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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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elbft hinzu: „daß er durch sie lebe, aber nicht/ daß' er durch sie umkomme?" Und stellt er' nicht an einem anderen Orte den Grundsatz aus: „Niemals dürfen die Rabbiner eine Erschwerung auferlegen, wobei die Menschheit nicht bestehen könnte!" Wann und wo wir daher in betreff der biblischen Speisegesetze, bei denen die Welt nicht mehr bestehen kann, dem unberatenen Volke gewissenhaft Abhilfe leisten können, da sollte es überall geschehen nach jenem über zeitgemäße Gesetzesänderungen uns überlieferten Ausspruch des großen Maimonides, welcher Theologe und Arzt. in gleicher hoher Berühmtheit war: „Es ist besser, man nimmt ein Glied ab, wenn man dadurch den Gesamtorganismus retten kann." - Während die orthodoxen Mitglieder einer Gemeinde, die einen nicht orthodoxen Rabbiner von schwankender Haltung hat, stets die untrügliche Vorahnung hegen, er denke über Diese und jene Observanz anders wie sie, wisie es aber wohlweislich zu verbergen — was ihn immer in zweideutigem Lichte erscheinen läßt — so meine ich. Sie dürfen und werden umso größeres Zutrauen zu einem Manne fühlen, der Ihnen als offen und aufrichtig bekannt ist; und wenn ein solcher die ewig hohen Institutionen des Judentums: Sabbath, Festtag, Versöhnungstag, Gottesdienst, häusliche Andacht, sowie die göttlichen Vörschristen der Lebensheiligung und Menschenbeseligung warm vertritt und mit allem Nachdruck anempfiehlt, so werden Sie mehr und mehr die versöhnende Ueberzeugung gewinnen, daß es ihm auch damit ein wahrer Ernst sei, und Sie werden sagen: „Er ist neu, aber Jehudi beleck*) und seine Vertretung des Judentums nach außen ein Kiddusch haschem." * 2) ' Im Jahre 1835 wurde Stein Rabbiner und Prediger zu Burg- und Altenkunstadt, zwei bedeutenden gewerbetätigen Orten in Oberfranken. Dort legte er auch praktisch den Grund zu seinen reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiete des Synagogenkultus, indem er dort sein liturgisches Werk „Chissuk babbajith“, welches Bausteine zur Reform in deutschen Gebeten und Liedern darbot, erscheinen ließ. Stein liebte es, insbesondere aus dem Schatze der vortrefflichen alten Synagogenmelodien die schönsten zu wählen und ihnen deutsche Texte ünterzulegen. Die berühmteste dieser Arbeiten ist die Uebertragung der ergreifenden Tonweise, womit der Vorabend des Versöhnungstages (Kol-Nidre) eingeleitet wird. Die bezügliche alte Gebetsform ist nach unserem Empfinden für den Gottesdienst überflüssig, und hat sich Stein dadurch ein großes Verdienst erworben, daß er den alten Text verwarf, der herrlichen Melodie aber einen neuen unterlegte. Das ist die Hymne: „O Tag des Herrn", welche bereits in zahlreichen deutschen und amerikanischen Synagogen eingeführt ist und die Steins Namen in der jüdischen Liturgie für immer erhalten wird. Im Jahre 1845, damals Rabbiner und Prediger in Frankfurt a. M., präsidierte er der Rabbinerversammlung in der genannten Stadt, deren bedeutungsvolle Beschlüsse die Reform hes Gottesdienstes unter den deutschen Juden begründeten. Den Gipfel seiner praktischen Reformtätigkeit bildete 1866 die Begründung der „Westend-Union", einer freien Reformbewegung, sowie die Schöpfung seines großen neuen Reformgebetbuchs .für Neujahrs- und Versöhnungstag, Sabbat und Festtage. *) Jude von Herzen. ■ 