Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Kerlla, 18. November 1910 74. Jahrgang. Nr. 46 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags»Lxpeäition: Verlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen sür Redaktion, und Lxpedirion sind an die Adresse: Verlag der „Allgrm. Zeitung des Judentums*. Berlin 8XV., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnerrents-Preis: durch den Buchhandel c die Post (in Berlin und vororten unsere verlriebsstellen) b zogen vierteljährlich 3 M. . tlrrhfllt Auf zur WcchU — Die Woche. — Die Berliner Repräsentantenwahleu — Die Wahlen nnd die Frau. — Zur Erinnerung an D.r. Leopold.Stein. Bon Dr. Adolph Kohut. — Der 'Einfluß des jüdischen Elements in der russischen Literatur: Eine literarhistorische Abhandlung von Ronbin Knopping. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe. Erzählung von Sam Eordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Bücher'einläüf. — Sprechsaal. Der Gcmeindcbol.e (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Posen, Hamburg, München, Burgkundstadt, Seesen a. H., Kassel, Bruchsal, Petersburg — Von Nah und Fern. Muk?ur Mshll m 24. November finden in Berlin die Wahlen zur Repräsentantenversammlung statt. Wenn unser Blatt auch kein ausschließlich berlinisches ist, so empfindet es doch die Pflicht, zu diesen Wahlen Stellung zu nehmen. Denn nicht nur ist Berlin die größte Gemeinde, des Vaterlandes und übt schon durck seine zahlreiche jüdische Bevölkerung einen Einfluß aus die Groß- und Klein-Gemeinden aus, sondern die Vorgänge, die sich bei uns abspielen, werden überall , mit dem größten Interesse betrachtet und werden oft bestimmend sür andere Gemeinschaften. Aus diesem Grunde ergreife ich an. dieser Stelle das Wort. Ich tue dies mm so lieber, als ich aus freiem Entschlüsse, nicht etwa durch das Gekläffe meiner Gegner und ebensowenig durch Einflüsterungen meiner Parteifreunde bewogen, auf eine Wiederwahl als Repräsentant Verzicht leiste und bei keiner Wählerversammlung erscheine. Hätte ich aber die Aufgabe übernommen, zu den Wählern zu . reden und zu solchen, ,die sich dafür ausgeben — denn leider drängen sich die letzteren, also die Unberufenen, in großen Massen zu den Versammlungen — so würde ich folgendermaßen zu ihnen sprechen: ~ I. wählt. Diese Forderung erscheint so einfach, so selbstverständlich, daß man meinen sollte, man brauchte sie gar nicht aufzustellen, und doch wird sie nicht allgemein befolgt. Da sagen die einest: wir wählen nicht, denn'wir interessieren uns nicht für jüdische Angelegenheiten. Ihnen ist zu antworten: Ihr habt kein Recht, Euch der Allgemeinheit zu entziehen, Ihr. habt die Pflicht, Eure Stimmen abzugeben, denn - es handelt sich auch um Eure Angelegenheiten. Ihr zahlt gern oder ungern Steuern, bisweilen recht hohe, Ihr begebt Euch daher Eures; heiligsten .Rechtes, wenn Ihr Euch nicht dstrüm kümmert, was! mit Eurem Gelds' geschieht. Jht ' häbt doch einmal die' Nei- - gung, ein Gotteshaus zu besuchen, auch. Ihr., solltet somit Sorge tragen, daß der Kultus. nach Eurem Sipne ein* gerichtet wird^ , - . - Die anderen aber sprechen: Was kommt es'auf eine Stimme an? Es gibt schon so viele, die zur Wahlurne laufen. Auf diesen Einwänd ist zu entgegnen: spräche jeder so, dann stände es schlimm um Staat und Gemeinde. Bei dem Kampf der Parteien kommt es auf jede Stimme ast; wenn auch der einzelne nicht den Ausschlag gibt, sein Beispiel lockt gar manche, und schon ein Dutzend Stimmen kann die Entscheidung ändern. . II. wühlt Männer! Nicht Personen männlichen Geschlechts meine ich, obgleich nur solche nach unserem Statut gewählt werden dürfen, denn ich kenne manche Frau, die zu diesem Ehrenamt ebenso berufen, vielleicht berufener wäre, wie. mancher Mann, sondern ich meine: Männer, die Manneswürde besitzen: pflichtgetreu, ehrenhaft, gefinnungstüchtig. ' Pflichtgetreu, daß sie das Amt auch voll und ganz ausüben, sich nicht nur Repräsentanten nennen, sondern wahrhaft die Gemeinde vertreten, inHauptsitzungen und Kommissionen erscheinen, in den Versammlungen ausharren und in den Kommissionen-ernstlich arbeiten. Ehrenhaft. Seht nicht auf.Titel, Würden und Reichtum. Es ist gewiß gut, wenn Ihr außer schlichten Kausleuten auch solche Männer des Handels und der gelehrten Berufe zu Euren Vertretern wählt, die sich irgendwie hervorgetan haben'und für ihre Tätigkeit mit Auszeichnungen bedacht worden sind, wenn Ihr ferner durch solche 'repräsentiert werdet, die, der Notdurft des Lebens enthoben, über Zeit verfügen, und,' wo es angebracht ist, auch über Mittel, die sie Euch privatim zur Verfügung stellen können. Aber bedenket, daß man Titel und Würden sich'durch Streberei verschaffen, Schätze auf unlauterem Wege erwerben kann: prüfet die Ehrenhaftigkeit, wählt Männer! Gesinnungstüchtig. Hütet Euch vor den' Lautzn, vor solchen, die bisher abseits standen und plötzlich ihre jüdische Seele entdeckten, vor solchen, die gelegentlich nach der anderen Seite schielten, ob sich nicht ssist Brückchen fände, über das sie hinüberkämen, ein Dächlein, unter das sie kriechen könnten, um sich all den Unannehmlichkeiten zu entziehen, die ihnen, wie sie sagen, ihr. Glaube bereitet hat. 1 ' III. wählt liberal! 1. Keinen Zionisten! wenn er auch prahlt, liberal zu rsein. - Denn der: Zionismus kaum -nie: liberal sein, weit-er undeutsch. ist! und: .undeutsch i bleibenwird. Eine Partei^ .die von einem besonderen Volkstum', spricht, - das den Juden eigen ist,, non einem: besonderen .Staatswesen, das den Juden -geschaffen werden muß, tritt allem entgegen, .was der deutsche liberale .Jude, empfindet. Ihr .seid eine Religionsgemeinschaft und nur