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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 Das Iudengrsb in der Steppe. Erzählung von SamGordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. V. ■ 3 m Namen des Heilands, Gregor, tue mir diese Schande nicht an!" brach es wie ein Gebirgsstrom von ihren Lippen, während sie ihre Hände flehentlich faltete. „Bringe nicht dieses verfluchte Wesen in das Haus, das durch Deine Vorfahren, das durchDeine Mutter geweihtwurde. Ich beschwöre Dich, jage diese Unreine von unserer Schwelle, damit sie nicht den bösen Zauber noch ferner über uns ausübe. Ich wußte es ja gleich, daß ein Höllengeist mit ihr in unser frommes Haus eingekehrt war. Sie hat Dir das teuflische Verlangen in die Brust gehext, um Dich und uns alle zu verderben. Deine Liebe hat sie mir ja schon hinterlistig entwendet, und Du weißt doch, ich kann und mag ohne diese nicht leben." „Wenn Du mich wirklich so liebst, wie Du vorgibst, dann hättest Du auch nicht das Herz gehabt, mir zu fluchen." „Vergib, mein Sohn, vergib mir —; ich war ja rasend, wahnsinnig vor Angst. Auch das ist ihre Schuld! Siehst Du es denn nicht ein, daß das Verderben bereits begonnen hat? Hat denn bisher jemals ein Zwiespalt zwischen uns beiden geherrscht? Hast Du je Ursache gehabt. Dich über mich zu beklagen? Oder ist es jetzt der Fall? Fehlt Dir irgend etwas zu Deinem Behagen? Oh, dann sage es mir, und der Sonnenaufgang soll mich schon wach finden, und die Mitternacht soll mein Streben sehen, um es nur für Dein Wohlergehen zu verwenden. Bist Du jetzt mit mir zufrieden? Sage ja, Gregor! Jage es fort, das Judenweib, die böse Zauberin-!" „Stelf auf, Mutter," war seine ernste Antwort. Wie eine gefräßige Wölfin sprang sie jetzt empor. Der Ton seiner Stimme ließ ihr keinen Zweifel, daß sie das Spiel verloren. „Bin ich nicht eine recht folgsame, gehorsame Mutter?" ries sie mit schneidendem Hohn. „Ich will nicht mehr jammern: ich sehe ja, dieses hergelaufene Weibsbild gilt Dir mehr als Deine Mutter, und — Tein Wille ist ja mächtiger als der meinige. Gehe nur hin zu ihr, und sage ihr, wie ich mich vor Dir im Staube gewälzt, wie ich mein Herz schwach und trocken geredet, daß aber dennoch alles vergeblich gewesen, daß Deine Ohren dennoch verstopft geblieben.-Sage ihr, wie ich um mein einziges Glück gekämpft habe und dennoch unterlegen bin, weil ihre Hexen« kraft sich mächtiger erwiesen als mein Schmerz, als meine Tränen. Und wenn sie in ihren buhlerischen Küssen und wollüstigen Blicken einen Augenblick innehält, dann kann sie ja lachen-lachen über mich, und über die Niederlage, die sie mir bereitet.-Ja, mag sie sich lustig machenaber, Gregor, sage ihr, daß auch ich lachen kann! Höre nur, wie ich lachen kann —! Und dieses Lachen -soll meine Mitgabe zu deiner Hochzeit sein —-." Und sie lachte — — und Gregor hörte noch lange die Ausbrüche dieses wahnsinnigen, höllischen Lachens --. Ein eisiger Schauer durchbebte seinen ganzen Körper; dennoch empfand er auch inmitten dieses Schreckens eine wilde, leidenschaftliche Seligkeit. Jetzt durfte ihm kein Mensch den Besitz seines Weibes streitig machen-er hatte es teuer erkauft — -- er hatte einen schweren Preis dafür bezahlt — — dieses Lachen seiner leiblichen Mutter.