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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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'■ Es ist eben ein Wahlmanöver, die „Liberalen" — „Radikale oder Reformer" zu nennen, und dieses Manöver geht von den Zionisten aus. Die Zionisten haben den Neuen jüdischen Gemeindeverein begründet, sie leiten ihn und sind seine Hauptagitatoren. Sie wollen durchaus einen oder mehrere Sitze in der Gemeindestube erringen, um auch in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde ihre zionistischen und utopistischen Bestrebungen durchzusetzen. Sie verbergen aber wohlweislich vor den Wahlen ihren Zionismus, da sie wissen, daß die Majorität der Berliner Wähler vom Zionismus nichts wissen will. Die Zionisten wüten gegen die wirklich Liberalen, und trotzdem versichern sie den Wählern mit dem Brustton der Ueberzeugung: „Den Ehrentitel des Liberalismus nehmen wir für uns in Anspruch." Das geschieht aber nur, um Verwirrung unter die Wähler zu bringen. Wer den Gemeindeangelegenheiten fernsteht, weiß jetzt tatsächlich nicht mehr, welche Kandidaten die richtigen Liberalen und welche die falschen Liberalen sind. Es muß daher mit allem Nachdruck auf dieses Manöver unserer Gegner hingewiesen werden, damit unsere liberalen Freunde die bisherigen bewährten und wirklich liberalen Repräsentanten wählen. Auch der Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde bringt in seinem soeben erschienenen Flugblatt die gleichen Vorwürfe gegen die Liberalen vor. Es ist ünver- , stündlich, daß die Repräsentanten des Zentralvereins, die lediglich . der Hilfe der Liberalen ihre Mandate verdanken, sämtlich (mit einer einzigen Ausnahme) dieses Flugblatt, das von unrichtigen Vorwürfen gegen die Liberalen voll ist, mit ihrer Namensunterschrift untetzeichnet haben. Diese Repräsentanten haben friedlich mit den liberalen Kollegen in allen Sitzungen und in allen Kommissionen gearbeitet, haben fast allen Vorlagen ihre Zustimmung gegeben und wissen genau, daß die Liebe zum Judentum alle ihre liberalen Kollegen bei ihren fleißigen unermüdlichen Arbeiten geleitet hat. Trotzdem unterschreiben sie ohne Bedenken das Flugblatt, in dem es heißt, daß sie im Gegensatz stehen zu radikalen Elementen, die als „liberal" sich ihnen'entgegenstellen und zu ihren Bestrebungen, die das Judentum seinem alten ehrwürdigen Charakter entfremden, die es nicht stärken, sondern schwächen Und seiner'Auflösung entgegentreiben." ' Wenn dies wahr wäre, dann hätten die Repräsentanten vom Zentralverein mit daran geholfen, das Judentum seiner Auflösung entgegenzutreiben. Sie wissen aber ganz genau, daß es nicht wahr ist, und sie wissen auch, daß „die Liebe zum Judentum und nicht die Modes ü cht in der Gemeindestube herrscht" — und haben trotzdem dieses Pamphlet unterzeichnet! . . Allerdings schlägt der Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde, der aus seinem dreijährigen Schlafe eben wieder aufgeweckt ist, vor, „Männer zu wählen, die nicht liberal, nicht konservativ, nicht orthodox sind", also Männer, ohne jede Richtung und ohne jedes Rückgrat. Solche Männer kann die Berliner jüdische Gemeinde nicht brauchen. Sie muß vielmehr Männer haben, die bei ihrer Liebe zum Judentum auch imstande sind, ein so großes Gemeinwesen, wie die Berliner Gemeinde es ist, zu leiten und zu fördern, die liberal in ihr^n Anschauungen und in ihrem Wirken sind, die den religiösen Bedürfnissen aller Parteien Rechnung tragen. und die sozialen Errungenschaften der Neuzeit sich zunutze' zu machen verstehen. r Die bisherigen liberalen Repräsentanten haben durch ihre; langjährige Tätigkeit in der Gemeinde bewiesen, daß sie in ' solcher Weise die Verwaltung geleitet>haben. 