Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Massage-, Maniküre-Salons, stillen Weinstuben usw., die alle den Mädchenhandel in seinen gemeinsten Formen betreiben. Man besuche bloß in Berlin sämtliche Unzuchtsstätten, studiere die Ausbeutung der Mädchen, die Art ihres „Engagements" und zähle diese Lokalitäten und die daran Interessierten, sowie die Zahl der Juden, die daran beteiligt sind; das ergäbe auch eine Statistik. Und der Salon Riehl.in Wien, dessen interne Vorgänge vor einigen Jahren so viel Stäub ausgewirbelt hatten und die anderen Salons in Wien und in anderen Großstädten Europas und in allen.Provinzstädten bis zum kleinsten Nest herab — — Statistik, bitte, der Reflektanten, der Käufer, der Verkäufer, der Etablissements! Nach Südamerika wurde eine zeitlang unter den Juden des Ostens eine starke Emigration propagiert. Es waren nicht immer die besten Elemente, die sich einschifften, und als sie sahen, daß die Behörden gewissen 'Etablissements keine großen Schwierigkeiten in den Weg legten, da verfielen diese Individuen auf der Ausübung dieses Gewerbes. Und um ihre Etablissements zu finden, gab sich der Auswurf der galizischen Bevölkerung dazu her, Mädchenhandel zu treiben. Die Juden tun, was sie nur vermögen, um diese Schmach zu bekämpfen. Bereits einige Jahre, bevor die Vigilance Association den ersten Kongreß nach London berufen hatte, war ein viergliedriges jüdisches Komitee zusammen getreten, auf Veranlassung der Henry Jones-Loge, um den Kampf gegen die jüdischen Mädchenhändler aufzunehmen. Es wurde eine Verbindung mit der in London tätigen „Jewish Association for the protection of Girls and. Women“ angebahnt und in verschiedenen Orten Zweigkomitees gegründet, mit denen ein ständiger Austausch von Erfahrungen und Anregungen stattfindet. Um auf Galizien einzuwirken, hat diese internationale Vereinigung an die dortigen Rabbiner einen Aufruf in hebräischer Sprache gerichtet, der an die Mitarbeit dieser Religionsdiener appelliert. Drei Jahre lang wurde die Propaganda ganz im stillen betrieben. Wo jüdische Vereinigungen bestehen, in deren Programm Mädchenschutz in irgendeiner Form liegt, haben sie - den Kampf gegen den Mädchenhandel ausgenommen. In Amerika verteilt das Council of Jewish Women Tausende von Broschüren in englischer, deutscher und yiddischer Sprache. an einwandernde Mädchen und Frauen. Diese Prospekte enthalten nützliche Warnungen, Aufklärungen und Nachweise. Jüdische Komitees in allen Erdteilen sind in eifrigster Weise bemüht, den Mädchenhandel zu bekämpfen und deren Opfer zu retten. Der aus jüdischen Quellen stammende Bericht, der einige dieser Mitteilungen enthält, kann nicht umhin, Galizien den „Herd des Mädchenhandels" in Europa zu nennen. Natürlich! Und da die galizischen Mädchenhändler Juden sind, so ist der Mädchenhandel spezifisch jüdisch!-- Man wird mich gewaltsam mißverstehen wollen — hüben und drüben. Muß ich vielleicht erst feierlich erklären, daß ich mindestens ebenso empört bin über den Mädchenhandel, wie nur irgendeiner der im Kamps Tätigen? Aber was ich nicht mitmache — und auf Grund meiner Statistik nicht mitzu machen brauche, ist: den Mädchenhandel ein spezifisch oder auch nur vorwiegend jüdisches Verbrechen zu nennen. Wogegen ich energisch protestiere, sind statistische Zahlen, die falsch zusammengestellt sind, weil sie das größte Gebiet des Mädchenhandels unberücksichtigt lassen, und um eine falsche Statistik ist es etwas sehr Schlimmes. Vielleicht wird man mir antworten wollen. Ich brauche keine Antwort, und ich würde auch weder auf Zustimmung noch auf Angriffe irgendwelcher Art reagieren. Mir genügt es vollkommen, sestzustellen. Niemals hat man die