Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
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Der LmSutz Lrs jüdilchm Llkmrnts in der ruMchen Literatur. Eine literarhistorische Abhandlung von Raubin Knopping. Vorwort. orliegende Arbeit soll ein Beitrag zur Dokumentierung sein, wie der jüdische Geist solche gewaltige Dimensionen in der Entwicklung der Ideen des Menschengeschlechts angenommen hat, daß es selten eine Kultur gibt, die nicht durch das jüdische Element bedingt, zum mindesten von demselben stark beeinflußt wäre. Ich denke augenblicklich an eine talmudische Legendes) Rabbi Akiva, heißt es dort, reiste einst auf einem großen Schiffe; das mächtige Schiff scheiterte und ein Brettlein blieb ihm übrig; auf diesem Brettlein durchschwamm er das Meer; wenn Wellen und Wogen über ihn einherzogen, so neigte er sein Haupt, die Welle zog vorüber, er ward gerettet und das Brettlein wanderte weiter, während vor seinen Augen mächtige Schiffe, die lies im Wasserboden eingeankert waren, zugrunde gingen. Nahe an zweitausend Jahre schwimmt dies elende Brettlein auf dem Weltmeere der Historie herum. Die Fluten der Zeit wollen es schon längst verschlingen- Stürme wehen, Winde heulen, Orkane toben, Wellen schäumen, mächtige Schiffe gehen zugrunde, und dies arme, schwache Brettlein schleppt sich auf dem Weltenmeere umher und lächelt jeder physischen Kraft Hohn. So wandert Israel mitten in fürchterlichen Stürmen der Not und des Elends, der unsäglichsten und unmenschlichsten Verfolgungen, Miseren und Torturen, von allen Ecken und Kanten den gefährlichen Feind gegenüber — so wandert es wie jenes Brettlein einher. Große Umwälzungen find inzwischen in der Weltgeschichte eingetroffen: mächtige und bedeutende Nationen mußten vom Weltentheater verschwinden, das israelitische Volk allein lebt noch bis heute und hat noch genug Lebenskraft, die Wucht und die Unehrlichlichkeit der Geschichte zu überwinden. Wehen die Stürme noch so sehr, und heulen die Orkane noch so mächtig — Israel neigt das Haupt, die Wellen schäumen vorüber und das schwache Brettlein zieht weiter ... weiter ... weiter im Weltenmeere. Dss sltr Aichlrmd. Der jüdische Einfluß beginnt mit dem Anfänge der russischen Literatur und vor allen Dingen bei der Annahme des Christentums, wo die „Shidowskoje Kosarnitze" eine bedeutende Rolle spielte. In keinem Lande der Welt wurde der Judaismus vom historischen Schicksal so begünstigt für eine Weile wie hier. Hier sollte die jüdische Religion die herrschende sein und das ganze Chozarenreich Predigte den Mosaismus. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels hatte das Judentum bloß wenige Politisch günstige Momente in der Diaspora erlebt. Wenn die Tapferkeit eines Bar Kochba noch die letzten glimmenden Spuren jüdischer strategischer Tapferkeit beweist, so bekundet der jüdische Geist das jüdische Ideal, daß es stets sortlebt und zu fast allen Zeiten gewaltig um sich greift, sei es in offenbarer, merkbarer Form, sei es in verhüllter Weise. Wir wollen nicht reden von dem unleugbaren, gewaltigen Einfluß, den der Judaismus auf die europäische Kultur ausübte, sondern wir wollen ein krasseres Beispiel nehmen, nämlich das Ueberhandnehmen des Judaismus in Arabien vor Mohammed, wo sogar aus der Juden Mitte Könige gewählt wurden, und die Uebermacht des jüdischen Ideals im. Chozarenreich. In der Tat haben diese beiden Epochen viel Verwandtes miteinander. Ohne zu wollen, mußte das Chozarentum, als Repräsentant