Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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diese, also dürft Ihr als Euer kein anderes Volk anerkennen als das deutsche, Ihr besitzt nur ein Vaterland: Deutschland. Traut ihnen nicht, wenn sie sich rühmen, sie hätten erst das jüdische Bewußtsein wieder belebt, denn in Wirklichkeit haben sie nur Nutzen gezogen aus der Verstimmung, die der Antisemitismus in vielen bisher Fernstehenden erzeugt hat, sie bauschen widrige Kränkungen, deren Widrigkeit auch Ihr unangenehm empfindet, zu unerträglichen Schmerzen auf, sie wollen die Bande zerreißen, die Euch mit Euren deutschen Landsleuten verknüpfen, die Kluft erweitern, um Euch ganz von ihnen zu trennen. 2. Wählt wenig Orthodoxe! Die Konservativen, die mit den Einrichtungen der Berliner Gemeinde sich nicht einverstanden erklären tonnen, gehören der Adass Jisroel-®emeint>e an, die übrigen sind ein Bruchteil der Hauptgemeinde; sie sollen in keiner Weise ausgeschlossen werden, aber sie dürfen nicht die Herrschaft erlangen. Denn schon, wenn sie in der Minderheit sich befinden, sind sie mit wenigen, freilich höchst ehrenwerten Ausnahmen, die ich aus dem Grunde meines Herzens achte, unduldsam, sie würden Verderben stiften, wenn sie zum Ruder kämen. Sie nennen sich auch Liberale und verlangen mit hochtönenden Worten gleiches Recht für alle; aber das hat immer nur bedeutet, daß sie alles und die anderen gar nichts zu sagen haben. Sie wollen ihre orgellosen Synagogen, ihre Religionsschulen, in denen Hebräisch übermäßig getrieben wird, Lehrer und Schüler mit bedecktem Kops am Unterricht teilnehmen, aber sie dulden nicht, daß in andere Religionsschulen der freie Geist der Forschung Einzug halte, und daß in ihnen philosophische Weltanschauung in klarer, aber echt jüdischer Weise gelehrt wird. Sie Poltern dagegen, daß in dem Jugendgottesdienst, den Kindern zuliebe, die des Hebräischen unkundig sind, die deutsche Sprache bevorzugt wird; sie, die für ihre Synagogen alles in alter Weise von den Liberalen zugestanden erhalten haben, sie wollen den Liberalen nicht gönnen, daß sie ihren Kultus in freier Weise gestalten. Bei jedem Versuch, von Auslassungen unverständlicher Stücke, bei jeder Einfügung eines deutschen Gebetes schreien sie: das sei eine Verletzung des Judentums, die nicht geduldet werden könne. 3. Vor allem aber wählt keinen Mann der Mittelpartei. Den Zionisten kann man vielleicht begreifen, den ehrlichen Orthodoxen achten, den Mittelsmann muß man weit von sich weisen. Denn er ist nicht ehrlich genug, sich konservativ zu nennen und zu furchtsam, um sich dem Liberalismus anzuschließen. Das sind die Männer der Schinkenstullen- Orthodoxie, die mit den Frommen liebäugeln, sich aber kein Opfer auferlegen wollen, und die den Liberalen väterlich zurufen: Ihr seid ja radikal und geht zu weit. Sie aber haben keine Ahnung von geschichtlicher Entwicklung, denn sie gehen weder vorwärts, wie nach unserer Hoffnung die Welt gehen wird, noch rückwärts, wie die Welt leider manchmal geht, sondern sie machen ein Schrittchen vorwärts und ein Schrittchen zurück und merken gar nicht, daß sie kleben bleiben, während sie meinen, weiterzuschreiten. 