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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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zn dem er nunmehr in Berlin berufen wurde, und das er vorbildlich 27 Jahre hindurch ausgeübt hat. Am 11. November 1883 wurde die jüdische Alterversorgungsanstalt in der Schönhauser Allee eröffnet, uud seit diesem Tage hat sie der jetzt Verblichene mit seltener Hingabe in unermüdlicher Treue und Pflichterfüllung als Inspektor geleitet. Sein Dienst war ihm Herzenswerk, sein Amt Lebensinhalt- Mit Ernst und Umsicht wurde er seinen vielgestaltigen Pflichten gerecht und erwarb sich dadurch die vollste Anerkennung und Wertschätzung seiner Vorgesetzten und darüber hinaus, durch die Güte und Lauterkeit seines Herzens, die Freundschaft und Liebe aller, die ihn kannten. Den Insassen seines Heims endlich, seinen „Alten", war er der treueste Berater und Vertraute, ihr Helfer und Vater, an dem sie mit einer geradezu rührenden kindlichen Liebe hingen. Die Beisetzung' erfolgte unter großer Beteiligung aus dem Friedhof in Weißensee. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig, der mit beredten Morten das segensreiche Leben und Wirken des Entschlafenen würdigte. Ehre seinem Andenken, das unvergessen fortleben wird als die Erinnerung an einen guten, edlen Menschen. — Berlin, 14. November. Der Verein für Arbeitsnachweis, (Monbijouplatz 10, Telephon-Amt III, 2589) begründet von den Berliner Logen U. O. B. B. im Jahre 1896, schreibt uns: Die geringere Anzahl der im Berichtsmonat Oktober die Dienste des Vereins in Anspruch nehmenden Arbeitslosen läßt den Schluß zu, daß die Arbeitsgelegenheit auf dem Berliner Markte sich gebessert hat, umsomehr als auch die Summe der in allen drei Abteilungen zur Kenntnis des Bureaus gekommenen Vakanzen eine aufsteigende Tendenz zeigt. Es wurde insgesamt 278 Personen Arbeit verschafft, und zwar im einzelnen 72 Kaufleuten, 115 gewerblichen Arbeitern und 91 Handlungsgehilfinnen. In der Schreibstube des Vereins, in der schriftliche und maschinelle Arbeiten, Masfenversand von Reklamen usw. zu mäßigen Preisen ausgeführt werden, fanden eine Anzahl stellungsloser Bewerber vorübergehend Arbeit und Verdienst. Eine gleiche Tendenz verfolgt auch die Inkasso-Abteilung des Vereins, in welcher Vereins beitrüge gegen Erstattung der Selbstkosten eingezogen werden. W. Posen, 11. November. Die öffentlichen jüdischen Volksschulen in den Gemeinden unserer Provinz verfallen nach und nach der Auflösung. So ist die jüdische Schule in Rakwitz aufgelöst und mit der evangelischen Schulsozietät vereinigt worden, zuletzt besuchten nur noch acht Kinder die Schule. Der bejahrte Lehrer Herr Josephsohn tritt krankheitshalber in den Ruhestand. Der Grund, daß die Schulen ihre Existenzberechtigung aufgeben, ist einzig und allein die Uebersiedlung der begüterten Mitglieder nach größeren Städten. Die Zurückgebliebenen sind dann nicht imstande, die Schullasten zu tragen. Keinesfalls ist es anzunehmen, wie von gewisser Seite behauptet wird, die Rabbiner hätten ein Interesse daran, die jüdischen Schulen eingehen zu lassen. Im Gegenteil: Rabbiner und Lehrer sind die gemeinsamen Arbeiter in den Religionsschulen, das Fortbestehen der Schulen ist nicht ohne weiteres zu Hintertreiben, da doch seitens der Regierung ein Zuschuß von 500 Mark jährlich an die Sozietät der einklassigen Schule gezahlt wird. K. Hamburg, 11. November. Der hiesige Tempel-Verband plant den Bau eines neuen Gotteshauses. Die Tempelgemeinde in Hamburg besteht mehr denn 90 Jahre. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts schlossen sich eine Anzahl angesehener Hamburger Gemeindemitglieder zusammen, um einen liberalen Verband zu gründen. Die Gründung des Tempelverbandes in Hamburg war bahnbrechend für die gesamte liberale Bewegung der deutschen Juden. In Hamburg wurde außer anderen Reformen auch die Orgel eingeführt. Die von Hamburg ausgehenden Resormbestrebungen im jüdischen Gottesdienst fanden hierauf ihren Weg in die meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands. Das .erste Gotteshaus des Tempelverbandes befand sich in der Brunnenstraße, hier wirkten noch die berühmten Prediger Dr. Kley und Dr. Salomon; vor etwa 70 Jahren wurde der jetzige Tempel in der Poolstraße errichtet. Dieses Gotteshaus genügt jedoch heute nicht mehr allen Anforderungen. Der Verband beabsichtigt, ein weit größeres Gotteshaus zu errichten, nebst anschließenden Räumen zur Abhaltung von Vorträgen und zum Unterricht der Jugend. Die Platzfrage ist noch nicht