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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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549 | ' So wollen wir uns hier der Aufgabe unterziehen, den Anstoß'der russischen Literatur an das Judentum, wie gesagt, skizzenhaft zu betrachten. Wir werden hier zweierlei zu unterscheiden haben: Individuum und Volk, Jude und Judentum. Der eine Dichter verachtet den Juden als solchen und mag vom Volke selber erbaut sein, der andere haßt das jüdische Volkstum als Nation und ist gegen einzelne Personen liberal. Diese beiden Nuancen, Individuum und Volk, wollen wir in der russischen Literatur zu unterscheiden versuchen?) Das Individuum. In der ältesten russischen Literatur spielt das jüdische Element keine vorzügliche Rolle. ' Und tatsächlich, was soll solch erhabenes und bedeutendes historisches Denkmal in einer solchen elenden Literatur, die nichts anderes als ihr „Brotsalz", als Volkslieder, Fabeln, Anekdoten, Legenden und dumme, abergläubische Teuselsgeschichten kennt? Der' ungebildete Russe, der weder die Welt, noch das Leben, noch die Geschichte kannte, befaßte sich mit seinem fetten Boden, seiner Herde, seiner Steppe, seinem Raube und wußte nichts von alledem, was ringsum ihn her in Europa die Gemüter bewegte. Was soll hier das jüdische Element? Dies wichtige Element suchte sein Pro und Kontra in den Kabinetts der französischen, englischen und deutschen Gelehrten, d. h. der Vertreter solcher Nationen, bei denen Kultur und Zivilisation ihr Domizil bereits gefunden. hatten. Aber in solch einem armen, elenden und ungebildeten Naturvolk — was soll , hier ein solch sprudelnder Geist wie der jüdische? Sobald die russische Literatur einigermaßen europäische Physiognomie bekommt, so taucht sofort das jüdische Element daselbst auf. Die ersten Schriftsteller hingen noch zu viel an der Nation, als daß sie für die Zivilisation ihres Volkes arbeiten könnten. Anstatt Aufklärung anderen Ländern zu entlehnen, wie es beispielsweise die Deutschen bei den Franzosen machten und dergleichen/ begnügte sich der russische Schriftsteller mit *4 seiner Herde und den gesegneten Produkten seines fetten Bodens. Wenn der Nationalismus sonst keinem Dichter zum Vorwurf gemacht werden könnte, so ist er eben hier nichts anderes, als der Ausdruck seiner Zeit, nämlich das Gegenteil von Bildung und Aufklärung. Erft mit Karamsin (1766 bis 1826), Schukowsky (1783 bis 1852), die im Auslande europäische Kultur kennen lernten und sie in die russische Literatur verpflanzen wollten, beginnt eine neue Aera für /die-russische Aufklärung. Diese Aera wird durch den größten russischen Nationaldichter A. S. Puschkin (1799 bis 1837) aüsgebildet. Erst nachdem die Borniertheit des Nationalismus eines Naturvolkes überwunden und vom Strahle der europäischen Kultur beleuchtet war, konnte eine echte Nationaldichtung entstehen, eine Nationaldichtung, welche in der Weltliteratur Platz finden könnte.- Solch ein Uebergangsstadium hatte so manche Literatur durchzumachen, besonders charakteristisch ist aber diese Erscheinung in der .Entwicklung der russischen Literatur. Und dadurch gewinnt I die Literatur an Gehalt, indem sie sich von der Mystik befreit und ideal wird. Sobald sie ideal geworden ist, so hat sie alle diese Evolution durchzumächen wie die Idee selber. ' . v I. ' ■? Der erste russische Dichter, der direkt an Juden stieß, war Gogol (1809 bis 1852). Gogol ist noch roh und ungeschlachtet; seine literarischen Erzeugnisie verraten noch die Plumpheit eines beschränkten Naturvolkes. Und doch ist für Rußland y