Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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14. Jahrgang. Nr. 46 Berlin, 18. November 1910 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums. Lorrrlpondrn?en und Mschrichtm. Deutschland. *** Berlin, 14. November. Die Reprasentanten-Wahlen stehen vor derTür. und die Wahlversammlungen wie die Flugblätter und Kandidatenlisten folgen einander auf dem Fuße. Es ist nicht in Abrede zu stellen,' daß diese Wahlen eine über das Lokalereignis hinausgehende Bedeutung haben, da Berlin ja doch nun einmal die Führung im deutschen Gemeindeleben hat. Wir können daher nur den Sieg der Kandidatenliste des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" wünschen, weil dieser Verein Wahrheit und Frieden auf seine Fahne geschrieben, und weil dessen Kandidaten, insbesondere die ausscheidenden Repräsentanten sich bereits im Dienste der Gemeinde als Männer erprobt .haben, - die das Judentum lieben, -die Bedürfnisse der Zeit kennen und darum dem Fortschritt huldigen. Mögen daher alle, denen das Wohl des Judentums und die Zukunft unserer Gemeinde am Herzen liegt, an der Wahl sich beteiligen, dann kann dem Liberalismus der Sieg nicht fehlen, der ja doch siegen muß, weil ihm die Zukunft gehört. j. Berlin, 14. November. Die am letzten Dienstag im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde (Rosenstraße) abgehaltene Jahresversammlung des „Verbandes für jüdische Wohltätigkeits-Pflege" war außerordentlich stark besucht. Außer 32 Delegierten der einzelnen Vereine hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden, das den weiten Saal bis zum letzten Platz füllte. Der von dem Vorsitzenden Herrn Justizrat Bresla uer erstattete Jahresbericht konstatierte einen erfreulichen Fortschritt in den Zielen, die sich der Verband gesetzt hat. Im Mittelpunkt der Tagung stand der Vortrag des Herrn Stadtrat Samter-Charlolienburg über öffentliche und private Armenpflege. „Nackte kleiden. Hungrige sättigen. Kranke pflegen", in diesem Bibelwort, so etwa führte der Vortragende aus, müßte sich eigentlich die Armenpflege erschöpfen. Aber, doch sei ein großer Unterschied zwischen dem, was alle Religionen ihren Anhängern als Armenpflege vorschreiben, und zwischen dem, was die moderne Armenpflege erfordert. Sie geht darauf hinaus, nicht augenblickliche Not vorübergehend durch Almosen zu bannen, sondern den Armen wieder auf die. eigene Kraft zu stellen. Die Mittel der öffentlichen Armenpflege seien unbeschränkt, sie haben jeden, ob In- oder Ausländer, zu unterstützen und dürfen niemand bevorzugen. . Der Herr Vortragende erörterte sodann die gesetzliche Ordnung und die gesetzlichen Folgen der Armenpflege und Armenunterstützung und stellte sich hinsichtlich der erforderlichen Verbesserungen auf einen weitherzigen und modern-sozialen Standpunkt. So ist er für Milderung jener Härten, die demjenigen das Wahlrecht entziehen, der irgendeine Armenunterstützung, wenn auch nur vorübergehend, erhält. Der Unterschied der öffentlichen und der privaten Armenpflege liege nicht im Ausgabenkreis, der bei beiden der gleiche sei, sondern hauptsächlich darin, daß die private Armenpflege mit beschränkten Mitteln zu rechnen habe, und daß sie nicht dem Zwange, wie die öffentliche Armenpflege, unterstehe, helfen zu müssen. Die private Wohltätigkeit zeige erfreulicherweise den Zug zur Zentralisierung, allein es sei notwendig, daß sie auch in engere Fühlungnahme zur öffentlichen trete. In Charlottenburg habe man sich seit zehn Jahren bemüht, die öffentliche und private Armenpflege vollständig zusammenzufäffen. Das Ziel sei nahezu erreicht. — An der Debatte beteiligten sich die Herren Saniiätsrat Dr. Feilchenfeld, der an den „unbeschränkten Mitteln der öffentlichen Armenpflege", wenigstens für Berlin zweifelt und unter anderem darauf hinweift, daß, wenn irgendeinmal für ein Kind mit jüdisch klingendem Namen Anstaltsfürsorge nötig werde, dies Kind nur in die Vororte gesandt 'werde, nach Lichterfelde usw. Auch die Unterscheidung zwischen Aus- und Inländer werde doch zuweilen gemacht. Wir wissen, daß Ausländer, wenn' sie sich nur' irgendwie bedürftig erweisen, lehr leicht