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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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551 j Du kannst es dadurch beweisen, indem Du zu meiner Frau einige freundliche Worte sprichst." Marfas Antwort bestand darin, daß sie ihm wortlos den Rücken zuwendete und langsam zum Fenster schritt. „Mutter, sprich wenigstens ein Wort," drängte er. Als aber Marfa noch immer stumm blieb und geflisientlich seine Blicke mied, da nahm er Rahel bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer. Marfa hätte freilich ein ganzes Jahr ihres Lebens gern hingegeben, hätte sie sich so weit überwinden können, um nur eine einzige Frage stellen zu dürfen-die Frage, nach der Bedeutung jener fremden, unverständlichen Worte, die sie gestern erlauscht und die ihr fortwährend im Gehirn herumspukten; allein es ging über ihre Kraft, auch nur das geringste Interesse für diese Verbindung zu bekunden; zumal sie sich dadurch als Horcher an der Wand verraten hätte, was Gregor sicherlich nicht ohne scharfe und empfindliche Rüge hätte hingehen lassen. Aber sie hätte ihr Gehirn nicht so sehr zu zermartern brauchen, sie hätte es gar leicht erfahren können, wenn sie den jungen Leuten nur eine kurze Strecke gefolgt wäre. — Rahel und Gregor gingen nämlich jetzt zu dein Grabe in der Steppe, und dort, bei den irdischen Überresten.feiner Schwiegermutter steckte Gregor einen glatten Goldring an Rahels rechten Zeigefinger, wobei er die altgeheiligte jüdische Trauungsformel laut und deutlich sprach: ^klares at mekudesches li!“ sei Du mir geheiligt, durch diesen Ring, zum Eheweibe, nach den Gesetzen Moses und Israels!" HI. Am Morgen nach der Hochzeit begab sich Gregor zu seiner Mutter, um ihr die Schlüssel des ganzen Hauswesens abzuverlangen. Marfa wurde feuerrot, und ihre Augen funkelten unheimlich, giftig, raubtierartig. „Mutter, Du kennst ja den Brauch in unserem Hause, daß der Schlüsselbund sich immer im Besitze der rechtmäßigen Hausfrau befindet." „Bist Du denn auch ganz sicher, daß die Landstreicherin sich nicht einige silberne Löffel aneignen wird, um sich auf- und davon zu machen," war ihre bissige Frage. Er lächelte leise über diesen vermeintlichen kindischen Trotz. „Wissen, beschwören kann ich es allerdings nicht, aber trotzdem werde ich es schon mit ihr wagen. Jedenfalls aber bitte ich Dich ernstlich, Mutter, daran zu denken, daß sie jetzt meine kirchlich und gesetzlich angetraute Frau ist, was sie auch früher gewesen sein mag, und daß ich jede Kränkung und Beleidigung scharf züchtigen werde." „Du kannst höchstens meinen Lippen ein Schloß anlegen, doch meinen Gedanken und Empfindungen kannst Du nicht gebieten," sprach sie kampfesgerüstet. Im nächsten Augenblick aber bereute sie schon, daß sie sich soweit hatte hinreiß n lassen, um dadurch ihren abgrundtiefen Haß gegen Rahel zu bekunden. „Denke immerhin, was Dir nur selbst beliebt; doch jetzt gib mir endlich die Schlüssel." Schweigend, mit bebenden Händen löste sie den Gürtel, an welchem diese befestigt waren, und legte ihn aus den Tisch. „Es ist besser so, Mutter. Es ist nun einmal eine vollendete Tatsache, mit der Du Dich wirst abfinden müssen. Vergiß aber nicht, daß ein sanftes Herz sich ein anderes erschließt. Wir verlangen von Dir nichts weiter, als daß Du uns gestattest. Dich als Kinder zu lieben und zu achten." „Und Du fängst damit an, indem Du mich vor ihr demütigst.