Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
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Volke verschiedene „Zudichtüngen" hervorriefen.- Es entstanden daher verschiedene Legenden über Adam und Eva, Kain und Abel, Henoch, Noah, Abraham, Melchisedeck, Moses, David und Salomo. Nächst dem Pentateuch kommen hier die Psalmen in Betracht, welche in der alten russischen Literatur unter dem Namen „geistliche Lieder" bekannt sind. Gerade die Psalmen sind es, welche auf das Gemüt des Volkes ungemein wirkten. Neben den Psalmen kommen die „ethisch-historischen Lieder" in Betracht. Aus alttestamentlichen Stoffen sind bearbeitet: „Die Geißel Abrahams" und „Joseph der Schöne". Im ersten Gedicht soll Adam den Verlust des Paradieses beweinen, und dasselbe schließt mit der gelungenen Finale: wir müssen hier wieder suchen, gottgefällig zu werden. Das zweite Gedicht ist romanartig behandelt. Da mit der Anschaffung einer Buchdruckerei eine neue Aera in jeder Literatur beginnt, so wollen wir auch hier das Faktum nicht unbeachtet lassen, daß die erste slawische Bibel 1580—81 vollständig gedruckt wurdet) Wenn wir einen allgemeinen Ueberblick über den jüdischen Einfluß auf die russische Literatur werfen, so müssen wir direkte und indirekte Prinzipien konstatieren. Es wurde eine ganze Reihe von polemischen Schriften, gegen die Juden abgefaßt, mit dem Zwecke, das Judentum bei Wladimir und dem jungen christlichen Staate zu verleumden. Zu diesem Zwecke mußte das Alte Testament, verständlich gemacht werden; man verfaßte daher verschiedene Wörterbücher, Glossarien und Erklärungen. Die Uebersetzung wurde mit dem Original verglichen, damit Korrumptionen sich ja nicht einschleichen. Durch die Bekanntschaft mit der Bibel erweiterte sich der Horizont des Volksgeistes; die Literatur wird mit echt jüdischen Sagen, Legenden, Erzählungen aus der mittelalterlichen jüdischen Philosophie bereichert. Zur Propaganda wurden jüdische Schriften ins Slawische übersetzt. — Das sind ungefähr die Hauptprinzipien des jüdischen Einflusses. Betrachten wir jetzt den Einfluß chronologisch. Zu Ende des XI. und Beginn des XII. Jahrhunderts befinden sich — urkundlich nachgewiesen — in Kiew Juden, von denen viele nach dem Westen reisten, um Talmud zu studieren, wie beispielsweise R. Mose aus Kiew, ein Schüler des berühmten Josef Jakow Tam, des Enkels Raschis. Nach Annahme des Christentums scheint das jüdische Element noch nicht ganz aufgehört zu haben. Die Schrift Jllarians „Vom mosaischen Gesetze" scheint ein Produkt des Verhältnisses der Juden zur christlichen Kirche zu sein. Die Lebhaftigkeit der Polemik läßt auf ein wirklich existierendes Verhältnis zwischen den beiden Religionen schließen.* 2) : Im XIII. Jahrhundert fällt die Abfassung des hebräischen Wörterbuches, geschrieben 1282 für den Nowgoroder Bischof Climent. Aehnliche Glossaren wurden wiederholt geschrieben mit der Bezeichnung „Asbukukownik". Hierher gehören noch die „Hellenischen Annalen" (zusammengestellt in Rußland), h Ueber die slawische Bibelübersetzung vergleiche Cornill: „Einleitung ins alte Testament", Seite 338. Freiburg 1896. 2) Maluschewsky ist ebenfalls derselben Meinung. Der Geistliche Philard betont ebenfalls eine lebhafte Propaganda der Juden zu Beginn des XII. Jahrhunderts. Nestor erzählt in seiner Schrift, daß er öfter nachts aus dem Kloster ging,' um heimlich mit den Juden über das Christentum zu disputieren. In dieser Epoche (XI. bis XII. Jahrhundert) ist noch bemerkenswert die Erscheinung Lucca, mit dem sonderbaren Beinamen ^Shidjata", der sich mit alttestamentlichen Motiven beschäftigt. - * eine Sammlung aus verschiedenen Büchern Mosis, der Könige und andere. . Ferner'bezeichnend ist die Entstehung der „Jstarii". Popoff identifiziert sie mit „Asterius", also Lied der Lieder. Baratz hält sie für eine ähnliche Abfassung wie die Megilloth ^(Rollen). Bedeutend war der jüdische Einfluß in der Paläa. Tychomiroff beweist dies deutlich. Dort sind einfach apokryphifche und alttestamentliche Sagen und Legenden umgearbeitet. Ein wenig später, d. h. im XIV. Jahrhundert, gelangt die eben erwähnte Paläa zum Vorschein, Zu dieser Zeit wird eine ganze Reihe von polemischen Schriften exogetischen Charakters gegen die Juden fabriziert. Das Material wird aus dem Alten und Neuen Testament geschöpft. In die Epoche vom XV.—XVI. Jahrhunderts fällt die Uebersetzung : der Bibel ins Slawische bezw. die Ausbesserung der bereits vorhandenen Uebersetzungen im Vergleich mit dem masoretischen Urtexte. Im Rumjanzcwer Museum befindet sich ein wertvolles Manuskript (Nr. 27), welches die Bücher des Alten Testaments zum Inhalt hat. Der Text ist alt und scheint von russischen Kopisten im XV. Jahrhundert kopiert zu sein. Manuskript Nr. 30 desselben Museums enthält die Uebersetzung des Buches Esther und Nr. 31 die Propheten;^ Nr. 1—3 enthalten den Pentateuch.2) Wir bemerken also in den Denkmälern der. alten russischen Literatur ein Streben nach einer möglichst genauen Wiedergabe des biblischen Textes. Die Bibel, das Buch der Welt, war auch hier maßgebend und rief mit ihrer ganzen Literatur, die um sie und durch sie gebildet wurde, einen gewaltigen Einfluß hervor. (Fortsetzung folgt.) Das Iudengrsh in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. IV. ^^nch Marsa gehorchte dem Sohne; sie hatte Rahel noch kein einziges böses Wort gegeben — doch nur darum, weil sie überhaupt noch kein einziges'Wort zu ihr gesprochen hatte. Wenn sie Rahel begegnete, so wendete sie absichtlich den Kopf zur Seite, so daß Rahel gar nicht den giftigen Blick in ihren Augen bemerken konnte. Darum war Rahel froh und freudig überrascht, als Marsa eines Tages doch bei ihr stehen blieb und anscheinend voller Teilnahme sie ansprach. „Was war denn Dein Vater?" fragte sie. „Ein Lohgerber," gab Rahel zur Antwort, bemüht die Worte so höflich und sanft als möglich zu gestalten. „Du lügst!" schrie Marfa sie unvermittelt an. „Du lügst. Er war ein Bettler — und ein Bettler war auch sein Vater — denn wären nicht Bettler- und Vagabundenblut in Deinen Adern, so würdest Du Dich schämen in Deinen Hals hinein, das Brot des Müßigganges aus der Hand eines wildfremden Mannes zu essen!" . - 1) Diese Manuskripte sind von Wostock beschrieben. vergleiche die Abhandlungen von Chambinau im „Sbornik", S. 341, 1901. . 2) Beschrieben von Garsky und Neüstruff. lieber diennderen Manuskripte der Bibliothek und der Wilnaer Bibliothek vergleiche Chambinau a. a. O. ' . - -; :;;;