Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sittlich - religiole Lrsiehung und Anterweiluns tsubttummrr Kinder. Von I. Kolodzinsky. III. /I^bwohl wir uns bei der Durchnahme und Besprechung der biblischen Geschichten stets vor Augen halten müssen, es ist in erster Reihe Religionsunterricht, den wir erteilen, so ist es doch eine Menge sprachlicher Aufgaben, die uns ganz besonders in den ersten Jahren auf unserer Mittelstufe im biblischen Geschichtsunterricht entgegentreten. So handelt. es sich bei der zum Beispiel herangezogenen Geschichte um Begriffserklärungen,, wie laben, zubereiten, Gast, gastfreundlich und anderes. Hierbei muß der Taubstummenlehrer sich selbstverständlich mehr auf die sittlich-religiösen Begriffe einlassen und sich die Verdeutlichung anderer neuer Begriffe für den Anschauungs- und Leseunterricht, für die ihm ja eine größere Anzahl von Stunden zur Verfügung steht, reservieren. Ebenso dürfen wir uns im Religionsunterricht nicht allzulange mit dem Korrigieren der Sprachfehler aufhalten. Auch das ist mehr in den eigentlichen Sprachunterricht zu verweisen. In der Religionsstunde muß uns die Hauptsache sein: Klarheit religiöser Erkenntnis, Einwirkung auf Gemüt und Willen der Schüler. Was die Stoffauswahl anbelangt, so habe ich schon angedeutet, daß es sich noch vielmehr als in der Volksschule bei uns nur um eine Auswahl von Erzählungen der Bibel handeln kann. Und ich stehe nicht an, zu erklären, daß wir. da sich eine ganze Anzahl von Erzählungen der Bibel für unsere Mittelstufe als zu schwierig erweist, statt ihrer profane Erzählungen auswählen können. Diese liegen dem Verständnis der Kinder näher und zeigen das sittliche Moment oft viel deutlicher als manche biblische Geschichte. Ich erinnere nur an die schöne Fabel von der Biene und der Taube, die ich mit unseren Kindern sehr gern bespreche. Hier.zeige ich den Kindern klar und deutlich, was wir unter Dankbarkeit verstehen. An anderen entsprechenden Leseftücken lassen sich Nächstenliebe, Wahrheitsliebe und andere Tugenden sehr gut veranschaulichen. Sind wir erst mit den taubstummen Schülern bis ins sechste und siebente Schuljahr ausgerückt, so können auf jeden Fall biblische Erzählungen, wie sie für einfache Schulverhältniffe zusammengestellt sind, Verwendung finden. Da können wir es auch versuchen, den Kindern, ähnlich wie Vollsinnigen, einmal die ganze Geschichte vorzutragen, sie ihnen abschnittsweise zu erläutern, ja sogar nacherzählen zu lassen. Wir können dann schon das Bild entbehren und uns einzig und allein auf die Erklärung durch die Sprache beschränken. Die Lebendigkeit und Anschaulichkeit des Vortrages eines Taubstummenlehrers vor seinen Schülern werden sich naturgemäß nicht in seinem Tone zeigen können. Wir müssen beim Erzählen einer Geschichte, was übrigens auch der Lehrer Vollsinniger nicht vergessen dürfte, unsere ganze Haltung, unsere natürlichen Gebärden, unser Auge in erhöhter Weise wirken lassen. Wenn wir etwas Erfreuliches erzählen, so muß das in unserem Gesicht ebenso wahrzunehmen sein, wie in anderen Fällen die Wehmut, die Entrüstung, der Zorn. Die Gesten sollen jedoch nichts was der eine oder der andere annehmen könnte, die von den geehrten Lesern gewiß schon beobachteten Taubstummengebärden sein. Auch bei unseren sprachlich bereits geschulten Kindern handelt es sich nur um ganz natürliche Bewegungen der Arme und Hände und um das Mienenspielworauf bekanntlich. sehr > viele Redner, Prediger und Rezitatoren nicht verzichten können, wenn sie ' auf ihre Zuhörer, man könnte