Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
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Ich will nicht kämpfen, deshalb unterlasse ich es, manche betrübliche Erfahrung diesbezüglich mitzuteilen, aber ich nehme mir das Recht heraus sestzustellen: der Mädchenhandel ist kein Verbrechen, an dem die Juden ausschließlich oder auch immer vornehmlich beteiligt sind, und: ichnehme mir das Recht, dies zu konstatieren aus einem uugemein reichhaltigen Material, das ich im Laufe von Jahren kennen gelernt und zum Teil gesammelt, habe. Ich habe vorhin von drei Arten von Mädchenhandel gesprochen. Für zwei, den nationalen und lokalen, scheidet, mit Ausnahme gewisser östlicher Provinzen, die Anteilnahme von Juden gänzlich, aus. In Rußland z. B. existiert ein aüßerordentlichausgebreiteter Mädchenhandel, und zwar hauptsächlich in solchen Provinzen, in denen die Juden gar nicht wohnen dürfen. Ich verdanke einem durchaus verläßlichen Gewährsmann, einem Russen, die nachfolgende Schilderung. Auf einer Reise in Südrußland sah er eines Tages aus der Straße eine große Gruppe Mädchen stehen, auf die ein Mann eifrig einsprach. Aus eine Frage meines Gewährsmannes wurde ihm mitgeteilt, daß der Mann ein Mädchenhändler sei. Das machte den Herrn stutzig, und er trat an den Mann heran und bat ihn ganz offen um Auskunft, indem er zugleich versicherte, nicht etwa ein verkappter Polizeibeamter zu sein. Daraufhin erklärte der Mädchenhändler lächelnd, daß dies sehr gleichgültig wäre, denn hier — er wies auf das gegenüberstehende Haus — sei das Polizeibureau. Er sei eben im Begriff, dem Polizeibeamten die Zahl der Mädchen anzugeben und — einen Rubel pro Kopf zu bezahlen. - „Und die Polizei gestattet das?" „Gewiß, wenn ich nur die Zahl richtig angebe." „Und wenn Sie der Polizei keine Meldung machen?" „Dann ist das schlimm für mich. Dann muß ich pro Kopf — fünf Rubel bezahlen." Und der Mann fügte noch hinzu, daß dies bekannt und üblich sei. Solche Verhältnisse sind in Rußland also gang und gäbe, und zwar in Provinzen, wo keine Juden wohnen, und Rußland ist groß. Alle diese Mädchenhändler fehlten aber in der Statistik. In Spanien leben fast keine Juden, nur eine verschwindend geringe Anzahl und diese in. Positionen, die sie von einem Verdacht, Mädchenhandel zu betreiben, ausschließt. Aber in Spanien gibt es unzählige Prostitutionsstätten, und ihre Insassinnen sind — außer einigen Französinnen — fast durchaus Spanierinnen. Viele große Hafenstädte, in denen sich internationales Gesindel aller Art aufhält, haben einige derselben. Es floriert hier also ein ausgedehnter nationaler Mädchenhandel, aber die Namen der zahlreichen Individuen, die. sich damit abgeben, fehlen in der Statistik. In Frankreich, Italien, der Schweiz, in den skandinavischen Ländern, kurz überall, wo es sogenannte maisons lolerees gibt, steht der nationale Mädchenhandel in Blüte. Die Juden sind daran nicht beteiligt. Bleibt Südamerika, der Orient. Hier sind es allerdings Juden, die den Mädchenhandel betreiben, und sehr viele Mädchen, die verhandelt werden, sind — Jüdinnen. Das letztere erklärt für den objektiven Beobachter manches. Bereits als der Kampf gegen den Mädchenhandel begann, konnte Rabbiner Dr. Mosenack sestslellen: „Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß die galizischen Glaubensgenossen unter der sozialen Depression und wirtschaftlichen Not schwer zu leiden haben, trotz der politischen Gleichstellung, die leider nur auf dem Papier steht, in Wirklichkeit aber aus die Allerwenigsten Anwendung findet. Für