Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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jüdischer Eltern jn Offizieren befördert wurden. Dieser grundsätzliche Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses von den Offizierstellen ist verfassungs- -und reichsgesetzwidrig und widerspricht nicht nur den Einrichtungen aller anderen zivilisierten Großstaaten, sondern auch der Ueberlieferung des preußischen Heeres, der allgemeinen Verfügung des Kriegsministers vom 10. Juni 1908 und den Armeebefehlen des Kaisers. Die heutige Versammlung erhebt Widerspruch gegen die Fortdauer dieses Zustandes. Der Vorsitzende wird beauftragt, vorstehenden Beschluß zur Kenntnis des Reichskanzlers, des Militärkabinets, des PreußischenKriegsministeriums und der Mitglieder des Deutschen Reichstages zu bringen. *.* Berlin, 14. November. Das Komitee für Chanukah-Rescherung erstattet folgenden Bericht: Im Jahre 1909 durften wir auf das 25 jährige Bestehen unseres Komitees zur Chanuka- Beschenkung armer jüdischer Kommunalfchüler zurückblicken. Die in jenem Jahre eingegangenen Beiträge haben die Summe von 19990 Mark ergeben, einschließlich zweier Spenden in Höhe von 1000 Mark seitens Herrn und Frau Professor Liebermann und Herrn und Frau Georg Lachmann. — Außerdem sind uns viele wertvolle Textilstoffe, Kleidungsstücke, Bücher und andere Gegenstände zugegangen. — Wir verausgabten: 22017 Mark. — 740 Familien mit 1480 Kindern wurden berücksichtigt; fast jedes Kind erhielt Kleidung, Stiesel und Wäsche nach Maß gefertigt. Zur Ausführung unserer Arbeiten beschäftigen wir ausschließlich kleine jüdische Handwerker und erleichtern diesen dadurch vielfach ihr Fortkommen. Die Herren Moritz Manheimer, Wolff Lewin und Sanitätsrat Dr. Otto Wiesenthal unterzogen sich freundlichst der Mühe, obige Rechnung an der Hand der Beläge zu prüfen; dieselbe wurde richtig befunden. So hoffen w r, die Spende im Sinne der Wohltäter verwendet zu haben und schöpfen hieraus den Mut, uns auch in diesem Jahre an den Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen zu wenden. Die herannahende Winterszeit erheischt wiederum unsere Hilfsbereitschaft für die Kinder der Mühseligen und Beladenen. Hoffnungsvoll ersehnen die Aermsten von neuem alle die nützlichen Gegenstände, welche sowohl ihrem körperlichen Wöhle dienen, als auch ihnen die tröstliche Gewißheit geben, daß sie, wenn sie auch arm, doch nicht verlassen sind. Die bisher in jedem Jahr sich betätigende Opferwilligkeit unserer Wohltäter gibt uns die Gewißheit, daß wir auch diesmal nicht vergeblich bitten werden. Jede der Unterzeichneten nimmt Gaben an Geld, Stoffen, Jugendschriften usw. mit Dank entgegen. Das Komitee für Chanukah-Bescherung: Frau Julie Neu mann, Vorsitzende; Potsdamer Straße 121 e; Frau Marcus Adler, Georgenstraße 46a; Frau Anna Bachmann, Königin Augustastraße 49; Frau Max Benjamin, Kaiserin Augustostraße 77; Frau Julius Böhm, Lützowplatz 3; Frau Dr. Frankl, Kürfürstenstraße 147; Frau Dr. Ginsberg, Karlsbad 7; Frau Professor Dr. Grabower, Genthiner Straße 43; Frau Anna Jtzig, Potsdamer Straße 31; Frau Professor Dr. Liebermann, Bendlerstraße 10; Frau Clara Meyer, Wichmannstraße 10; Frau Professor Dr.Max Masse, Kurfürstendamm 241; Frau Sanitätsrat Dr. Mühsam, Kurfürstenstraße 112a; Frau Louise Oliven, Alsenstraße 11; Frau LouisOppenheim, Potsdamer Straße 118a; Frau H elene Schönwald, Bismarckstraße 13; Frau Geheimer Sanitätsrat Dr. Stern, Potsdamer Straße 126; Frau Dr. Ungerleider, Magdeburger Straße33; Frau Sanitätsrat Dr. Otto Wiesenthal, Karlsbad 4; Frau Dr. Wreschner, Müllerstraße 173. — Berlin- 14. November. Ist es Zufall oder nicht? Die neue jüdische Mittelpartei hat mitten in der Wahlzeit ihre erste große Propagandaversammlung in Berlin dieser Tage abgehalten. Der Saal der „Gesellschaft der Freunde" war dicht besetzt, nicht ausschließlich von Anhängern der neuen Richtung, auch mancher Liberale war gekommen und ein ansehnlicher Teil von Zionisten unter Führung des Rechtsanwalts Dr. Klee. Aus München war Herr Rabbiner Dr. Werner als Vortragender hierhergeeilt, und sein Name hat gewiß auch manchen in die Versammlung gezogen, der sonst vielleicht ferngeblieben wäre. So mild und versöhnlich Herr Rabbiner Dr. Werner auch sprach, seine Ausführungen charakterisierten sich als eine tiefe Verbeugung vor den Orthodoxen und eine scharfe Bekämpfung des Liberalismus. Er erkürte im Anfänge einer Rede, daß er nur seine persönlichen Ansichten vortrage und man diese nicht als diejenigen der neuen Vereinigung durchweg ättsehen