Ein derartiges Thema ist meines Wissens noch nicht bearbeitet worden. das Erscheinen Gogols mehr oder minder epochemachend. Während vor ihm die russische Literatur mehrdidaktisch und * lyrisch war, entwickelt sich bei ihm die in Europa längst bekannte Form des Romans, welcher die praktische Seite des Lebens behandelt, das Leben zur Schule und die Schule zum Leben machen soll. Und das war der erste Grundstein zur Begründung des russischen Realismus, der später in- Dostojewski), Tolstoi, Turgenieff und der ganzen heutigen Schule, wie Potapenko, Korolenko usw., seine Ausprägung gefunden hat. Der heutige russische realistische Roman kann mit dem Deutschlands und -7 Frankreichs wetteifern. Daß Gogol aber noch nicht genau in die feinen Phasen des psychischen Lebens eingedrungen ist, beweist er im „Taraß Bulba", und zwar in der Personifikation des Schid (Jude). Der schreckliche Judenfeind konnte nicht 4 genug Gift in seine Feder gießen. Rußland kämpft mit Polen; ein bedeutender russischer Kasack Bulba sucht seinen Sohn Ostapp, der, vom Elternhause entflohen, ins feindliche Lager geriet. Er soll in Warschau sein. Aber wie solch eine unmögliche Aufgabe lösen? Aus den Händen der Polen? Schwerer wie aus den Händen des Löwen! In dieser seiner Not wendet sich Bulba an einen Juden, der „alles kann". v „Ich bin nicht genug gescheit," wendet sich Bulba an den Juden, „aber Ihr Juden seid dazu geschaffen (d. h. zu klugen ... Plänen). Ihr könnt sogar den Teufel beschwören, Ihr kennt alle Stücke, deswegen komme ich zu Dir." Und wie blamiert sich Bulba: der große reiche und vornehme Nüsse muß vor einem armen, abgelumpten Judchen das Bekenntnis ablegen, daß er dummer sei als er! Gogol ist der erste und größte russische Antisemit, der in der schmutzigsten Weise den Juden charakterisiert. Aber ohne, daß er es wollte, läßt er manche schöne Sitten des Juden durchschimmern. Bulba reitet in das Haus des „bekannten" Jankel in Uman im Gouvernement Kiew. Madame Jankel schaut durchs Fenster. „Wo ist der Shid?" wendet er sich frech > an die blasse Jüdin. „Er betet im anderen Zimmer!" war die bescheidene und lakonische Antwort der armgekleideten' Judenfrau. Also das Gebet, was einen edlen, unverdorbenen Menschen ' - hervorblicken läßt, ist ein Hauptfaktor des jüdischen Lebens. Aber Jankel empfindet noch die Zusammengehörigkeit zu 7 seinem Volke: in den fürchterlichsten Anklagen und Beschimpfungen Bulbas gegen die Juden erweist sich dieser arme; Jankel als ausgezeichneter Anwalt. Durch den grellen Pinsel Gogols erscheint der Shid Jankel schrecklich geldgeizig, und für Geld setzt Jankel sein Leben aufs Spiel. Aber der plumpe Judenfeind widerspricht sich bald. - J Einige Zeilen weiter schildert er das Elend der Juden, was Bulba auf seiner Reise nach Warschau bemerkt hat. Soll solch ein Jude, der in der größten Not lebt und von überall ausgeschlossen wird, nicht einmal Geld verdienen wollen, sich? und seine Familie zu ernähren? Muß er doch die schreck- } lichsten Mittel ergreifen, sein Brot zu verdienen, da er ja von überall ausgeschloffen wird. Konnte nicht eher hieraus auf einen ungeheuren Fleiß Jankels geschloffen werden. " ' Im Eifer des Gesprächs schreit Bulba aus: „Hört, Juden! 4 (Jankel hatte noch einige Glaubensgenossen zu Rate gezogen), 1. Ihr könnt alles auf der Welt; befreit mir meinen Ostapp!" 4 und Bulba ist selber erstaunt über den Fleiß, die Rührigkeit Findigkeit der Juden und muß schließlich Jankel „Salomon" \ nennen. (Fortsetzung folgt.) 4 "TM" ■ - ■ ■■ ■ ■ ■ ’ , : - . - ' ■ ' , ,/j

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