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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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scheinen zu lassen, kommen wir gern entgegen, indem wir sie in der vorliegenden Nummer an anderer Stelle zum wörtlichen Abdruck bringen.) Zu teilweise lebhaften Temperamentsausbrüchen kam es erst in der Debatte, die durch Herrn Dr. Biram eingeleitet wurde. Abgesehen von rein persönlichen Dingen, die dieser Herr vorbrachte und hier nicht interessieren, gipfelte die Kritik, und zwar auf Grund eines Mißverständnisses der Worte des Herrn Referenten, in dem Vorwurf, daß immer nur von religiösem Unterricht die Rede gewesen sei, er verlange aber jüdischen-religiösen Unterricht der Kinder. Des weiteren erhob er gegen die Schulverwaltung und damit zugleich gegen die Lehrerschaft der jüdischen Gemeinde den Vorwurf, daß man jedes Persönlichkeitsbewußtsein des Lehrers unterdrücke und nur die amtlich abgestempelte Gesinnung zulasse. Starke Charaktere und echte Persönlichkeiten könne man hier in der Gemeinde als Lehrer - nicht gebrauchen. Mit diesem Vorwurf wird sich, wie Herr Professor Türk im Schlußwort meinte, die jüdische Lehrerschaft Berlins selbst obzufinden haben, sie werde den Vorwurf der Charakterlosigkeit wohl abzuwehren wissen. Herr Dr. G alliner. der nächste Redner, setzte sich zunächst mit Herrn Dr. Biram über die von diesem geleugneten Früchte der Lehrresultate im jüdischen Unterricht auseinander und rügte es, daß der Vorredner nicht offen und ehrlich gesagt, daß er Zionist sei. Das hätte manches erklärt. Zionistischer Religionsunterricht werde allerdings nicht erteilt, aber das allein meine man, wenn von dieser Seite „jüdischer" Unterricht in ihrem Sinne verlangt werde. Er bekennt sich unter dem brausenden Beifall der . Mehrheit der Versammlung als entschiedenster Gegner des Zionismus, der sich nicht scheue es auszusprechen, daß man mit Recht Zionisten von einer Anstellung als jüdische Lehrer ausschließe. Hierauf sprach Herr Lichtenflein, der Vorsitzende des Neuen Gemeindevereins. Er versuchte den mißlungenen Nachweis, daß die Liberalen nicht immer liberal handelten und mahnte zum Schluß: „Neben Sie Duldung". Herr Dr. Salamonsky wies daraus hin, daß die Herren Zionisten, die konfessionelle Volksschulen fordern und dies unter anderem damit begründen, man müsse den Sabbatfeiernden entgegenkommen. am allerwenigsten berufen seien, sich als Sabbatschützer aufzuspielen. Sie haben am Sabbat einmal einen Kongreß abgehalten und den Satz proklamiert: Religion sei Nebensache. Der Zionismus sei mit Recht in der Gemeinde verhaßt, das wüßten sie> und darum, habe man es nicht gewagt, offen und ehrlich als Zionisten in die Wahlbewegung einzutreten. Gewiß sind wir von Geburt Juden, aber ebenso gewiß sind wir von Geburt auch Deutsche. (Lebhafter Applaus, in den ^sich aber auch Widerspruch mischt.) Schritt vor Schritt haben wir uns das Terrain erobert, trotz des Zionismus. Nichtder Liberalismus, sondern der Zionismus führe zur Taufe. Denn nach ihrer Theorie bleibe auch der Getaufte immer noch Jude, ' ja sie führten sogar Listen über diese „Volksangehörigen". Dann wandte sich der Redner in schärfster Weise gegen die konfessionelle Volksschule und schließt seine wirkungsvolle Ausführung mit den Worten: „Ohne Liberalismus gibt es kein Judentum." Herr Justizrat Jacobsohn wies darauf hin, daß der Zionismus, wenn auch nicht bewußt und aus gleichen Motiven demselben Ziele zustrebe, wie der Antisemitismus. In ihren Wirkungen und Folgen seien sie gleich. Wir aber sind Deutsche und wollen es bleiben. Der Zionismus entzieht uns den Boden zur. Gleichberechtigung, sie könnten vielfach wohl nicht die Folgen ihrer Handlung beurteilen. Er -fordert die Jugend auf. sich in dem Kampfe gegen den Zionismus zusammenzufinden. Deutschland sei unser Vaterland, hier suchen wir die Wurzeln unserer Kraft, mit dem deutschen Volkstum sind wir untrennbar verbunden. Auch er sei für das Hebräische im Unterricht, aber unsere Sprache, die wir . verstehen,-sei das Deutsche. „Die Jugend ist nicht das Feld Ihrer Eroberung," ruft er den Zionisten zu, „wir werden das zu verhindern wissen." (Lebhafter Beifall.) Es sprachen dann ferner sehr eindrucksvoll Herr Oberlehrer Hanfs, der sich.gleichfalls gegen den Zionismus wendet, Herr Dr. Witkowskh, der in geschickter und ^higer Weise, wie anerkannt werden muß, den gegenteiligen Standpunkt vertrat, Herr Prof. Blaschke, der überzeugend nachweist, wie man seine