Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit grenzenloser Verachtung spie sie vor. dem erschreckten Mädchen aus und ging zu Sascha, der Wirtschafterin, die den ganzen Vorgang schadenfroh mit angesehen hatte. Schnell und leichtfüßig ging Marfa fort, als habe sie eine Zentnerlast von sich geworfen. Und diese Last schien sich nunmehr auf Nahel gewälzt zu haben, als sie traurig und nachdenkend zurück nach ihrem Zimmerchen schlich. Doch sie raffte sich bald wieder auf; Niederdrücken wollte sie sich trotzdem nicht lassen, und eine Stünde später sprach sie zu Gregor mit fester Stimme: „Ich werde jetzt von hier sortgehen." Er ließ vor Schreck die Reitpeitsche fallen, die er in der Hand gehalten. „Warum?" war seine kurze Frage, als er sich niederbeugte, um sie wieder aufzuheben. . „Weil es mir soeben zum Bewußtsein gekommen ist, daß ich bisher Bettelbrot aus der Hand eines Fremden gegessen." „Gehen Sie denn gern von hier?" fragte er in einem eigenartigen Ton. „Vielleicht wäre ich noch gern ein wenig länger hier geblieben; allein dieser Gedanke peitscht mich förmlich fort." Gregor sah vor sich nieder, als ginge er mit sich selbst zu Rate. - „Wie aber", sprach er endlich, „wenn ich einen Ausweg fände, daß das, was Sie jetzt als Gnade betrachten. Ihnen rechtmäßig gehört?" „Wie könnte das wohl möglich sein?" fragte sie erbleichend. „Heiraten Sie mich." Traurig ließ sie den Kopf sinken. Ja, ja, es war wirklich die höchste Zeit, daß sie ging; für die Mutter ein Abscheu, für den Sohn ein Spott — es war Zeit, daß sie ging. „Sie sind überrascht", fuhr er mit großer Wärme fort, „und doch glaubte ich. Sie genügend vorbereitet zu haben; — doch Sie scheinen es nicht bemerkt zu haben, da Ihre Augen stets von Tränen erfüllt waren. Darum sollen Sie es jetzt wenigstens hören! Von dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, wollte ich Sie besitzen. Ich will nicht heucheln- und gestehe es Ihnen, daß ich kein Heiliger bin. Es war nicht allein das Mitleid, das mich zu Ihnen hinzog. Mein Herz hungerte schon längst nach Liebe: allein das, was ich bisher geschaut und genossen, hat mich wenig oder gar nicht befriedigt — — bis Sie kamen. Und darum wollte ich Sie nicht weiter ziehen lassen. Ich wüßte, daß die Vorsehung nicht so grausam sein kann, das Glück zu zeigen, um es bald darauf wieder zu entreißen; anderseits ist sie auch nicht so verschwenderisch in ihren Gaben, um das Glück zum zweiten Male zu gewähren, wenn man töricht genug war, es sich das erste Mal enschlüpfen zu lassen." „Aber das ist doch rein unmöglich!" ries sie ganz bestürzt. „Warum denn?" Seine Stimme klang fast barsch. „Weil ich Jüdin bin. --Ihr Gott ist verschieden von dem weinigen." „Und was denn weiter? Mögen sie es doch unter sich ausmachen, welches der richtige ist. Einst, später werden wir es ja vielleicht auch erfahren. — -- Bis dahin aber wollen wir das Paradies im voraus hier aus Erden genießen. Behalten Sie ruhig Ihren Gott, aber schenken Sie mir Ihr Herz." „Meinen Gott behalten?" wiederholte sie nachdenkend. „Wie könnte das wohl geschehen? Kennen Sie denn nicht das russische Gesetz, daß ein Christ, der ein Mädchen meines Stammes heiratet, ohne daß dieses selbst zu seinem Glauben übergetreten ist, einer schweren Gefängnisstrafe anheim fällt? Sollte das der Lohn Ihrer Freundlichkeiten sein, wenn ich zugebe, daß