Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden)' Justizrats Dr. Horwitz, wies der erste Redner des Abends, Rabbiner Dr. Weiße, in über- - zeugender Weise aus der Geschichte des Judentums nach, daß das Renegatentum nicht-nur zur Heidenzeit dem Judentum die schlimmsten Wunden geschlagen, sondern auch bis in die neueste Zeit unzählige Unstimmigkeiten zwischen Christen und Juden veranlaßt habe. Der Redner betonte, wie nachteilig für beide Religionen der Uebertritt aus äußeren Gründen wirken müsse, und wie verhängnisvoll die auf den Konvertiten Stahl zurückzu führende Losung vom „Christlichen Staat" sei, welche die Verwaltung veranlasse, die Taufe zur Vor-? bedingung für äußere Ehren und Würden zu machen. An einer Reihe von Beispielen zeigte er, daß jüdische Eltern, die aus falsch verstandener Liebe ihre Kinder der Taufe zuführen, sich diese nur dadurch entfremden. Als zweiter Redner beleuchtete der Syndikus des Zentralvereins, Rechtsanwalt Dr. Holländer, vom praktischen Gesichtspunkte aus die Erbärmlichkeit der ohne ^innere Ueberzeugung erfolgenden,Uebertritte. Beide Redner ernteten mit ihren Ausführungen stürmischen Beifall Hierauf fand folgende. Resolution einstimmige Annahme: „Die am 3. November 1910 in der Philharmonie versammelten 1000 deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens legen Verwahrung ein gegen das Vorgehen des Staates, der durch Beförderung und Auszeichnung getaufter Juden Unwahrhaftigkeit und Gesinnungslosigkeit züchtet. Die Versammlung fordert von jedem Juden, daß er nicht durch Lässigkeit bei dem Uebergetretenen den Glauben, auskommen lasse, als sei seine Treulosigkeit unserem sittlichen Empfinden gleichgültig' Die Versammlung erwartet, daß alle Juden sich ihrer Pflicht bewußt werden, Schwankende auf die Unsittlichkeit eines aus äußeren Gründen erfolgenden Uebertritts hinzuweisen, uno insbesondere Eltern, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Kinder dem Judentum zu entziehen, über die Tragweite dieses verwerflichen, folgenschweren Schrittes aufzuklären." Nachdem noch Herr Tr. Apfel als Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine in Deutschland dem Zentralverein für sein energisches Vorgehen gegen die „Judentaufen ohne Ueberzeugung" den wärmsten Dank des Verbandes ausgedrückt hatte, schloß Herr Justizrat Dr. Horwitz die Versammlung mit der dringenden Aufforderung, die von den beiden Referenten gegebenen Anregungen zu beherzigen und möglichst zu verbreiten. *** Berlin, 8. November. Der jüdische Frauenbund sendet uns das Protokoll der 10. Vorstandssitzung. Wie aus dessen Inhalt ersichtlich ist, standen auf der Tagesordnung folgende Punkte: 1. Besprechung des Statutenentwurfs; 2. Neuwahl einer Vorsitzenden und einer stellvertretenden Schriftführerin; 3. Vorbereitung des Delegiertentages in München Weihnachten 1910; 4. Vorbereitung des Internationalen jüdischen Frauenbundes; 5. Geschäftliches. Fräulein Pappenheim-Frankfurt a. M. eröffnet die Sitzung und spricht nach Verlesung der Entschuldigungen ihr Bedauern aus, daß es noch immer Frauen gibt, die, trotzdem sie das Amt eines Vorstands. Mitgliedes übernommen haben, für die Schwierigkeiten der Bundesarbeiten kein Verständnis haben und noch immer über kleine Verzögerungen und Uebergehungen klagen. Der Vorstand bittet seine unzufriedenen Mitglieder, sich bei anderer Bundesarbeit zu belehren und zu sehen, daß. auch z. B. dort nicht alle 14 Tage neue große Anregungen gegeben werden usw. Fräulein Pappenheim gibt darauf ihre Absicht bekannt, das Amt der ersten Vorsitzenden niederzulegen. Sie betont, daß dabei keinerlei persönliche Motive mitsprechen, sondern nur die Erwägung, daß es für den Bund nur von Nutzen sein kann, wenn er nach fünfjährigem Bestehen eine neue Vorsitzende erhalte, da sie es nicht für ersprießlich hält, wenn die Leitung zu lange in den Händen einer Persönlichkeit liegt. Nach längerer Debatte, in der der Standpunkt von Fräulein Pappenhenn im Prinzip für richtig befunden wird, muß im Augenblick der Entschluß aus Opportunitätsgründen abgelehnt und der Antrag zurückgezogen werden. Für Ergänzungswahlen des Vorstandes am Delegiertentage werden Frau Martha Schlesinger-Frankfurt a. M., Frau Pro» effor Dessau-Charlottenburg, Frau Dr. Ziemlich-Nürnberg-und als stellvertretende Schriftführerin Frau Helene Meyer-Stargardt vorgeschlagen. »Zu Punkt 3 der Tagesordnung: zum Delegiertentag wird vorgeschlagen, den äußeren Rahmen der Tagung so einfach wie möglich zu gestalten. Jede Delegierte hat sich bei der Schriftleitung eine