Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 45 Berlin, ll. November 101Ö Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Lxpeckitron: verUn, Jerusalemer Strasse 40/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel c* die Post (in Berlin und vor. "orten ds .- unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Internationaler Mädchenhandel. — Die Woche. — Aus Abraham Geigers Freundeskreis. — Sittlich-religiöse Erziehung" und Unterweisung taubstummer Kinder. Von I. Kolodzinskh. — Das 50jährige Jubiläum der russisch-jüdischen Presse. Von Leon As Trachtenberg. — Der Einfluß des jüdischen Elements in der russischen Literatur. Eine literarhistorische Abhandlung von Ron bin Knopping. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Büchereinlauf. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Kattowitz, Leuthen Q.-S., Exin, Dortmund, Marsberg i. W., Steinhorst, Speyer, London. — Von Nah und Fern. Internationaler Mädchenhandel. (Zum Kongreß in Madrid). Madrid, Ende Oktober. ^Ln der letzten Oktoberwoche fand in Madrid der IV. Jnternationale Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt. Er wurde diesmal mit besonderer Feierlichkeit abgehalten, da das spanische Nationalkomitee Mitglieder des Hofes und der höchsten Aristokratie zu seinen Mitgliedern zählt und unter königlichem Patronat steht. Es sind einige Jahre her, etwas über ein Jahrzehnt, daß der Kampf gegen den Mädchenhandel aus dem engen Rahmen einzelner behördlicher Verfügungen heraustrat und weitere Kreise zur Anteilnahme animierte. Die Bewegung ging von London aus, der National Vigilance Association, einer Gesellschaft, e sich zur Aufgabe gemacht hat. Gesunkenen wieder emporuhelfen. Die Vigilance Association ist eine interkonfessionelle Institution. Auf Veranlassung dieser Gesellschaft wurde ein Kongreß in London einberufen und der Kampf gegen den Mädchenhandel in internationalem Umfange vom Jahre 1899 an organisiert. Bereits vorher hatten sich einzelne philanthropische Vereinigungen mit dem Mädchenhandel beschäftigt und versucht, durch verschiedene Maßregeln dem Mädchenhandel das Handwerk zu legen, anderseits die Mädchen zu warnen oder gegebenenfalls ihnen helfend beizuspringen, falls sie bereits in die Hände dieser Seelenverkäufer geraten waren. Einige Prozesse, die unangenehmes Aufsehen erregten, ließen Juden als Mädchenhändler auf der Anklagebank erscheinen. Es handelte sich dabei durchweg um Staatsangehörige aus Russisch- oder Oefterreichisch-Polen. . Die alte Leier erklang natürlich sofort in den bekannten häßlichen Akkorden: Die. Juden sind Mädchenhändler» ' - Die Juden sind cs gewohnt, daß man generalisiert.; wenn ein entarteter Jude, etwas verbricht, dann haben es alle anderen Juden mitverbrochen. . l) Nicht etwa auch auf dem Kongreß! Es muß konstatiert werden; baß von keiner Seite Angriffe auf das Judentum laut wurden. : - •- Die Erscheinung war aber um so betrüblicher, als die Zahl der jüdisch klingenden Namen in.den Mädchenhändler-Prozessen, die vor deutschen und österreichischen Gerichtshöfen zur Verhandlung gekommen sind, tatsächlich auffallend war. Eine gewisse Literatur machte sich dies zunutze, und die antisemitische .Büchersammlung vermochte sich durch eine erkleckliche Reihe von Schriften zu vermehren, in denen von dem Treiben der jüdischen Mädchenhändler die unheimlichsten Dinge zu lesen stehen, so unheimliche und grausame, daß jede Entrüstung und Empörung darüber zu schwach war. Es mußte sich allmälich die Ansicht auch bei Unbefangenen herausbilden, daß der gesamte Mädchenhandel ausschließlich in jüdischen Händen läge, und diese Meinung konnte man sogar von Leuten vertreten hören, die sich gegen eine antisemitische Gesinnung verwahrten, aber dennoch an der erwähnten Ansicht zäh festhielten. Wer die Geschichte des Mädchenhandels genauer studiert und auch auf Reisen in verschiedenen Ländern Gelegenheit zur Beobachtung hat, wird zu einem etwas abweichenden Resultat kommen müssen, sofern er nicht die Absicht hat, nur das zu finden, was er sucht. Der Begriff Mädchenhandel ist ein sehr weitgehender, und man muß einen internationalen, einen nationalen und einen lokalen Mädchenhandel unterscheiden. Der schmähliche Zweck, den alle drei Arten verfolgen, ist im wesentlichen der gleiche: Mädchen zu unsittlichen Zwecken zu vermitteln, sich dafür bezahlen zu lassen, und da die Bezahlung vielfach pro Kopf erfolgt, also mit Mädchen einen direkten Handel zu treiben. Dieser Handel unterscheidet sich zuweilen in nichts vom Sklavenhandel, aber er ist schlimmer, denn das. Los einer Sklavin ist vielfach beneidenswert gegen das Schicksal der verhandelten Mädchen. Es existiert leider — aber begreiflicherweise — keine Statistik über die Zahl der täglich oder jährlich verhandelten Mädchen. Die Zahl ist aber eine gewaltige, ungeheuerliche, denn alle der Prostitution dienenden „Etablissements" — es gibt solche unter den verschiedensten Namen und Aushängeschildern — rekrutieren, ergänzen und wechseln ihre Insassen mit Hilfe des Mädchenhandels. Es existiert aber eine Statistik der Mädchenhändler, und diese weist erschreckend viel jüdische Namen auf, jene sonderbaren und nicht selten lächerlichen Namen, wie sie boshafte Machthaber den Juden des Ostens vor hundert und mehr Jahren ausgezwungen haben. Und — ich konstatiere es mit tiefstem Bedauern — diese Statistik wird als richtig angesehen, nicht bloß von solchen, denen eine solche Feststellung der Gesinnung wegen Freude bereitet.