Sie sich meinetwegen ins Unglück stürzen? Oder soll ich mich zu Ihrer Religion bekennen — — —! Das ist ja ganz und gar ausgeschlossen ———Sie glauben es nicht, wie unwahr mir alles bei-Ihnen vorkommt: wie fremd Ihre Heiligenbilder, Ihre Kreuze, Ihre, müßigen Priester, das knieende Volk,.wie mir..." Gregor hörte ihr mit Hoffnungsfreudigkeit zu. Ihr Disputieren, ihre Erörterung bedeutete ja schon eine halbe Nachgiebigkeit. „Sie wollen sagen, daß Sie all dieses hassen." unterbrach , er sie; „Sie brauchen sich nicht zu scheuen, es offen auszusprechen. Aber für mich bedeutet dies alles nur eine sehr leicht zu entbehrende Glückseligkeit. Mehr brauche ich Ihnen wohl nicht über meine Glaubensansichten zusagen. — Und ich verlange doch auch nichts Großes von Ihnen. Wenn Ihre Religion wirklich so stark und fest in sich selbst ist, wie Sie denken — da wird sie wahrlich durch eine Verbeugung vor einem Kreuze oder durch einige Waffertropsen aus dem Taufbecken auch nicht aus den Fugen gehen und keinen größeren Schaden davon tragen. Aber ich lege Wert auf diese Ihre Nachgiebigkeit in dem einen Punkte, in Ihrem eigenen Interesse, damit Sie unwiderruflich mein rechtmäßiges Weib werden können.-Warum denn nicht? Wenn Sie mit meinem Priester in der Kirche fertig sind, gehen Sie ruhig in Ihr Stübchen, um sich dort auch mit Ihrem Rabbiner aözusinden und mit ihm Ihren Frieden zu schließen." „Werde ich aber auch Frieden schließen können mit meinem Gewissen?" „Das glaube ich ganz bestimmt. Sie sind ja auch nicht die erste Ihres Stammes, die auf diese Weise den Umständen Rechnung getragen. Haben Sie denn nichts von Ihren Leuten in Spanien, von den Marannen gehört?" „Das schon; doch waren jene durch die bitterste und grausamste Notwendigkeit dazu gezwungen." „Und sind Sie es denn nicht auch?" fragte er schnell. „Bitte, sagen Sie mir doch bloß, wenn Sie mein Haus verlassen sollten, wo Sie auch nur für eine einzige Nacht ein Unterkommen finden ' werden? Wie denn, wenn ich mich weigere. Ihnen ein Fuhrwerk zu besorgen, wenn ich Sie ohne Lebensmittel fortziehen lasse, glauben Sie denn, daß Sie imstande wären, bei dieser Jahreszeit die Steppe zu durchwandern? Oder wird etwa der Selbstmord von Ihren Rabbinern nicht als als Sünde angerechnet? Ueberlegen Sie sich die Sache reiflich-Selbstmord, ist kein — — Märtyrertum." Nachsinnend ließ Rahel ihre Blicke in die Ferne schweifen. Soweit hatte er ja recht: ehe sie wieder eine menschliche Behausung erreichte, konnte sie von den Wölfen zerrissen oder vor Hunger und Kälte gestorben und verdorben sein. Nein : sie konnte nicht fort. — — Es wäre gräßlich, in der Wüste zu sterben — — ihre Mutter hätte ja auch solche Angst davor gehabt. Und selbst wenn sie die gefährliche und beschwerliche Wanderschaft überstanden-- was dann? Wohin gehen, wohin sich wenden? Würde nicht ihr Herz sich wieder und immer wieder nach dem granitbedeckten Hügel zurücksehnen? Diese Stätte war jetzt ihre Heimat geworden — — der Geist ihrer Mutter schwebte hier umher: hierher würde auch die Seele der Verstorbenen wieder zurückkehren, um sie zu suchen, und wenn sie nicht da wäre, so lange weiter suchen, bis sie selbst dieHimmelspforte nicht wieder fände. Freilich war es eine schwere, eine 'Todsünde, das Weib eines - Christen zu werden! Aber hatte nicht ihre Mütternoch mit ihrem letzten Atemzuge diesen