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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-11 · Heft 45 (11.11.1910) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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Christen gesegnet! Ein solcher Segen könnte sogar einen Vatermord heiligen, und der Mann, der jetzt mit ihr herumstritt, er müßte eigentlich von ihr als Heiliger betrachtet werden. Seine Barmherzigkeit, seine Menschengüte inmitten des fanatischen Hasses, des wahnwitzigen Vorurteils, hatten ihn längst dazu gestempelt. Lange tobte der Kampf in ihrem Innern; das Elternhaus mit dem trauten und heiligen Sabbat, den freudvollen Jest¬ und den schmerzdurchwühlten Fasttagen, alles, was sie seit jener schrecklichen Katastrophe der Ausweisung schon halb vergessen hatte, erwachte wieder im Bewußtsein ihrer Seele und mahnte sie an die Pflicht eines jüdischen Mädchens.- Doch es war alles umsonst; das Feuer der Liebe hatte auch sie bereits erfaßt, und der Tod in der Steppe schreckte sie. Das schwache Weib siegte-der Mutter Segen ward ihr zum Vorwand, und so sagte sie denn endlich: „Ich werde versuchen, mich mit Ihrem Glauben vertraut zu machen, und wenn ich zu Ihrem Glücke auch nur'ein Atom-" „Nein: nicht ein Atom", unterbrach er sie freudig, „nicht ein Atom, eine ganze Welt des. Glückes! Ach, das Sehnen und Verlangen meines Herzens!" Sie befanden sich auf dem Gntshofe, der jetzt menschenleer war. — — Nur Kallasch beobachtete si^ scharf von seiner Hütte aus, und als er die fremde Frau so dicht an der Brust seines Herrn sah, da erhob er ein fürchterliches Geheul. Hatte er nur deshalb im letzten Winter drei Wölfe totgebissen und seinem Herrn das Leben gerettet, um von dieser Frau so fest umschlungen zu werden-ha! Wenn er doch nur von der Kette loskommen könnte. — — „Nun fühle ich mich stark genug, gegen die ganze Welt anzukämpfen", rief Gregor frohlockend, als er sie endlich Wiederaus seinen Armen freigab: „ich werde es sogleich meiner Mutter mitteilen." „Ich wünsche, ich könnte Dir dabei helfen", sagte sie schüchtern. „Nein, mein Liebling. Du hast Deinen Teil bereits gehabt. Du hast Deinen Kampf bereits ausgesochten: jetzt werde ich auch meine Aufgabe erfüllen." Marfa saß wie gewöhnlich im Wohnzimmer, mit Strümpfestopfen beschäftigt. Bei Gregors Eintritt erhob sie kaum den Kopf und ließ.sich in ihrer Arbeit nicht stören. „Das Judenfrauenzimmer hat mich gewiß bei ihm angeschwärzt", dachte sie sich: „nun wird wohl wieder ein Donnerwetter losbrechen — — . Meinetwegen, heute sind meine Achsen gut geschmiert, und darum wird auch mein Räderwerk gut laufen." -,Mutter, ich habe Dir etwas mitzuteilen", eröffnete Gregor das Gespräch. „Ich weiß es-ihretwegen", sagte sie, den Kopf mit einer verächtlichen Gebärde gegen die andere Stube werfend. „Du weißt es!" sprach er überrascht. „Es ist doch kaum erst eine Minute, daß ich selbst es weiß." „Daß Du was weißt?" „Daß sie meine Frau werden wird." Marfa lächelte bösartig und ließ dabei ihre gelben, krummen Zähne sehen, deren Anblick allein schon bei einem andern Zahnschmerzen verursachen konnte. „Deine Frau? Ach so-Du meinst wohl durch das sogenannte Naturrecht-wie man sich in der Welt so hübsch zweideutig auszüdrücken versteht." „Durch die Natur und auch-durch das Gesetz. Meine rechtmäßige, von der Welt anerkannte Frau. Wir haben alle Hindernisse beseitigt. Sie wird Christin werden." „War denn dieses nur das einzige Hindernis?" fragte sie noch immer mit eisigkalter Ruhe. „Ich wenigstens wüßte kein anderes, das noch schwer ins Gewicht fallen könnte." „Weshalb brauchst Du es mir dann überhaupt noch zu erzählen?" „Weil es Dir doch gewiß Freude machen wird, zu wissen, daß Du jetzt zwei Kinder hast." Marfa konnte sich nicht mehr länger bemeistern. „Es ist wahr, ich habe mich schon lange nach einer Tochter gesehnt — aber ehe ich diese als solche anerkenne, will ich lieber kinderlos ins Grab sinken!" „Wie Du willst, Mutter", sprach auch er jetzt mit eisiger Ruhe, die um so schauerlicher von ihrem leidenschaftlichen Ton abstach. Er schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Doch ehe er noch die Türe erreicht, hatte sie mit wilder Glut seinen Arm erfaßt und warf sich vor ihm auf den Boden. (Fortsetzung folgt.) Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Erundzüge des babylonisch-talmudischen Ehereckts von Dr. A. Billauer, Warschau. Berlin, Carl Heymanns Verlag 1910. Preis 2 Mark. Die Lösung des Antoniusrätsels von Rudolf Leszynsky. Berlin, Mayer und Müller. 1910. Die Juden in Arabien zur'Zeit Mohammeds von Rudolf Leszynsky. Berlin, Mayer und Müller. 1910. Die Religionsgeschichte und die alttestamentliche Wissenschaft, Vortrag von Dr. Hermann Gunckel, Professor der Theologie, Gießen Sonderausgabe aus dem Protokoll des fünften Weltkongresses für freies Christentum und religiösen Fortschritt. Berlin 1910, Berlin- Schöneberg. Protestantischer Schristenvertrieb G. m. b. H. 1910. Die Kunst im Dienste des Religionsunterrichtes von Rabbiner. Dr. Richard Feder, Raudnitz a. E. Separatabdruck. Im Selbstverlag des israelitischen Landes-Lehrervereins in Böhmen. Religionsgeschichtliche Studien. 1. Heft: die Bezeichnungen für Christen und Gnostiker im Talmud und Midras von Dr. A. Marmorstein. Rabbiner in Skotschau (Ostschlesien). Selbstverlag des Verfassers 1910. Ahasver. Dramatisches Gedicht von Walther Nithack-Stahn. I. Frickes Verlag (I. Nithack-Stahn), Halle a. S. Preis 2 Mark. Lriekksltrn der ÄrÄaktion. In der vorigen Nummer habe ich von einer neuen Studentenzeitung berichtet. Ta ich in der Lösung studentischer Hiroglyphen nicht bewandert bin, so verstand ich die Abkürzung des Titels nicht und meinte nach dem sehr unklar geschriebenen Artikel, daß es ein antisemitisches Blatt sei — denn zu der Lektüre der anderen Aufsätze der Nummer habe ich keine Zeit — aus der wir unterdes zugekommenen zweiten Nunimer ersehe ich. daß es sich um ein Organ der jüdischen Korporationen handelt. Ich kann nicht sagen, daß ich für diese Sonderbestrebungen in der Studentenschaft schwärme; trotzdem werde ich auf das Organ eingehen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet; das Urteil, das in der vorliegenden Nummer über Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie" gefällt wird, teile ich nicht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

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