Juden, Philosophen, Künstler, Gelehrte, Wohltäter genannt, weil sich so und so viele ausgezeichnete und edle Männer unter ihnen befanden. Die Prozesse der letzten Jahre haben manchen davon bekehrt, von jüdischem Bankschwindel und „jüdischem" Wucher -zu reden. Ich will — das hat mir meine Statistik gelehrt — daß-man — trotz Galizien — auch aufhöre, vom „jüdischen" Mädchenhandel zu reden. Sir Woche. Berlin, den 8. Novemberer „Verband deutscher Juden" gibt in seinem „Korrespondenzblatt" Nr. 8 folgenden Bericht über seine Tätigkeit im letzten Halbjahr: 1. Ueber die Paßverhältnisse im Verkehr mit Rußland ist weiter Material gesammelt und einem Reichstagsabgeordneten wie früher zugestellt worden, der die Beschwerden im Reichstage vorgebracht hat. 2. Im Hinblick auf den erwarteten Entwurf eines neuen Reichsgesetzes über den Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit ist eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet worden. 3. Auf Pressenachrichten über die beabsichtigten neuen reichsgesetzlichen Vorschriften über die Sonntagsruhe ist eine'Eingabe an den Reichsstaatssekretär des Innern gerichtet worden, in der um weitergehende Berücksichtigung der an Sonnabenden und jüdischen Feiertagen geschlossenen Geschäfte gebeten wird. Im Hinblick auf die beabsichtigte kommunale Regelung der gleichen Frage ist einschlägiges Material zusammengestellt und versandt worden. 4. Zum Schutz des Schächtens ist durch ein Mitglied des Ausschusses mit Mitgliedern der Justizkommission des Reichstages, welche über neue Strafgesetzvorschriften gegen Tierquälerei zu beraten hatte, verhandelt worden, um eine Klarstellung zu erzielen, daß das Schächten nicht unter Tierquälerei falle. Die Fassung der Vorschrift durch' die Kommission hat dem Rechnung getragen. 5. Den israelitischen Konsistorien in Elsaß und Lothringen ist Material zu einer Eingabe auf Wiedereinführung der Religionsprüfung jüdischer Kandidaten des höheren Lehramts in den Reichslanden zugestellt worden. Auf die Eingabe hat die Regierung die Wiedereinführung der Prüfung für 1911 in Aussicht gestellt. 6. Betreffend die grundsätzliche Ausschließung der Juden vom Reserveoffizierstande ist eine Eingabe an den Preußischen Kriegsminister eingereicht worden, der die in früheren Jahren im Reichstage überreichten Zusammenstellungen von Zurücksetzungssällen beigefügt wurden. Weitere vom Verbände gesammelte Zurücksetzungsfälle sind bei der diesjährigen Beratung des Militär-Etats durch einen Abgeordneten dem Kriegsminister überreicht und im Reichstage erörtert worden. Die Sammlung wird — .mit dankenswerter Unterstützung anderer Organisationen in größerem Umfange als bisher — fortgesetzt. 7. Das Material, welches die gegen Ende vorigen Jahres unternommene Umfrage betreffend Naturalisation und Ausweisungen jüdischer Ausländer ergeben hat. ist durch genauere Ermittlungen über die gemeldeten Einzelsälle vervollständigt worden. 8. Ueber die Zuziehung der Juden zum Schöffen- und Geschworenenamt ist,. wie regelmäßig, eine Umfrage veranstaltet worden. In den Fällen der Zurücksetzung der. jüdischen Bevölkerung sind Eingaben an die betreffenden Gerichte gerichtet worden. 9^ Eine Untersuchung über die Anstellungs- und Beförderungsverhältnisse jüdischer Universitätslehrer und 10. eine Untersuchung über die Zurücksetzung von Juden bei der Besetzung amtsärztlicher Stellungen sind in Arbeit. 11. Die Einrichtung eines apologetischen Archivs ist unternommen worden, in welchem Angriffe und Würdigungen des Judentums gesammelt werden. Die Sammlung soll apologetische Einzelarbeiten erleichtern und eventuell als Grundlage späterer umfassender Arbeiten jüdischer Apologetik dienen. ■ » ■■