Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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5Z2 Die „Kölnische Volkszeitung" veröffentlicht einen Artikel jüdischer Rabbiner über die Priester, um gegen den Bürgermeister Nathan klassische Zeugen aufzuführen. Sie irrt sich leider in ihren Zeugen, denn die im Sanhedrin 1806 versammelten Männer waren durchaus nicht bloß Rabbiner Aber wenn auch die Mitglieder des Sanhedrins den Päpsten und der Geistlichkeit überhaupt ein gutes Zeugnis wegen ihres Verhaltens den Juden gegenüber ausstellten, was hat diese Erklärung von Juden, die als Juden sprachen, mit einer Rede des zufällig dem Judentum entstammenden Bürgermeisters von Rom zu tun, der nur als Bürgermeister und als italienischer Patriot redete?! * Aus Galizien berichtet die „N. I. K." über eine für die dortige Bevölkerung sehr wichtige Frage: Der amtlichen Zeitung „Gazeta Lwowska" zufolge sind 4817 galizische Gemeinden mit zusammen 9687 Schankkonzessionen bedacht worden, wovon bloß 6157 solchen Leuten zufielen, die früher dieses Gewerbe ausübten. 1445 Gemeinden haben überhaupt keine Schankkonzession erhalten. Daß auch ein sehr großer Teil der erteilten Konzessionen Nicht-Juden zugefallen ist, muß nicht erst gesagt werden. Aus Frankreich, wo die antisemitischen A.eußerungen in den letzten Jahren ziemlich verstummt waren, kommt die Nachricht von einem ganz unmotivierten Angriff, den der Bischof von Cahors, Herr Laurans, bei Gelegenheit einer Versammlung der katholischen Juristen zu Valence getan hat. Er wandte sich mit Heftigkeit gegen die Universität, die unter der Verwaltung früherer Minister hugenottistisch und atheistisch geworden sei und fuhr wörtlich fort: „Jetzt dringen die Juden herein. Wir haben Rektoren, wie den Juden Lyon in Lille, Inspektoren wie den Juden Moses Klein; höhere Schulen wie die Peole äes Hautes Ltuäes haben nicht weniger als 15 jüdische Professoren." — Der Universelle Israelite, der diese Rede aus 'der „Libr.e Parole“ jüdischen Kreisen mitteilt, wehrt sich mit Recht in sehr entschiedener Weise gegen diesen Ausfall. Er weist darauf hin, daß diese Lehrer und höheren Beamten zu ihrer Stellung nicht berufen seien, weil sie Juden, sondern weil sie tüchtig, ja hervorragend in ihrem Fache sind. Er fordert mit Nachdruck, daß gerade bei der Besetzung dieser höchsten geistigen Stellen kein Unterschied nach Konfessionen gemacht werden dürste. So sehr man dieser Abwehr zustimmen muß, so hätte mit noch größerer Deutlichkeit dargetan werden müssen, daß alle diese Männer, mögen sie nun noch Juden sein oder nur von Juden herstammen, bei ihrer Tätigkeit als Lehrer und Leiter nur ihr Amt im Auge haben, und daß sie, mögen sie auch ihrem Glauben noch so innig, ergeben sein, niemals ihn hervortreten lassen, oder ihre Stellung dazu mißbrauchen in dieser für ihren Glauben zu wirken. Selbst enragierten Judenfeinden ist es niemals eingefallen, den in irgendwelchem Amt angestellten Juden eine unerlaubte Propaganda für das Judentum, ein Auftreten gegen andere Konfessionen vorzuwerfen; es lag also nicht der geringste Grund für den streitbaren Bischof vor, seine Feindseligkeit gegen die Juden bei dieser Gelegenheit zu äußern. * Ein eigentümliches Streiflicht auf russische Verhältnisse wirst nachstehender Artikel der „Königsb. Hart. Ztg.": Die Militärpflicht der jüdischen Toten. Eine gerichtliche Anklage, die soeben gegen das Kischinewer Blatt „Bessarabskaja Schisn" und zugleich gegen den Rabbiner Zirelsohn erhoben wird, wirft von einer ganz anderen Seite ein Schlaglicht auf die Lage der russischen Juden. Immer wieder wird in antisemitischen Hetzorganen gesagt, daß die Juden in Rußland der Militärpflicht sich entzögen. In Wahrheit allerdings hat schon längst die unerbittliche