des Mosaismus auf das damals so.miserable antike Rußland einen gewaltigen Einfluß ausüben. Die Form der ältesten russischen Literatur waren Lieder, Märchen und Sprichwörter. Bei Jlja Murromor kommt eine Heldentat mit einem Juden Hirschl vor, einem Ritter aus dem Chozarenreich. Das erste Denkmal der russischen Schriften ist das Evangelium. (ediert Wostock 1803), *) wo natürlich an das Judentum gestoßen wird. Der vierte Abschnitt der Kollektion „Swjatoslowa" enthält Apokryphen über jüdische Personen und behandelt jüdische Helden und biblische Episoden. Unter dem Einfluß dieser Apokryphen bildete sich eine neue Art der ältesten russischen Volksliteratur aus, nämlich geistliche Lieder, oder kurzweg „Lieder". Die ersten Anfänge der Literatur werden aus der christlichen Idee und dem Evangelium geschöpft. Die Literatur ist fast ausschließlich christlich-religiös. Ihre Phantasie ist mit dem Sehnen und dem Schmachten nach dem heiligen Lande, Palästina, beschäftigt. Aus biblischen Stoffen ist bearbeitet: „Die Tiefe des Buches", „Die Geißel Abrahams" und „Gedicht über Joseph". Im XI. Jahrhundert besteht die ganze Literatur Rußlands aus Predigten, Reisebeschreibungen und Erlebnissen poetischer Persönlichkeiten. Uns interessiert die Predigt des Kiewer Metropoliten: „Vom mosaischen Gesetze, von der Wahrhaftigkeit durch Jesus Christus". Die Form ist rein symbolisch, und das Ganze soll eine Verleumdung gegen die Chozaren bei Wladimir, der sich auch mit den letzteren beschäftigte, sein. Bis Wladimir war bekanntlich das antike Rußland heidnisch. Nach Annahme des Christentums in Rußland (988) wird selbstredend die Bibel Hauptbuch und-Quelle des geistigen Volkslebens. Da aber die Bibel die einzige Quelle des damaligen Volkslebens — von einem solchen kann nur die Rede sein — war, begnügte sich der Volksgeist nicht mit dem gegebenen Material der Bibel und suchte über die Grenzen derselben hinauszugehen: es war dies nämlich ein Streben nach Befreiung von Mystik. Aber wie hinaus über solch ein großes und inhaltsreiches Buch wie die Bibel, besonders bei einem solchen Naturvolke? Es entsteht eine Literatur über die Bibel, ihre Erzählungen und Helden, welche man mit der „apokryphischen Literatur" bezeichnete. Der Inhalt derselben ist aus der Bibel, auch dem Talmud und der Kabbala entnommen?) Und ohne Wunder, die Erzählungen der Bibel sind so heilig und naiv gehalten, daß sie aus das Naturvolk mit mächtiger Zauberkraft wirkten. Aber jene Erzählungen, wie spannend sie auch sind, sind in heiliger Kürze gehalten und sättigen nicht das dürstende Volksgemüt. So fand nun das Volk das Bedürfnis, diese Literatur zu erweitern oder gar auszuschmücken. Zudem sind die Helden der Bibel so gewaltig, daß sie im y Vergleiche folgende Quellen'. G. M. Baratz: „Kirryllo — methodische Fragen". Kieffer geistliche Akademie, März, Juni und August 1891. M. I. Suchomlinofs: „Zwei semitische Sagen in der alten russischen Literatur". (1873). Professur Pawloff: „Vom slawischen Kanone usw." A. N. Poppoff: „Historisch-literarische (Rundschau der alt-russischen polemischen Werke gegen die Lateiner)." Harkary, A.: „Rußland und Russisches in der mittelalterlichen, jüdischen Literatur". S. Chambinan: „Spuren des direkten Einflusses der Juden in den Denkmälern der alt-russischen Literatur." Petersburg 1901) Porsijew: „Geschichte der alt-russischen Literatur"- Kasan 1882. 3) Vergleiche Porsijew: „Geschichte der alt-russischen Literatur" Kasan 1882. h Jebamoth 121.