beinahe „Zuschauer" sagen, besonders wirken wollen. Auch sie heben bei einer Drohung den Finger empor, schauen, wenn sie von Gott sprechen, zum Himmel, freuen sich, wenn sie etwas Freudiges erwähnen^, und sind betrübt, wenn sie von traurigen Dingen reden, Gut erzählt, heißt ein bekannter Satz, ist halb erklärt. Zu einer guten Darstellung für unsere Kinder gehört eine ganz besondere dramatische Lebendigkeit, also vor allem, wie schon erwähnt, direkte Reden. Da die Lebendigkeit des Vortrages bei uns nicht in der Betonung liegen kann, so muß sie sich mehr in Augenscheinlichem zeigen. Wir können beispielsweise die verschiedenen Personen der Handlung, ohne daß wir sie durch den Tonfall zu markieren brauchen, durch gewiffe Handbewegungen auseinander halten. Erzählen wir die Geschichte, in der die Brüder Josephs zum erstenmal vor Joseph erscheinen und dieser sie hart anredet, so muß auch ohne Bild (wohl gemerkt auf der Oberstufe) auf den mit strenger Miene dasitzenden Statthalter von Aegypten hingewiesen werden, wenn er spricht, und auf die vor ihm demütig stehenden Brüder, wenn sie antworten. Ist weiter von Joseph die Rede, wie er den kranken Vater besucht und ihm Ephraim, und Manasse zuführt, so zeigt man ein wenig nach unten auf den auf seinem Krankenbette liegenden Jakob und den daneben stehenden Joseph. Bei einem Zwiegespräch genügen zwei hinweisende Gebärden, durch die man andeutet, wer augenblicklich spricht. Soviel über die Darbietung des Stoffs. Bei der Besprechung einer biblischen Erzählung auf der Oberstufe ist wiederum das Herausheben des sittlichen Kernes die Hauptsache. Wir verfahren hier ungefähr so, wie man es auf der Unter- und Mittelstufe bei hörenden Kindern der Volksschule macht. Wir entwickeln zum Schluß eine Lehre und bringen sie nötigenfalls in persönliche Anwendung guf das Leben der Kinder. Die Beziehung zum Leben der. Schüler muß aber dann nahe liegen. Auch wir dürfen nicht zu viel moralisieren. Die Geschichte muß möglichst unmittelbar wirken. Was die Einprägung betrifft, so können wir von den Schülern der Oberstufe ein Nacherzählen verlangen. Auswendig gelernt werden sollten nur kurze Sätze der direkten Reden, soweit sie von Wichtigkeit sind, und die in einen Spruch zusammengefaßte oder als Sprichwort bekannte Lehre. Ist der biblische Geschichtsunterricht in der hier skizzierten Weise mit Erfolg erteilt worden, so ergibt sich aus der Oberstufe ganz von selbst die Notwendigkeit, die aus den Erzählungen entwickelten religiösen Lehren systematisch zusammenzustellen und die Forderungen, die die jüdische Religion an ihre Bekenner stellt, die allgemein menschlichen sowohl als auch die speziell konfessionellen, im Zusammenhänge vorzuführen. Wir tun das schon deshalb, weil auch unsere Kinder konfirmiert werden sollen, zu welchem feierlichen Aktus doch seit alter Zeit Neligionslehre systematisch traktiert wird. Nach allem, was ich über die geistige und sprachliche Entwicklung der Taubstummen gesagt habe, wird es einleuchtend sein, daß wir nicht in der Lage sind, unsere Zöglinge schon mit 13 Jahren einzusegnen. Ist es schon bei normalen Kindern für unser Klima und unsere ganzen wirtschaftlichen . Verhältnisse ein bißchen sehr früh, wenn die Knaben nach der alten Vorschrift, die vielleicht auch für den Orient heute, nicht mehr zeitgemäß ist, schon mit dem vollendeten 13. Lebensjahre in religiöser Beziehung für reif erklärt werden) um wieviel mehr bei unseren Taubstummen. Wir erregen deshalb sicher auch bei. unseren Strenggläubigen nicht den geringsten Anstoß,