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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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der ihr über Nacht kapitalistisch niesensverwändt gewordenen Jimkerschast lernen. Damit nur könnte sie persönlichen Respekt bei den Machthabern erreichen, die heute immer noch in ihr nur die Geldsäcke berücksichtigen. Ein Beispiel für viele: Anläßlich des Jubiläums der Berliner Universität war der Kaiser in der Lage, Mitteilungen von einer Millionenstiftung zu machen, die, wie die Doktorpromotionen bewiesen, wiederum in hohem Maße judengoldhältig war. Aber nicht ein einziger dieser semitischen Mäzene besaß so viel Charakter, an die Hergabe seiner Gelder die Bedingung zu knüpfen, daß die erste Landesuniversität endlich mit ihrem unerhörten Antisemitismus aufräume, der seit Traubes Tagen keinem einzigen Juden ein Ordinariat mehr verlieh. Prinz August Wilhelm hat seine juristischen Examina mit Hilfe des anerkannt ersten Rechtslehrers der Friedrich-Wilhelms-Universität gemacht, aber diese höchste Kapazität der juristischen Fakultät ist Jude und deshalb nicht ordentlicher Professor. Die christliche Professorenschaft fühlt sich bei diesem schreiend ungerechten Modus durchaus wohl, da ihr die Konkurrenz hochwissenschaftlicher Kräfte vom .Leibe gehalten und die fettesten Lehrpfründen Vorbehalten werden. Sie liebt diesen Zustand durchaus.und wünscht ihm ewige Dauer. Wie aber stehen die da, die mit Hergabe jüdischer Gelder solche Ungerechtigkeiten, wie die Uebergehung jüdischer Wissenschaftsautoritäten bei den Berufungen in die Ordinariate, schweigend gutheißen und indirekt noch fördern? Lessings Wort: „Ter reichere Jude war mir nie der bessere Jude", das die deutsche Junkerschaft freilich nicht unterschreibt, hat noch heute eine bittere Bedeutung. Die Konservativen haben recht, wenn sie solche Elemente halb und halb schon zum eigenen Heerbann rechnen, ohne Verzicht darauf, gesellschaftlich antisemitische Ausnahmegesetze weiter zu statuieren. Auf den Prozeß des Herrn Wilhelm Bruhn, des Herausgebers der „Wahrheit" einzugehen, einen Prozeß, der mit seiner Freisprechung endete, haben wir keine Veranlassung. Es konnte dem Beklagten nicht nachgewiesen werden, daß er durch seine Schmähungen jüdischer Warenhäuser Inserate oder Schweigegelder erpressen wollte. Unbefangenen will es trotzdem nicht scheinen, daß er wirklich nur dem Recht und der Wahrheit gedient habe. Herr Bruhn ist Antisemit, wird Antisemit bleiben und wird sein Treiben fortsetzen, das denen, die den rechten Weg wandeln, sehr gleichgültig war und ist. Aus Wien wir uns geschrieben: Der Sieg des sozialdemokratischen Landtagskandidaten Schuhmeier über den antisemitischen Wahlbewerber in der Leopoldstadt bot der christlichfozialen Mehrheit des niederösterreichischen Landtages einen willkommenen Anlaß, die Juden in ihrer Gesamtheit zu beschimpfen. Als der neugewählte Abgeordnete am 4. November im Landtage erschien, begrüßten ihn die Christlichsozialen mit dem Ruf „Judenvertreter! Judenknecht!" Ein anderer Abgeordnete schrie: „Es lebe der König von Zion!" Während der Angelobung Schuhmeiers, hörte man immer dieselben Rufe: „Judenknecht, Judenvertreter!" Mit Recht bemerkte ein anderer Abgeordneter: „Was hätte Lueger dazu gesagt, wenn Sie ihn Judenknecht genannt hätten, weil er in der Leopoldstadt gewählt wurde! Ist das Pietät für den verstorbenen Führer, daß sie seinen Wahlbezirk verunglimpfen?" Ihm wurde erwidert, daß solche Judenknechte mildem gelben Fleck in den Landtag zu kommen verdienen. Zu diesem Schimpfkonzert bemerkt mit Recht die „Sonn-und Montags-Zeitung": „Als Dr. Lueger in der Leopoldstadt gewählt wurde, hat es niemand gewagt, ihn einen Judenknecht zu nennen. Im Gegenteil, die Christlichsozialen feierten seine Wahl als einen Triumph ihres antisemitischen