-—" „Das ist ein häßliches Wort, Mutter. Aber diese Maßnahme ist notwendig, um Dich allzeit daran zu erinnern, daß meine Frau auch über meine Mutter steht." Bastian trat ein, um irgend etwas Wirtschaftliches zu bestellen. Gregor wendete sich zu ihm. „Bastian, ich habe vorhin bemerkt, daß Du an meiner Frau vorübergingst, ohne Dich vor ihr zu verbeugen und ohne Deine Kappe abzunehmen. Merke es Dir ein für allemal, wenn dies noch ein einziges Mal geschieht, dann wirst Du es Dir selbst zuzuschreiben haben, daß Deine unausbleibliche Strafe die sein wird, den ganzen Winter überhaupt ohne Kopfbedeckung herumzulaufen. Sage dies auch den anderen Knechten, daß sie sich danach richten. Auch Du, Mutter, denke daran, was ich dir vorhin sagte." Mit festen Schritten verließ er das Zimmer, die beiden Verbündeten in ohnmächtiger Wut zurücklaffend. „An was sollen Sie denken?" unterbrach Bastian endlich das unheimliche Schweigen. „An etwas Herrliches und Wundervolles, worüber ich eigentlich einen Freudentanz aufführen möchte," ries sie mit schneidender Ironie. „Etwas, das meine Träume mit Entzücken erfüllen wird: das Judenfrauenzimmer im Hause die erste Geige spielend und ich zum alten Eisen geworfen. Aber, Bastian Du brauchst mir meine Freude nicht zu mißgönnen-c hat ja auch für Dich etwas Herrliches ausgedacht. —-" „Ja, wenn ich nicht vor ihr im Staube krieche, werde ich das Vergnügen haben, dem Vogelgezwitscher im nächsten Frühling mit erfrorenen Ohren zuhören zu können.-" „Und Deine Tochter Sascha kann ebenfalls ihre Jugendträume zu Grabe tragen, und sich mit dem Gedanken beizeiten vertraut machen, ihr Lebenlang der „Gnädigen Frau" die Schuhe zu Putzen." Beide schwiegen jetzt; doch ihre Blicke begegneten sich, und jeder wußte ganz genau, was im Gehirn des andern vorging. „Sprich Du zuerst," begann endlich Marfa, „Du bist der Mann und außerdem der gekränkte Vater Deiner enttäuschten Tochter." „Nein, Sie zuerst," widersprach Bastian: „Sie sind ja am schwersten beleidigt worden." Und Marfa sprach, und Bastian nickte beifällig. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Der böse Blick und Verwandtes. Ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens aller Zeilen und Völker. Von Dr. -S. Seligmann, Augenarzt in Hamburg. Zwei Bände. Groß Oktav. LXXXVIII, 405, XII, 525 Seiten. Mit 240 Abbildungen. Berlin 1910. Verlag von Hermann Barsdorf in Berlin W. 80. Broschiert 12 Mark, in zwei Originalbänden 15 Mark. Der „böse Blick" oder das „böse Auge" ist, nach der richtigen Definition des Verfassers, S. 2, der Glaube, daß gewisse Menschen' Tiere oder Geister die Kraft besitzen, durch bloßes Ansehen anderen Personen, ganz besonders Kindern, Haustieren, Pflanzen und sogar leblosen Gegenständen Schaden zufügen zu können. Unter den vielen Mitteln des Verzauberns steht das menschliche Auge ohne Frage an erster Stelle, und eine Geschichte des bösen Auges ist ein Ausschnitt aus der allgemeinen Geschichte des Aberglaubens und Zauberwesens. Wie stark verbreitet und wie tief eingewurzelt dieser Aberglaube war und ist, zeigt schon die große Zahl der Ausdrücke für den Augenzauber in den Sprachen der zivilisiertesten Völker des Altertums und der Gegenwart. In der „Sprachentäbelle" des Verfassers (S. 48 bis 63) nehmen gerade die Kulturvölker: Griechen und Römer, Franzosen und Italiener, Deutsche und Engländer den breitesten Raum ein. Der „böse Blick" im engeren Sinne, als Behexung der Kinder blüht noch heute im Denken und Empfinden der modernen Völker

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