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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-11 · Heft 45 (11.11.1910) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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Friedhof in Schlettstadt sowie seinen Heimatsort. Allgemein fiel es damals ans, daß er nur mit seinen früheren Glaubensgenossen verkehrte und selbst nicht einmal dem Pfarrhofe einen Besuch abstattete. E Uns Abrshsm Geigers Freundeskreis. n dem Säkularjahre Geigers geziemt es fich wohl, auf j einige Männer hinzuweisen, die mit ihm in enger Gemeinschaft lebten, und sie den Lesern dieses Blattes im ° Bilde vorzuführen. Wenn ich für drei, die in dieser und den folgenden Nummern gezeigt werden sollen, den obigen Gesamttitel wähle, so soll damit keineswegs gesagt sein, daß ihre einzige oder auch nur ihre Hauptbedeutung in ihrer Freundschaft mit Geiger liegt. Sie waren vielmehr ein jeder tüchtig und bedeutend in seinem Fache; der Grund aber, der mich veranlaßt, sie gerade unter diesem Titel zusammenzustellen, ist ihre enge Verbindung mit dem Manne, dessen Säkulartag wir vor einigen Monaten begangen haben. In diese Reihe gehören übrigens auch D. Chwolson und Berthold Auerbach, mit deren Bildern wir die Nummer 51 des Jahrgangs 1909 und Nummer 7 des laufenden Jahrganges geschmückt haben. I. M. A. Stern. M. A. Stern ist am 29. Juni 1807 zu Frankfurt a. M. geboren und am 30.Januar 1894 gestorben. Schon in seiner Vaterstadt erwarb er sich zum Teil gegen den Willen seiner strenggläubigen Eltern, eine gründliche klassische und allgemeine Bildung, und bereitete sich in ziemlich jungen Jahren zum akademischen Studium vor. Er wurde Mathematiker, habilitierte sich schon 1829 als Dozent in Göttingen, erhielt 1848 eine außerordentliche und 1859 eine ordentliche Professur; 1845 hatte er geheiratet, verlor aber die innig geliebte, geistig und künstlerisch hochbedeutende Frau im Jahre 1850. Aus der Ehe entstammten drei Kinder, von denen der zweite, Louis, in jugendlichem Alter starb, die 1850 geborene Tochter Emma, 1884 ihren Leiden erlag, der 1846 geborene älteste Sohn Alfred als Historiker sich einen bedeutenden Namen erworben hat und in jugendlicher Rüstigkeit als Schriftsteller und Professor am Polytechnikum in Zürich wirkt. M. A. Stern hat in der langen Zeit seines akademischen Wirkens, das beinahe sechs Jahrzehnte umfaßte, Vorlesungen über folgende Fächer gehalten: populäre Astronomie, algebraische Analysis und Elemente der analytischen Geometrie, Differential- und Integralrechnung, bestimmte Integrale, Varationsrechnung, Mechanik, Theorie der numerischen Gleichungen, ferner die Vorträge im mathematisch-physikalischen Seminar. Er war ein ausgezeichneter Dozent, der mit großer Klarheit völlig frei über die schwierigsten Dinge handelte. Seine Zuhörerzahl wuchs beständig, so daß ein ziemlich großer Teil der in den letzten Jahrzehnten und noch jetzt wirkenden deutschen Mathematiker als seine Schüler bezeichnet werden kann. Auch als Schriftsteller auf dem Gebiete feiner Fachwifsenschaft in vielen gelehrten Abhandlungen und manchen populären Darstellungen gewann er allgemeine Anerkennung. Viele wissenschaftliche Ehrungen wurden ihm zuteil, seit 1862 war er ordentliches Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Ehren- und aus-' wärtiges Mitglied mancher Akademien. Im Jahre 1879 feierte er sein 50 jähriges Doktorjubiläum, im Jahre 1884, nach dem Tode seiner Tochter, übersiedelte er zu seinem, damals in Bern lebenden Sohne und folgte diesem 1887 nach Zürich. Sein Scheiden wurde von der Universität, der er solange angehört hatte, deren wahrhafte Zierde er gewesen war, aufs tiefste bedauert, die 60. Wiederkehr des Tages seiner Doktorpromotion von der philosophischen Fakultät der Universität Göttingen mit einem äußerst herzlichen Glückwunschschreiben gefeiert. Stern war von außerordentlicher Vielseitigkeit: ein ungeheuer belesener, vieler Sprachen kundiger Mann — noch in seinem hohen Alter erlernte er das Russische. Er war ein feiner Kenner der Musik und der bildenden Kunst, ein warmer Freund der Natur, deren Reize er alljährlich auf großen Reisen mit vollen Zügen genoß. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten wendete er fich gern dem Hebräischen und der jüdischen Literatur zu, kleinere Aufsätze in der Zeitschrift meines Vaters, auch ein selbständig erschienenes Buch geben davon Kenntnis. Er M. A. Stern. hielt am Judentum fest, als dessen Bekenner er so schwer gekämpft hatte. Er war ein religiös ungemein freisinniger Mann. Freilich nur einmal trat er öffentlich hervor, denn er gehörte zu den Frankfurter Reformfreunden, die im Jahre 1843 eine entschiedene, vollkommen freisinnige Neubelebung des Judentums durchzuführen suchten. Nachdem diese Bemühungen gescheitert waren, verzichtete er auf eine öffentliche Beteiligung, verfolgte aber mit lebhaftem Interesse die Entwicklung innerhalb des Judentums. Er war von einem frohgemuten Optimismus erfüllt; auch durch den Antisemitismus ließ er sich nicht beugen. Er hatte das Glück, fast bis in die letzten Tage seines Lebens körperliche Frische und Gesundheit zu bewahren, sein Geist blieb ungetrübt bis ans Ende. Wie er in einem seiner hübschen Sprüche einmal gesagt hat, die von seinem Sohne pietätvoll ausgezeichnet sind: er wünschte weder den Tod, noch fürchtete er ihn, sondern erwartete ihn wie einen Freund. In dieser Ruhe, fast mit der Fröhlichkeit eines Weisen, ist er gestorben. L. G.

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