- Rahel hörte es ebenfalls in ihrem Zimmer, nur wußte sie nicht, was es zu bedeuten hatte. Dennoch preßte sie krampfhaft beide Hände an die Ohren und dachte ängstlich darüber nach, ob denn dieses Herz und Nerven zerreißende Gellen und Kreischen auch bis dort hinaus zum Grabe in der Steppe dringen könne, um die Mutter in ihrem Todesschlas zu stören. So gestaltete sich Rahels Derlobungsfeier mit Gregor. Eine Bekanntgebung an Freunde und Verwandte erfolgte nicht; wer es wissen wollte, konnte es ja leicht erfahren; auf dem Gutshose war. es kein Geheimnis. Wer es wußte, mochte es für sich behalten, oder auch dem Nachbar mitteilen: die Verlobten machten sich wenig daraus. Marfa sprach kein Wort weiter darüber; verschlossen trug sie den Haß in sich; nur hin und wieder, wenn es sie wieder einmal überwältigte und zu ersticken drohte, da mußte sie sich wieder gegen den alten Bastian Luft machen, und ihr Herz vor ihm ausschütten.. Dieser war ja schon die rechte Hand ihres Mannes gewesen und war auch jetzt der eigentliche Verwalter des Gutes, da Gregor sich sehr wenig darum kümmerte und nur in den seltensten Fällen eingriff. Auch Sascha gegenüber, Bastians Tochter, legte sich Marfa keinen Zwang auf; wußte sie doch ganz genau, daß auch Sascha alle Ursache hatte, aus persönlichen Gründen den fremden Eindringling zu beneiden, zu hassen und zu verabscheuen. Doch, wie gesagt, das Brautpaar kümmerte sich sehr wenig um all dieses, weder um Marfas Schweigen, noch um Bastians Fluchen, und am allerwenigsten um Saschas Eifersucht, die Gregor nur vermutete, von der aber Rahel auch nicht die geringste Ahnung hatte. Sie wußten auch nicht, daß diese drei abwechselnd vor Rahels Zimmer lauerten, um etwas von den Plänen und Absichten der Liebenden zu erlauschen. Heute stand Marfa wieder auf dem Horcherposteu, und da hörte sie etwas, das ihre Ohren schärfte. Außer den Gesprächen in der Landessprache, die sie natürlich ganz gut verstand, hörte sie noch die Worte einer fremden Zunge, deren Bedeutung und Sinn sie durchaus nicht fassen und begreifen konnte. Rahel sprach sie oft und oft vor, und Gregor wiederholte sie, wie ein Schulbube, der etwas auswendig lernt. Es schien eine regelrechte Lektion zu sein; denn häufig befahl Rahel dieses oder jenes Wort noch einmal zu wiederholen, was Gregor auch folgsam tat. Marfas Geduld wurde auf eine Axt Probe gestellt, denn es dauerte eine ganze Weite, bis Gregor es fließend hersagen konnte; lächelnd entschuldigte er sich immer, daß er der schönen Lehrerin mehr Aufmerksamkeit als dem Unterricht zuwende. Endlich aber ging es ganz glatt und geläufig, und als er fertig war, hörte sie Rahel sagen: „Jetzt bin ich bereit, mit Dir zu Deinem Priester zu gehen." Marfa wurde auch durch diese Bemerkung nicht klüger; sie wußte durchaus nicht, was sie daraus machen sollte. Jedenfalls war sie dadurch auf etwas Entscheidendes vorbereitet, und darum war sie keinesweges überrascht, als sie am nächsten Nachmittag die jungen Leute nach der Dorfkirche gehen sah, von wo, wie sie ganz genau nun wußte, sie als Mann und Weib zurückkehren würden. So war es auch, und eine Stunde später standen sie vor ihr. „Ich hielt es für das beste, Mutter, Dich nicht weiter zu bemühen," sprach Gregor, mit mehr Ernst als gewöhnlich. „Du hast ja auch aus Deiner Unzufriedenheit mit meiner Wahl kein Geheimnis gemacht; Dein Herz hat mein Unternehmen nicht gebilligt, und darum haben wir auf Deine Begleitung zur Kirche verzichtet. Du hättest unsere Bitte vielleicht als Kränkung, odergar als Spott aufgefaßt; dieses alles wollten wir Dir und uns ersparen. Ich glaube, Du wirst mir dafür dankbar sein, und i

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