Pro' gramms. Wie kommt es denn, daß der Erbe des Mandats nach Dr. Lueger, der Sozialdemokrat Schuhmeier, während seiner An, gelobung als Abgeordneter des Landtages von Niederösterreich durch die Zurufe Judenvertreter und Judenknecht verunglimpft wurde? Wie kommt es, daß für solche Judenvertreter der gelbe Fleck gefordert, und daß Schuhmeier sogar zum König von Zion erhoben wurde? Die Antwort lautet: die christlichsoziale Partei empfindet die Wahlniederlage in der Leopoldstadt sowohl als Symptom der beginnenden Abbröcklung ihrer Herrschaft, als auch als eine Kompromittierung nach oben. Die patentierten Gesellschaftsvertreter, die Patrioten mit Strupfen und die Retter des kleinen Mannes haben einen vollständigen Mißerfolg erlitten. Darf es wundernehmen, wenn sie für diesen Mißerfolg die Judenschaft verantwortlich machen, und daher den Abgeordneten Schuhmeier als Judenvertreter und Judenknecht begrüßen? Die Dummheit der christlichsozialen Barrierstärke hindert sie, zu erkennen, daß sie mit Schuhmeier auch dessen Vorgänger Dr. Lueger beschimpfen, und daß sie durch dieses Schimpfen aller Welt verraten, daß sie den Boden unter ihren Füßen wanken sehen." Ihr Schimpfen aus die Juden war diesmal von ihrem Standpunkt berechtigt, wenn auch weniger würdig und nützlich. Wshlmsnöorr. och niemals ist die Wahlbewegung in der Berliner jüdischen Gemeinde so erregt und so unerfreulich gewesen, wie in diesem Jahre. Von allen Parteien wurde mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gekämpft. Wahlversammlung folgte auf Wahlversammlung, Flugblatt auf Flugblatt. Die Besucher dieser Versammlungen sind darüber einig, daß sie auf ein unwürdiges Niveau herabgedrückt worden sind. Zu den liberalen Wahlversammlungen waren nur Gemeindewähler eingeladen worden, aber ganze Trupps halbwüchsiger, zionistischer Knaben und Mädchen drängten sich auch in die liberalen Versammlungen ein und störten die Verhandlungen. Wenn der Führer der Zionisten die rechte Hand in die Höhe hob, lärmte das Gefolge los, und beim Aufheben der linken Hand erfolgte frenetischer Beifall. Und wenn in den Versammlungen des Neuen jüdischen Gemeindevereins ein Liberaler öas Wort nahm und in sachlicher Weise die zahllosen Unrichtigkeiten, die dort vorgebracht wurden, zurückweisen wollte, wurde er beim Worte „Frivolität" zur Ordnung gerufen und beim Worte „Hetzereien" wurde ihm das Wort entzogen. Bis zum frühen Morgen tobte der unwürdige Kamps, und wahrlich, „Ein Schlachten wars, nicht eine Schlacht zu nennen". Nicht weniger unerfreulich waren die Flugblätter der Gegner. Zwar wurden sie aus kleinlichen, engherzigen Rücksichten keinem der Mitglieder des Liberalen Vereins zugeschickt. Sie haben nicht viel daran verloren, denn diese Flugblätter enthalten lediglich unbegründete. Vorwürfe und leichtfertige Anschuldigungen. Sie stellen Forderungen auf, die teils erfüllt sind, teils als unausführbar bezeichnet werden müssen. Und immer wieder kehrt die alte Litanei wieder: „Die Liberalen wollen den Sabbat abschaffen, die Gemeindeverwaltung habe der Beseitigung des Sabbat Vorschub geleistet" und „die hebräische Sprache soll aus den Gotteshäusern verbannt werden". Und da all" dies den Liberalen zur Last gelegt wird — man kann wohl sagen: wider besseres Wissen —.so sind sie „Radikale" oder „Reformer" in den Augen der Gegner und in deren Flugblättern. Tatsächlich aber ist in den letzten Jahrzehnten nicht das geringste im Ritus geändert worden, und in den letzten sechs Jahren wurde kein einziger Beschluß gefaßt, der auch nur im Entferntesten mit der Bezeichnung „radikal" belegt werden kann. Im Gegenteil. Die liberalen Repräsentanten sind stets bestrebt gewesen, ihre Sonderwünsche zurückzustellen und sind den Konservativen bei jeder Gelegenheit im weitesten Maße entgegeugekommen.

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