'Die Fortschritte sind auf allen Gebieten deutlich zu erkennen^. Alle Gemeindeinstitute wurden in bester Ordnung gehalten und sind weiter ausgebaut worden. Die Finanzen wurden mit Vorsicht und Umsicht verwaltet, und auf den Gebieten des Kultus und der Religionsschulen, der Verpflegung und Unterstützung der Armen, Kranken und Waisen sowie im Beerdignngswesen herrschen musterhafte Verhältnisse. Diese Erfolge der liberalen Repräsentanten können nur diejenigen bestreiten, die sie wider besseres Wissen zu verkleinern suchen. Wer daher die Gemeinde auf der bisherigen Höhe erhalten und sie weiter ausbauen will, der erfülle am Donnerstag den 24. November d. I. seine Wahlpflicht. Mit einer einzigen Ausnahme scheiden diesmal sämtliche liberale Repräsentanten aus dem Kollegium aus, und es gilt daher die Entscheidung, ob unsere Gemeindeverwaltung den zionistischen und orthodoxen Elementen aüsgeliefert werden soll. Wer dies verhüten will, der gebe seine Stimme den bisherigen bewährten, liberalen.Repräsentanten und den vom liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde vorgeschlagenen" Kandidaten. Dies sind die richtigen Liberalen! ■ Die Lerliner Keprälentsnten-Mshlen. Um was kämpfen wir? Diese Frage drängt sich jetzt allen auf, die gleich uns, abseits von dem Parteigewühl stehend, mit unbefangenem Blick die aufregenden leidenschaftlichen Kämpfe verfolgen, die anläßlich der bevorstehenden Repräsentantenwahlen in unserer Gemeinde augenblicklich zum Austräg kommen. ' > Wir erhalten Flugblätter, wohnen Versammlungen bei, hören uns lange Reden an, sehen, wie die Geister sich erhitzen, wie die Wortführer der verschiedenen Richtungen, sich gegenseitig befehdend, um die Palme des Sieges ringen, aberum was eigentlich gekämpft wird, wissen wirnicht. — NurWorte, richtiger Schlagworte vernehmen wir, aber eine einigermaßen ansprechende Idee, ein nennenswertes Ideal, um das dieser Kampf sich bewegt,^ wird uns nicht mitgeteilt. Das Judentum ist in Gefahr, beteuern die sogenannten Konservativen, wenn die Liberalen auch ferner, die Mehrheit in derRePräsentantett- Versammlung besitzen würden; das Judentum ist in Gefahr, versichern auch die als Reformer verschrienen Liberalen, wenn die Konservativen als Sieger in das Gemeinde-Parlament einziehen würden. Aber was für eine Gefahr droht denn dem Judentum, um dessen Fahne die Parteien, beziehungsweise deren Wortführer sich nun sammeln? Sind vielleicht die Hadrians, die Törqüemadas aus ihren Gräbern auferstanden, um über diejenigen, die streng nach der mosaischen Lehre leben, die Todesstrafe zu verhängen? Besitzt vielleicht irgendeine Gemeindeverwaltung oder irgendein Rabbiner, und gehörten sie den schwärzesten der Schwarzen an, die Macht, denjenigen, der die Zeremonialgesetze verwirft, in Acht und Bann zu tun, aus dem Judentum zu stoßen?. Haben nicht unsere Lehrer schon vor Jahrtausenden das schöne Wort geprägt: Wer nur an Gott, den einen einzigen glaubt, d. h. den Götzendienst verwirft, der ist ein Jude! Und was. wird denn -von den kämpfenden Parteien eigentlich Judentum genannt, dessen starre Konservierung die eine und dessen progressive Hntwicktung die andere fordert? Haben die vielen Hunderte /.von Geboten und Verboten, wie sie im Schulchan Aruch kodistziert sind, das Judentum in seiner Entwicklung gehemmt?

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