den weitaus größten Teil der galizischen Juden ist diese politische ' Gleichstellung nichts weiter als ein bloßes Schaustück. Denn von den mehr als. 800 000 Juden in Galizien sind mehr als fünf Sechstel sogenannte „Luftmenschen", deren überaus geringe Erwerbsfähigkeit durch die Kolke rolrii<je,bie „bäuerlichen Genossenschaften" völlig unterbunden ist, so daß an 5000 Juden jährlich an Hungertyphus sterben.". In einem Vortrag auf der deutschnationalen Konferenz zur . Bekämpfung des Mädchenhandels sagte der bekannte Philanthrop Geheimrat Dr. Maretzki: „Die Untersuchungen haben ergeben, daß die. Ursachen in den Verhältnissen der dortigen Juden liegen. Es herrscht ein soziales Elend, verbunden mit einem kulturellen - Tiefstände," wie man es kaum für möglich halten sollte. .... Von 800 000 Juden führen dreiMertel ein Dasein, das unter , das Existenzminimum unserer Stadt- und Land-Armenbevölkerung reicht. Unsere Almosenempfänger führen dagegen ein glänzendes Leben. Eine sechsköpfige Familie hat kaum einen Gulden (1 Mark 70 Pfennig!) die Woche zu verzehren. Zahllose Mädchen begnügen sich mit einem Tagelohn von vierzehn Kreuzern (23 Pfennig) ..." Leute, die nichts zu essen haben, gänzlich ungebildet sind und infolgedessen keinerlei richtige, ethische Vorstellung oder Empfindung haben, werden leicht zu Verbrechern. Die einen zu Räubern und Mördern, die anderen zu Mädchenhändlern. Und die Mädchen, die nichts zu. essen haben und geistig verwahrlost sind, werden zu Prostituierten, wenn sie darin eine Möglichkeit sehen, ihre Lage zu verbessern. In Gegenden, wo in einzelnen Bezirken die Juden einen überwiegenden Teil der Bevölkerung bilden, müssen die Juden natürlich auch einen großen Prozentsatz für alle Täter stellen: die Wohltäter und die Missetäter. Wenn in einem solchem Lande das Elend die Mädchen zwingt, ins Ausland zu gehen, weil sie in der Heimat verhungern müßten, so-st es klar, daß die Vermittlung dieser Auswanderung ein Geschäft ist, das unlautere Elemente dazu verlockt, es in schmutziger Weise auszubeuten. Und daß eben da, wo die Mehrzahl Juden sind, auch die unlauteren Elemente zu ihnen zählen, ist verständlich. Es gibt einen Sklavenhandel, der sich damit abgibt, Auswanderer unter den betrügerischsten Vorspiegelungen nach Gegenden Amerikas zu verlocken, wo sie bei elendester Behandlung, unter schwerer Arbeit und grausamen Auspeitschungen dem giftschwangeren Klima zu Hunderten erliegen. Ich habe auch diesbezüglich ein merkwürdiges und für die Zeit höchsten technischen Fortschrittes kulturgeschichtlich interessantes Material. Die Sklavenhändler, die fortgesetzt Scharen von Arbeitern in Krankheit und Tod jagen zum Nutzen profithungeriger Spekulanten — weder zu den ersteren noch zu den letzteren zählen Juden. Man kennt vielleicht hundert notorische Mädchenhändler; 60 bis 70% davon sind Juden, 60 bis 70% galizische oder russische Juden. Eine merkwürdige Feststellung, wenn man den Umfang des nationalen und lokalen Mädchenhandels auf der ganzen Erde im Auge behält. Den Mädchenhändlern der ganzen Erde stehen 60, 70, 100 jüdische Mädchenhändler zur Seite — der Mädchenhandel ist „spezifisch jüdisch". Von den Tausenden und Abertausenden von Prostitutionsstätten in allen Winkeln der Erde sind in Südamerika, in Polen, im Orient die Mehrzahl in den Händen der Juden — 60, 70, 100, mehr — was besagt diese Zahl im Verhältnis zu den tausenden anderen, zu der Zahl der Hunderttausende von Kupplern und Kupplerinnen, Zuhältern,. Tingeltangel- und Animierkneipenbesttzern, Inhabern von