Ausführungen in der letzten Versammlung entstellt darstelle und schließlich im kurzen Schlußwort Herr Prof. Türk. Herr Zahnarzt Lipschitz schließt dann die Versammlung mit einem kräfti gen Appell an die Liberalen, bei der bevorstehenden. Repräsentantenwahl ihre Pflicht und Schuldigkeit zu tun, damit ein glänzender Sieg der Liberalen ermöglicht würde. Die zum Schluß besonders unruhig gewordene Versammlung eubete erst in der ersten Morgenstunde. -Aber Verlaus und Debatte zeigten doch recht deutlichdaß das Interesse an den Gemeindeangelegenheiten innerhalb derj Berliner Judenheit 'ein außerordentlich starkes ist, daß der Liberalismus hier über Männer und Redner verfügt, die den Zionisten mehr als gewachsen sind und schließlich, daß in liberalen Versammlungen für den Zionismus nicht allzuviel zu" holen ist. Berlin, 1. November. Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sprach am 27. v. M. Herr Professor Dr. Ludwig Stein über „Monismus und Judentum". Der Vortrag war so reich än wissenschaftlichem Gehalt und so schön in der Form, daß wir, um dessen feinsinniges Gepräge nicht zu verwischen, es unterlassen, einige Bruchteile aus dem Inhalt hier wiederzugeben. Das zahlreich erschienene Publikum folgte den lehrreichen Ausführungen des Redners mit größter Aufmerksamkeit und spendete.ihm wiederholt lebhaften, wohlverdienten Beifall. „ — Berlin, 31. Oktober. Das Preisgericht der Lehrabteilung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat, da von den eingereichten Preisarbeiten über die Methodik des jüdischen Religionsunterrichts keine den Anforderungen der Jury entsprach, die Auslobung in Höhe des Betrages von 800 Mark erneuert. Der Endtermin für dieses erneuerte. Ausschreiben ist auf den 1 Oktober 1912 festgesetzt. Die Bedingungen sind im Bureau, Steglitzer Straße 85, einzusehen. Berlin, 31. Oktober. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland versendet soeben Heft 10 ihrer Zeitschrift „Liberales Judentum". Das Heft, welches wieder in der bekannten vornehmen Ausstattung erscheint, enthält eine Reihe interessanter Aufsätze von Dr. Baeck-Düsseldorf, Dr. Vogelstein-Stettin, Dr. Guggenheim-Konstanz-Berlin. Besonders hervorzuheben ist unter anderem der Aufsatz „Die Religion der Zukunft" von Dr. Baeck-Düsseldorf. Zum Schluß bringt das Heft ein Stimmungsbild vom Versöhnungstag in der neuen Synagoge zu Frankfurt y. M. In der Rundschau befinden sich Mitteilungen aus Frankfurt a. M., ans Berlin, Schneidemühl und Deutsch-Krone. — Der Abonnementspreis für die Monatsschrift „Liberales Judentum" beträgt 6 Mark pro Jahr für Nichtmitglieder, für Mitglieder 3 Mark, das Einzelhest kostet 50 Pfennig. Die Zeitschrift ist direkt vom Bureau der Vereinigung Berlin 6. 2, Heiligegeiststraße'45 und in allen Buchhandlungen zu beziehen. -- Berlin, 31, Oktober. Der Verein zur Bekleidung armer jüdischer Künder veranstaltet zum besten seiner Unterstützungskasse am Sonnabend den 12. November d. I. ein. großes Wohltätigkeitsfest mit vorangehendem Künstlerkonzert in den Gesamträumen der Philharmonie. Ihre Mitwirkung haben zugesagt: Königliche Hofopernsängerin Fräulein Frances Rose, Frau Ottilie Metzger, vom Stadttheater in Hamburg, Herr Königlicher Kammersänger Paub Knüpfer, Herr Königlicher Hosopernsänger Rudolf Berger. Herr Alfred Wittenberg, Herr Leo Kestenberg, Herr Theodor Fleck. Billets ä 2.50 Mark, reservierte und Logenplätze ä 3, 4 und 5 Mark sind im Bureau des Vereins, W. 57, Bülowstraße 105, Amt VI, 1442, und bei A. Wertheim zu haben. w. Ans der Provinz Posen, im Oktober. Ex in. Die Lehrerstelle an der hiesigen jüdischen Volksschule, welche seit dem 1. Juli d. I. infolge Versetzung des Lehrers Lewin nach Labischin versetzt war, ist jetzt durch den Lehrer Joseph aus Rogasen ,wieder unbesetzt worden, nachdem sich einige Gemeindemitglieder bereit erklärt hatten, ihre Kinder wieder der jüdischen Schule zuzuführen und: so das Weiterbestehen derselben zu sichern. — Ostrowo. Der kürzlich in Breslau verstorbene Rentier Sigismund Mamelok hat der hiesigen jüdischen Gemeinde 10000 Mark mit der Bestimmung vermacht, das Geld nach eigenem Ermessen zu verwenden. Exin. Der jüdische Kranken- und Beerdigungsverein blickt jetzt auf sein 50jähriges Bestehen zurück. Aus diesem Anlaß findet am 31. Oktober eine größere Feier statt. — Witkow o. Hier ist der älteste Bürger, Rentier und Hausbesitzer Abraham Wilczinski im Alter von 94 Jahren gestorben. — Bromberg. Der Landtagsabgeordnete und

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