2) Bestreben, dem Judentum bei Nichtisraeliien Achtung zu verschaffen. Die eigentliche wissenschaftliche Begründung des Judentums und seiner Lehre finden wir in dem drei Bände umfassenden Lebenswerk des Verfassers, betitelt „Schrift des Lebens". Der I. Teil enthält die Lehre von Gott und vom Menschen mit besonderer Rücksicht auf Die Unterscheidungslehren des Judentums und Christentums (Mannheim 1872). . Der Il/Teil befaßt sich mit den mosaischen Geboten (Straßburg i. E. 1877) (1910) und der HI. Teil, erst jetztin Frankfurt a. M., I. Kaufmann, Herausgekömmen, erörtert den Jnbegriff.des gesamten Judentums in Lehre, Gottesverehrung unt! Sittengesetz (Dogma. Kultus und Ethik). Der Herausgeber dieses letzten abschließenden Teils, Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann in Frankfurt a. M., sagt in seinem Vorwort mit Recht, daß das nach 38 jährigem Schlummer' zum Leben erweckte, in morgen frischer Schönheit und Kraft erstrahlende Werk ein Denkmal des Ruhmes des Judentums und seines Verfassers, ein frommes Erbauungs¬ und ein angenehm bekehrendes Jugendbuch, voll herrlicher Legenden und feinsinniger Aussprüche unserer Weisen, ein apologetisches, in das innerste Verständnis des Judentums und des jüdischen Lebens hin ein führendes Werk, wie wir kein zweites besitzen, sei. Es zeige die jüdische Sittenlehre und das jüdische Leben im Lichte einer frommen und freien Auffassung. Es sei das Bekenntnis eines liberalen Rabbiners zu einem geschichtlichpositiven, pöesievollen, gemütreichen, sittlich hochstehenden Judentum, wie es einzig im Stande sei, die kommenden Geschlechter mit neuer Liebe an sich zu fesseln. (Fortsetzung folgt.) . - Bn Einfluß des Milchen Elements in der rnlfllchen Literstnr. Eine literarhistorische Abhandlung von Noubin Knopping. Dkis neue NuhlkmÄ. ' i. ,V/ er Jude hat nicht nur selber stets gedacht, sondern häufig auch anderen zum Denken Veranlassung gegeben. Seine Verfolgungen waren nicht nur praktisch, d. h. tatsächlich ausgeführt worden, .sondern auch theoretisch, d. h. in der Literatur und der Schriftstellerei wurde er nicht minder geschändet und geächtet. In den Redaktionsstuben und den, Kabinetts der Romanziers wurde durch das Gift des Griffels das Judentum geschwärzt, und dort aus den Märkten und den rauschenden Plätzen des öffentlichen Lebens trug diese böse Saat ihre Früchte. Hier wurde gehetzt, dort plünderte der Pöbel. Hier wurden von der Tribüne, dem Katheder, und der Kanzel anstatt der Liebe Worte der Boshaftigkeit gepredigt, dort kam es zu öffentlichen Krawallen; Erscheinungen, wie sie in der letzten Zeit auch keine Seltenheit sind. Aber es wäre -unrecht, sollten wir nur die schwarze Seite hervorheben; jedes Gemälde hat zwei Seiten. Wie dem auch sei, genügt die Tatsache, daß es selten einen Genius in der Literatur gegeben hat, der nicht direkt oder indirekt an das Volk Jehovahs stieß. Und wie könnte solch ein Volk übersehen werden? Nimmt es denn nicht den hervorragendsten Platz in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein? Ist denn nicht die gesamte moderne Kultur stark durch dieses Volk beeinflußt? Hat denn nicht dies elende und verstoßene Volk die ganze Menschheit Moral gelehrt? Hat denn nicht der Sinai der Welt mehr Nutzen gebracht als der Olymp? Bietet dieses Volk schon seiner Originalität wegen nicht großes Interesse für Denker und Forscher? . . .

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