Statistik das Gegenteil erwiesen: es steht heutzutage fest, daß die russischen Juden infolge eigenartiger Gesetzes« kniffe und unzureichender Listenführung im Verhältnis zu ihrer Zahl alljährlich um 30 bis 40 Prozent mehr Soldaten als die andere Bevölkerung stellen. Insbesondere ist die mangelhafte Verzeichnung der im jugendlichen Alter sterbenden Juden eine Hauptursache dieses abnormen Zustandes. Die toten Seelen werden in unzähligen Fällen den jüdischen Gemeinden als lebende, militärpflichtige angerechnet, wodurch dann die unerhörtesten Aushebungslisten konstruiert werden. Dazu kommt noch, daß die Verwandten eines jeden Juden, der sich nicht rechtzeitig zum Militärdienst stellt, also auch einer jeden nichtregistrierten toten Seele, an den Fiskus eine Strafe von je 300 Rubel zu entrichten haben. Es mag noch so unglaublich klingen, es ist aber wahr, daß eine Menge jüdischer Familien ihr letztes Hab und Gut haben verkaufen müssen, um für Tote, die dem Militärdienst sich entzogen, zu zahlen. Gegen diesen Modus haben, der „Nuss. Korr." zufolge, nun die genannte Zeitung und der Rabbiner Zirelsohn einen lokalen Kampf in die Wege zu leiten versucht. Der Rabbiner stellte nämlich ein Verzeichnis aller während der letzten 20 Jahre in' Kischinew verstorbenen Juden auf, die trotzdem außerhalb Kischinew zum Militärdienst einberufen werden sollen. Das Verzeichnis, das dann in der „Bessarabskaja Schisn" zur Veröffentlichung gelangte, umfaßte 240 Namen. Es sollte an sämtliche Gemeinden und Rabbiner versandt werden, damit diese in der Lage wären, die Aushebungslisten rechtzeitig zu prüfen, die darin enthaltenen toten Seelen als solche aktenmäßig festzustellen und ihre ordnungsmäßige Streichung durchzusetzen. Dabei wurde beabsichtigt, diese Methode auch den anderen Gemeinden zu empfehlen, damit alljährlich ein gemeinsames Verzeichnis der toten Seelen für ganz Rußland .angefertigt w.erden könnte. Allein die russische Bureaukratie empfand den Kischinewer Versuch als einen Faustschlag und machte kurzen Prozeß. Die Kischinewer behördlichen Ordnungsstützen konfiszierten die gefährliche Zeitungsnummer und stellten den Redakteur sowie den Rabbiner, der die Sache inspiriert haben soll, unter Anklage. Dies geschah ungeachtet des Umstandes, daß der Kischinewer Rabbiner wegen feiner besonderen Loyalität noch vor wenigen Monaten vom Premier zum Vorsitzenden der Rabbinerkommission ausersehen worden war. Niemand vermag eben in Rußland loyal genug zu sein. Der aus Portugal ausgewiesene Franziskanerabt Kardinal Netto, Patriarch von Lissabon, stammt, wie der Kölnischen Zeitung mitgeteilt wird, aus Bergheim (Kreis Nappoltsweiler) und heißt eigentlich Salomon Netter. Sein Vater war der ehemalige Gütermakler Israel Netter, gewöhnlich Jzik Leib genannt. Ein Bruder des Kardinals Netto war höherer Offizier in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und kam als solcher bei Bekämpfung eines Jndianeraufstandes ums Leben. Längere Zeit bezahlte die Union dem Vater eine Rente aus. Salomon Netter besuchte die israelitische Privatschule in Bergheim, die von dem tüchtigen und mehrfach ausgezeichneten Lehrer Hallel in mustergültiger Weise geleitet wurde. Anfänglich für den Rabbinerberuf bestimmt, trat er später als Handlungsgehilfe in ein größeres Pariser Geschäft ein. Auf einer Reise nach Amerika machte er die Bekanntschaft eines höheren spanischen Geistlichen, der ihn mit nach Salamanka nahm, wo er zum Christentum übertrat und an der dortigen Hochschule studierte. Längere Zeit war Netto Bischof der Philippinen. In bürgerlicher Kleidung besuchte er als solcher vor einigen Jahren in Begleitung seines Bruders Felix Netter aus Reims, den, Vorsteher der israelitischen Gemeinde, die Grabstätte seiner Eltern auf dem israelitisch^