per Schub über die Grenze befördert werden. Allerdings gehe es nicht, die Ausländer-Unterstützung in jedem Falle durchzuführen, so wenn z. V. Leute, die in den Unknlturländern verhungern, in Massen zu uns kommen und von uns Hilfe und Unterstützung begehren würden. Doch im Prinzip müßten Aus- und Inländer in der Armenpflege gleich behandelt werden. Aber da'das nicht immer geschieht, müssen wir uns unserer ausländischen Armen besonders annehmen. Ein Zusammenarbeiten mit der öffentlichen Armenpflege ist wohl ein Ideal, das sich aber nicht erreichen lasse. Die jüdische Armenpflege, die mit der Armenkommission der jüdischen Gemeinde zusammenwirke, habe den Organen der öffentlichen Armenpflege zwar die Hand gereicht, aber man habe sie nicht ergriffen. Will sie jetzt mit uns arbeiten, so muß sie unsrufen. Stadtrat G iemkiew i cz widerspricht gleichfalls der Annahme, daß die Mittel der öffentlichen Armenpflege unbegrenzt seien. Auch in Charlottenburg seien sie im Etat fixiert. Er bemängelt außerdem das jetzige Verfahren bei der Auskunftsstelle und wünscht statt der umschichtigen Anwesenheit einzelner Damen im El.renamt die Anstellun g einer Auskunftsperson, die ständig dort sei. Herr Dr. Levh erwidert, daß die Anregung des Herrn Stadtrat Giemkiewicz bereits in der Ausführung begriffen sei, und wendet sich dann gegen die Veranstaltung sogenannter Kinderhilfstage. Wenn die Juden ihr gutes Herz walten lassen, bedürfe es keiner großen Wohltätigkeitsfeste. Er weist dann gegenüber Stadtrat Samter auf den Unterschied zwischen. Theorie, und Praxis in der Armenfürsorge hin und auf den Unterschied derselben in einer leichter übersichtlichen Gemeinde wie Charlottenburg und den viel verwickelteren Verhältnissen Berlins. Antisemitismus in der Wohlfahrtspflege sei auch vorhanden, aber die jüdischen Kreise werden denn doch auch zur Arbeit herangezogen. Auch er tritt für ein Zusammenarbeiten der privaten und öffentlichen Armeupflege ein, Als Vorsitzender der „Zentrale für private Fürsorge" könne er sagen, daß die Zentrale im Konnex mit der öffentlichen ArmeNfürsorge bereits stehe. Nach einem kurzen Schlußwort des Herrn Städtrat Samter, dem Herr Justizrat Breslauer wärmsten Dank für seinen lehrreichen und anregenden Vortrag ausspricht, wird die Versammlung dann geschlossen. J. Berlin. 14. November. In einer am gestrigen Sonntag im großen Saal der Philharmonie abgehaltenen , öffentlichen Versammlung des „Verbandes der Deutschen Juden" und des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"; die von etwa 2000 Personen besucht war, sprachen die Herren Professor M. P hilippson und Landtagsabgeordneter Geh. Justizrat Cassel über „Die Juden im Deutschen Heere". Während der erstere Redner eine historische Uebersicht mit reichen statistischen Daten über die Juden als Soldaten seit den Befreiungskriegen gab und in eingehender Weise "die unerhörten Zurücksetzungen der-Juden bei der Wahl zum Reserveoffizier mit geistreichen Darlegungen der weitgehenden Bedeutung all dieser Zurücksetzungen schilderte zeichnete Herr Justizrat Cassel gleichfalls unter den lebhaftesten Beifallbezeugungen mit vielen : satirischen Strichen ein Bild des Werdeganges eines jüdischen Einjährigen und zerstörte vor allem die vielfach bestehende Meinung, daß die-Reserveoffizierkorps die Juden nicht wählten. Soweit, bis zur Wahl kommt es fast niemals, im letzten Jahrzehnt sei vielleicht ei nmal ein Offizierkorps dazu gekommen, eine Wahl eines jüdischen Offiziersaspiranten vorzunehmen. Auch erwähnte er eine mündliche Aeußernng des Kaisers aus letzter Zeit, die sehr entschieden mißbilligend lautet über die Berücksichtigung der Konfession bei der Auswahl von. Reserveoffizieren und unbedingt verlangt, daß lediglich die Tüchtigkeit des einzelnen für die Wahl zum Reserveoffizier ausschlaggebend sein soll. Die unter der Leitung des Herrn Justizrat Horwitz stehende Versammlung nahm schließlich die folgende Resolution einstimmig an: Seit länger als einem.Vierteljahrhundert ist innerhalb des preußischen Kontingents kein einziger Soldat jüdischen Glaubens zum aktiven oder Reserveoffizier befördert worden, während wiederholt christliche Söhne