entschieden, doch wird der neue Tempel voraussichtlich in Harvestehude oder Eppendorf erbaut werden. Es hat sich ein Komitee gebildet, welches sich nlit einem Appell an die Gemeindemitglieder aller religiöser Richtungen wendet. Von einer kleinen Anzahl Männer ist bisher der Betrag von 150 000 Mark gezeichnet worden, doch sind weit größere Mittel erforderlich, um den geplanten Bau zu unternehmen. er. München, 11. November. Am 9. ds. Mts. wurde die im hohen Alter von 97 Jahren verstorbene Henriette Marx, die Witwe des schon vor Jahren verstorbenen Königlich Bayerischen Majors I. Marx, zu Grabe getragen. In der^Leichenrede gedachte Herr Rabbiner Dr. Werner des Umstandes.' daß mit der Verstorbenen die älteste Frau der hiesigen Kultusgemeinde geschieden sei, daß der Ehemann der Verstorbenen, wie die Verstorbene, ein treuer Anhänger des Judentums war, dieses aber kein Hindernis war, daß er im aktiven bayerischen Militärdienste die für die damalige Zeit hohe Rangstelle einnahm. Unter den Leidtragenden befand sich der Sohn der Verstorbenen, der als Hauptmann aus dem aktiven Militärdienste schied, und hat wohl manchen der Gedanke mit einer gewissen Wehmnt erfüllt, daß die Verhältnisse der Anstellung von Juden im aktiven Militärdienste trotz des Gesetzes vom Jahre 1869 sich jetzt so geändert haben. Aus dem Leben der Verstorbenen mag erwähnt werden, daß sie sich bis an ihr Lebensende eine seltene geistige Frische und namentlich den frohen Sinn für die schönen Künste und Musik bewahrte, vielleicht auch noch daran erinnert wurde, daß sie noch bis vor wenigen Jahren dem hiesigen israelitischen Verein für Bekleidung von Schulkindern zur Chanuka» bescherung eine größere Anzahl selbst gefertigter Kinderstrümpfe alljährlich überreichte. L. Burgkundstadt, 11. November. Anläßlich der 100 jährigen Geburtstagsfeier des am 2. Dezember 1882 in Frankfurt a. M. verstorbenen Rabbiners Dr. Leopold Stein wurde vergangenen Samstag, den 5. d. M. eine Gedächtnisfeier in der hierzu festlich geschmückten Synagoge abgehalten. Herr Distriktsrabbiner Dr. E. Gier stein schilderte in erhebender und zu Herzen dringender Weise das Wirken und Walten des Gefeierten während seiner Amtstätigkeit von 1835 bis 1844 in hiesiger Gemeinde. Die zahlreichen Teilnehmer waren von diesem Vortrage sichtlich gerührt, und wird unsere Gemeinde nach wie vor ihren ehemaligen geistlichen Führer ein ehrendes Andenken bewahren. Seesen <*♦ H., 9. November. Das jährliche Schul- (Stiftungs)-Fest der hiesigen Jacobson-Schule zeichnete sich in diesem Jahre durch seinen besonders feierlichen Charakter aus. Vollzog es sich doch im Zeichen der Erinnerungsfeier an das 100jährige Bestehen des Jacobson'schen Tempels. So wurden denn die festlichen Veranstaltungen diesmal eröffnet durch einen weihevollen Festgottesdienst. Hebräische und' deutsche Chorgesänge wechselten ab mit hebräischen und deutschen Gebetvorträgen. Den Glanzpunkt der Feier bildete aber die groß angelegte Weihepredigt des Landesrabbiners Herrn Dr. Rülf aus Braunschweig'. Schon in früheren Jahren hat sich Herr Dr. Rülf eingehend mit der Geschichte der Jacobson- Schule und ihres Tempels beschäftigt. Ausgehend von dem Psalmwort: Samäcliti b’omrim li beth adonai, nelech, schilderte der Redner Jacobsons tiefreligiöses Empfinden, in welchem seine Ueberzeugung wurzelte, daß die weltliche Bildung gekrönt werden müsse durch die religiöse. Schule und Gotteshaus seien aufeinander angewiesen und nur, wenn beide Hand in Hand arbeiten, würden sie ihrem Zwecke, tüchtige und gute Menschen heranzubilden, genügen. Neben der Schule sollte darum auch das Gotteshaus stehen. Im Hinblick auf diese dem Gotteshause im allgemeinen und dem „Jacobstempel" im besonderen zugewiesene Aufgabe, warf Redner nun die Frage auf, ob der letzere jederzeit im Geiste seines Stifters seine Aufgabe erfüllt habe und kennzeichnete dessen segensreiches Wirken als Lehr- und Bethaus, um zum Schluß Gottes Schutz zu erflehen für dieses Gotteshaus und die gesamten Jacobson'schen Stiftungen. Von den übrigen Veranstaltungen unseres Schulfestes sei noch die an den Festgottesdienst sich anschließende akademische Feier erwähnt, bei der Herr Direktor Dr. Friedland über die Geschichte des Tempels der Jacobson-Schule sprach. Er wies in seiner Rede darauf hin, daß der Tempel ein Baudenkmal von kunsthistorischer Bedeutung sei und wiederholt die Aufmerksamkeit von Kunstverständigen auf sich gelenkt habe. Der Stil sei der sogenannte klassizistische oder das „Empire",

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