4. Wählt liberal! Denn a) der Liberalismus will das Judentum erhalten. Das Judentum hat nie den Stillstand gekannt, sondern die Entwicklung; der Liberalismus will diese Entwicklung fördern im Einklang mit den Ideen der Zeit; b) der Liberalismus will das Judentum kräftigen, durch Schule, Kultus, gemeinnützige Angelegenheiten. Durch die Schule. Es ist nicht wahr, daß die Liberalen den religiösen Unterricht nicht würdig ausgestaltet haben. Vielmehr haben unter der liberalen Verwaltung die beiden Gemeindeschulen prächtige Heimstätten erhalten, durch die Liberalen hat sich die Zahl der Gemeindereligionsschulen und der subventionierten Schulen sowie die Zahl der Schüler ständig vermehrt. Der Geist, der in diesen jüdischen Schulen lebt, weil" liberal, ist ein echt jüdischer, mögen unreife Gegner auch das Gegenteil behaupten. Durch den Kultus. Wer es wahrhaft redlich mit dem Judentum meint, muß erkennen, daß der wirklichen Andacht die Länge des Gottesdienstes, die Ueberladung der Gebete mit schwerverständlichen Stellen, mit Anspielungen auf abgetane Einrichtungen und Anschauungen, wie Öpserdienst, Priesterherrschast, Bitte um Rückkehr nach Jerusalem, die schwere Verständlichkeit der Sprache großen Abbruch tun. Die Liberalen fordern, daß jeder, auch der Vielbeschäftigte, die Möglichkeit habe, dem Gottesdienst häufig beizuwohnen, deswegen wollen sie den Gottesdienst verkürzen, die Stellen entfernen, die den modernen Juden abstoßen müssen, der deutschen Sprache einen weiteren Platz einräumen. Sie wollen, daß der Beamte, der Lehrer, der beschäftigte Kaufmann mit seinen Kindern dem Gottesdienst beiwohnen könne, sie wünschen daher, daß der Freitag-Abend-Gottesdienst wirklich in den Abendstunden abgehalten werde, wo Geschäfte und Berufstätigkeit jedem Zeit lassen. Durch gemeinnützige Anstalten. Die Liberalen haben die Mittel gewährt zu Krankenhaus-, Altersversorgungsanstalten, Bibliothek und vielen anderen gemeinnützigen Einrichtungen, sie sind privatim als Wohltäter großen Stils aufgetreten und auch als Vertreter der Gemeinde immer bereit gewesen, für Wohlsahrtseinrichtungen außerhalb der Gemeinde Summen zu gewähren, die einer großen Gemeinde, wie Berlin ist, angemessen und würdig sind. Die Liberalen haben lange Jahre ihre Pflicht redlich und eifrig erfüllt, sie haben die Gemeinde ehrenwert erhalten und groß gemacht. An Euch, Ihr Wähler, ist es, zu wachen, daß ihr Werk weiter fortgesetzt wird. Sorgt darum, daß die Liberalen weiter Euch vertreten. Darum wählt! Wählt Männer! Wählt liberal! Ludwig Geiger. Die Wochr. Berlin, den 14. November, a die vergangenen Tage kaum etwas Erwähnenswertes aufweisen, so begnüge ich mich mit dem Hinweis auf einen Artikel „Charakterlosigkeiten" in der Breslauer Morgen- Zeitung. Nachdem dieser von der Scheu der Konservativen gesprochen, in ihren eigenen Geldbeutel zur Förderung wohltätiger Zwecke zu greisen, schließt er: In Berlin erscheint seit Jahr und Tag kein Aufruf, der, selbst wenn es um christliche Prachtkirchen oder um rein feudale ginge, wie Heime für. unversorgte Offizierstöchter geht, neben Herzogen Grafen und Baronen nicht einige alttestamentliche, freilich sehr metallisch nebenklingende Namen von großen Bank- und Industrie- Herren trägt. Und die reichen Juden kommen auf leisestes Locken nur gar zu gern herbei. Der freiherrliche Nachbar ist ihrem jungen Weltmannstum noch eine gar zu starke Sensation, der sie nicht widerstehen. Man wünschte da oft größeren Stolz und charakterfestere Herbheit. Wenn gar der Kaiser selber wirbt, da strömen die jüdischen Gelder in mächtigen Fluten heran, ohne Bedingung, ohne Vorbehalt gewährt. Aber es muß gesagt werden, daß dieses Verhalten der reichen Judenschast unklug ist. Sie sollte in solchen Dingen von