dürfe. Da aber weder aus der Versammlung noch'vom Vorstandslisch irgend eine abweichende Ansicht laut wurde, darf man wohl die Rede als eine offiziell-programmatische ansehen. Geht man dem Meisterwerk der Dialektik, das der Vortrag darstellt, mit der Waffe der Wirklichkeiten, der Tatsachen und des kühlen Verstandes zuleibe, dann stellt sich das schiefe Bild, das er-von den verschiedenen Richtungen entwarf, sofort klar heraus. Der Kern seiner Charakterisierung der Richtungen war der folgende: Für die Orthodoxie, so meint Dr. Werner, gibt es keine Entwicklung mehr in der Gegenwart, für sie ist die Entwicklung abgeschlossen. Die Gegenwart unsere Zeit, ist ausgeschlossen, bei Seite geschoben und hat keinerlei Rechte in der Fortbildung des Judentums. Die Liberalen umgekehrt schalten die Vergangenheit aus und vindizieren nur der Gegenwart alle Rechte. Da kommt denn die „Neue jüdische Vereinigung" und erklärt, wir wollen die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden, beiden ihr Recht geben, wir wollen historische Juden und zugleich moderne fein. Diese Hauptthese aber fälllt sofort in sich Zusammen, wenn man Liberalismus wie Orthodoxie fo betrachtet, wie sie sind, und nicht wie sie sich in der Vorstellung des Vortragenden spiegeln. Denn in Wirklichkeit schaltet weder die Orthodoxie die Gegenwart absolut aus, noch denkt der Liberalismus daran, den Faden, der uns mit der Vergangenheit verbindet, lösen zu wollen und nur das Recht der Gegenwart anzuerkennen. Auch die Orthodoxie, der Herr Dr. Werner seine tiefe Verehrung aussprach, ist heute nicht mehr, auch religiös nicht mehr diejenige, -die sie vor fünfzig Jahren gewesen ist, und aus dem Munde fast aller Führer des Liberalismus ist der Pflege und der Pietät des historischen Zusammenhangs mit der Vergangenheit das Wort geredet worden- Und auch die warme Fürsprache des Herrn Redners für die Erlernung des Hebräischen, die die Beifallsstürme der Zionisten errang, rennt offene Türen ein. Unter dem „Regime" der Liberalen ist in Berlin so vielfach Gelegenheit geboten, das Hebräische zu erlernen, wie nur irgendwo, und in den letzten liberalen Versammlungen ist gleichfalls von liberaler Seite der Unterricht in der hebräischen Sprache mehrfach befürwortet worden. Es sind nicht immer die Kinder der Orthodoxen, auch nicht die Kinder der Anhänger der neuen Richtung, die sich zum hebräischen Unterricht drängen. Die Liberalen aber sind daran ebensowenig schuld wie etwa Herr Rabbiner Dr. Werner dafür, daß es' auch in München eine recht stattliche Anzahl von Kindern gibt, die des Hebräischen unkundig sind und „keine Zeit" zur Erlernung desselben finden. Grade jene Verbindung der Vergangenheit mit der Modernen, die der Redner des Abents als das Signum der „Freien jüdischen Vereinigung" proklamierte, ist ja nichts anderes als die Standarte des Liberalismus. Und wäre nur dies das Ziel, so wäre eine neue Richtung kaum vonnöten. Wenn wirklich die neue Vereinigung nichts weiter sein will als eine kluge Schutztruppe der verehrungswürdigen Neu-Orthodoxie, dann wird sie schwerlich den Boden finden, den sie für sich erwartet. — Mit dem seinen Instinkte übrigens, der den Orthodoxen auszeichnet, glaubte Herr Conrad Schayer es just in dieser Versammlung aussprechen zu dürfen, daß die Liberalen nichts anderes als „Anarchisten" sind. Der Herr Vorsitzende, Handelsrichter Heilmann, ließ diesen etwas starken Ausdruck hingehen, ohne eine Rüge zu erteilen, weil, wie er erklärte, Herr Schätzer „es wohl nicht so schlimm gemeint habe". — Also schon Anarchisten! — Was sind doch die Liberalen für „grundschlechte" Leute! M. Berlin, 14. November. In der Fülle seiner Schaffenskraft ist am 11. d. M. der in weiten Kreisen bekannte und allgeliiein beliebte Inspektor der Alterversorgungs-Anstalt in der Schönhauser Allee, Herr Wolff Ch eim, jäh und schmerzlos infolge eines Schlaganfalles aus dem Leben geschieden. Wolff Cheim. dessen plötzlicher Tod bei allen, die ihn kannten, die schmerzlichsten Gefühle auslöst, war am 27. April 1852 in Rogasen geboren, wurde in Berlin erzogen und zum Lehrerberus bestimmt. Nach genossener Ausbildung im Berliner jüdischen Lehrerseminar wurde er, etwa 22 Jahre alt, als Lehrer in Kolmar (Posen) angestellt und verheiratete sich im Alter von 23 Jahren mit seiner Schülerin Franziska Lewin, mit der er 35 Jahre lang in glücklichster, aber kinderloser Ehe lebte. Nach mehrjährigem Wirken mußte er feinen Beruf infolge eines Unfalls, der ihn seines rechten Armes be raubte, aufgeben. Ein neuer Beruf eröffnete sich ihm in dem Amt