Karte zu lösen (für etwa 5 Mark), die gleichzeitig zur Beteiligung an dem gemeinsamen Frühstück am zweiten Tage berechtigt. Als Norm für die Vergütung der Vereine an ihre Delegierten wird darauf hingewiesen, daß der Bund seinen Vorstandsmitgliedern die Fahrt III. Klasse und 8 Mark Diäten für Sitzungstage vergütet. Sodann wird die Tagesordnung des Delegiertentages vorgeschlagen. Zu Punkt 4 der Tagesordnung: Gründung eines Internationalen jüdischen Frauenbundes wird die Notwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses anerkannt und 100 Mark für diese Zwecke,zur Verfügung gestellt', zumal Fräulein Pappenheim vermutlich mit der Schriftführung des Internationalen jüdischen Frauenbundes betraut werden wird. Fräulein Werner hat mit Miß Sa die Amerikan eine Vereinbarung getroffen, daß sie von der Abreise jeder, von Amerika in die Heimat zurücktransportierten, in Amerika wahnsinnig gewordenen Jüdin, wie solche Fälle häufig vorgekommen sind,, telegraphisch oder brieflich Nachricht erhält, damit sie von den Heimatsbehörden Bescheinigungen über die Ankunft in der Heimat erbitten kann, da man bisher über den Verbleib dieser Unglücklichen keine Nachricht hat. Hierauf wurden nach eingehender Durchberatung die neuen Statuten vom Vorstand angenommen und beschlossen, sie in der neuen Fassung der Telegiertenversammlung vorzulegen. K. Kattowitz, 4. November. Der Synagogen-Gemeinden- Verband .des Regierungsbezirks Oppeln hielt seine22.Hauptversammlung am 30. Oktober im Konferenzsaals der Synagogengemeinde Kattowitz ab. Da ihr ein vom Vorsitzenden des Verbandes an die Vorsteher der einzelnen Gemeinden versandter gedruckter Bericht vorangegangen war, waren die 40 Vertreter der Gemeinden sowie zwei Vertreter des Rabbinerverbandes, der Vorsitzende Herr Rabbiner Dr Cohu-Kattowitz und Dr. Kaatz-Zabrze und ein Vertreter des Lehrervereins genügend orientiert zur Versammlung gekommen.' Und gerade weil reichlich Gelegenheit zur Kritik gegeben war und sich gleichwohl nicht eine Stimme der Unzufriedenheit mit der Arbeit des aus zwölf Männern bestehenden Vorstandes erhob, glaubt der Referent die Bedeutung dieser Tagung, in der vollsten Zufriedenheit mit dem Wirken und Schaffen der Verbandsleitung zu erblicken: ein höchst erfreulicher Ausblick in die weitere segensreiche Entwicklung des Verbandes, aber auch ein ähnlicher Zeuge für seine Daseinsberechtigung. Und noch ein zweiter, herzerfrischender sei vorweg anerkannt: die Verhandlung nahm den würdigsten, weil friedlichsten Verlauf. Hatte sie doch der rührige, idealgesinnte Vorsitzende, Herr Justizrat Berger-Königshütte mit der Devise eröffnet: seliolaum row, viel Frieden! Mit diesem Fanal begann der Tag, unter diesem Zeichen verblieb er. Nach einem solennen Frühstück, von der gastgebenden Gemeinde Kattowitz freundlichst geboten, eröffnete um 11^/2 Uhr der Vorsitzende die Sitzung mit der üblichen Begrüßung und mit Dankesworten an die. gastfreundliche Gemeinde. Er erteilte sodann Herrn Stadtrat Wiener das Wort, der als Vorsitzender des Kattowitzer Vorstandes die Teilnehmer bewillkommnete und sodann daran erinnerte, daß die Gemeinde die Vertreter des Verbandes um so lieber bei sich ausgenommen habe, als sie zu den Begründern des selben sich zähle. Nunmehr trat man' in die Tagesordnung ein. Der Vorsitzende erläuterte den „Jahresbericht", der über drei wesentliche Arbeitsgebiete spricht: über den Verkehr mit den einzelnen Gemeinden, Behörden und Vereinen; über die Tätigkeit des Verbandrabbiners sowie die vom Verbände subventionierten Religioüsschulen und über das Verbandswaisenhaus in Rybnik. Im Interesse der Gemeinden wurden vom Vorstand vier Sitzungen abgehalten, in denen 41 Vorlagen zur Erledigung kamen. 817 Schreiben sind vom Vorsitzenden hinausgegangen; wahrlich, in Ansehung des Umstandes, daß das Amt des Vorsitzenden ein Ehrenamt ist und ein besoldeter Sekretär ihm nicht zur Seite steht, eine Riesenarbeit, für die kein Dank groß genug ist. Die Fülle der Aufgaben, mit deren Lösung sich der Vorstand befaßt hat, macht es auch dem Referenten unmöglich, ein auch nur annähernd getreues Bild von der Leistung zu entwerfen. Wir müssen uns deshalb darauf beschränken, in Kürze anzuführen, daß sich vorab die kleinen und kleinsten Gemeinden der möglichsten ideellen und materiellen Hilfe des Verbands hinsichtlich des Unterrichts, der Kultur nur der rein äußeren Angelegenheiten erfreuen dürften; daß keine der groben, die Interessen der Allgemeinheit fördernden "Vereinigungen Deutschlands die Mitarbeit des Verbands vergeblich