen und Religionsgesellschaften geübt; die gegenteilige Behauptung gehört zu den ungeheuersten Lügen der Weltgeschichte. Und wie hat das liberale Europa die Türkei hierfür belohnt?! Schmähungen und Beschimpfungen in unerhörtem Maße, Uebergriffe und Rechtsverletzungen jeder Art, ein förmliches System von Fesseln, um jede wirtschaftliche und politische Gesundung zu verhindern . . . - „Nicht gegen das türkische Volk richtet sich unser Zorn, sondern gegen die türkische Regierung, gegen die Mißwirtschaft der türkischen Despotie; wir sind also gerade die wirklichen Freunde des türkischen Volkes," so lautete die Parole, die durch alle Entrüstungsstürme der „Philanthropen" in England und anderwärts sich durchzog. Nun gutdie Despotie rst beseitigt — durch eine Revolution, wie sie in der Geschichte fast einzig dasteht, fast ohne Bluth Der folgende Artikel ist mir von einem hervorragenden Bemten jüdischen Glaubens eingesandt worden. vergießen, ohne daß die Fremdvölker zu leiden hatten — und was sehen wir? Feindseliger und heimtückischer noch als zuvor tritt der größte Teil des liberalen Europa der neugeborenen Türkei in den Weg. Dem Despoten Abdul Hamid borgte man Geld, wenn auch unter drückenden, so doch immer noch erträglichen Bedingungen. Der liberalen, konstitutionellen Türkei erwidert man auf ihr Darlehnsgesuch: „Nur unter der Bedingung, daß wir zwei Spione bei den höchsten Behörden Eures Landes unterhalten dürfen, die von den wichtigsten Geheimnissen Eurer Staatsmaschinen jederzeit Kenntnis erhalten müssen, damit wir diese Geheimnisse unserem Freunde und Bundesgenossen, der zufällig Euer Erbfeind st, Mitteilen können." Also handelt die edle Vorkämpferin für die Menschenrechte das republikanische Frankreich, und das freigesinnte, philanthropische England spendet lauten Beifall. Was haben die unglücklichen jüdischen Volksmassen, denen keine andere Waffe zur Verfügung steht, als der Appell an das Gewissen der „zivilisierten" Menschheit, von dieser „zivilisierten" Menschheit hiernach zu erwarten? Und doch regt sich hier ein Gefühl, das noch bitterer ist — das Schamgefühl. ... Das bitterste Unrecht, das uns ein anderer,, sei es auch ein Frennd, zusügt, tut nicht so weh, als das Bewußtsein, daß wir selbst unwürdig und schmachvoll gehandelt. Haben. . Vor, während und nach den scheußlichsten Pogromen schämten sich zahllose jüdische Kapitalisten — nicht nur in Frankreich, sondern auch anderwärts, namentlich auch in Deutschland — nicht, große Summen in russischen Staatspapieren anzulegen, jüdische Bankiers halfen emsig, neue russische Anlehen an den Mann zu bringen. Wie ganz anders dagegen bei türkischen Anlehen! Und doch schulden die Juden der Türkei unermeßlichen Dank.. Wenn ich oben von der großen Rassen- und Religionsduldsamkeit der Türken sprach, so gilt dies namentlich in. bezug auf die Juden. Es braucht kaum daran erinnert zu werden, wie nach der Vertreibung der Juden aus dem damaligen „ersten Kulturstaate" Spanien viele Tausende von ihnen in der „barbarischen" Türkei in der humansten Weise Ausnahme fanden und so vor dem sicheren Untergange gerettet wurden. Auch sonst wurden Juden und Judentum , von dem türkischen Volke gut behandelt, von den türkischen Machthabern nach Möglichkeit geschützt. Metzeleien gegen die Juden-fanden unter der -türkischen Herrschaft wohl niemals statt; wo sie

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