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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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14. Jahrgang. Nr. 44 Berlin, 4. November 191« Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. LorrrlpondenHM und Mschrichten. Deutschland» 8. Berlin, 30. Oktober. An die Spitze unseres.Berichtes über die heutige Repräsentanten-Versammlung können wir wohl kaum eine erfreulichere Mitteilung setzen, als die Meldung, daß dem Vorsitzenden der Versammlung, Herrn Stadtverordneten Louis Sachs, der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden ist. Wir beglückwünschen Herrn Sachs auch an dieser Stelle zu dieser Ehrung und geben unserer Freude darüber Ausdruck, daß dem in der Kommune sowohl wie im Ehrendienst der engeren Konfessionsgemeinschast bewährten Mann diese Anerkennung zuteil geworden ist. — Geschäftlich lag der Versammlung die Mitteilung vor, daß die Bestätigung des jüngst gewählten Aeltesten-Stellvertreters Herrn Geheimrat Dr. Pieck eingegangen ist und die Einführung in der nächsten Sitzung stattfinden soll. — Die Zuwendung der Hinterbliebenen des Herrn Max Cohn im Betrage von 3000 Mark an die Armenkommission wurde debattelos angenommen, ebenso drei Legate der Rentnerin Rosalie Jackwitz, darunter 12000 Mark zugunsten der Altersversorgungsanstalt, und ein Legat des Herrn Moritz Gebert zum Zweck der Grabeserhaltung. — Zur Vorlage betreffs Verlegung des Termins für die Repräsentantenwählen hat der Ausschuß beschlossen, die Petiton des Neuen Jüdi- ’ scheu Gemeindevereins, die Wahlzeit bis 7 Uhr abends zu verlängern, dem Gemeindevorstand zur Berücksichtigung zu überweisen, den von dem genannten Verein und auch von anderen Eemeindcmitgliedern geäußerten Wunsch, den Wahltag auf einen Sonntag oder Bußtag zu verlegen, dagegen abzulehnen. Wie verlautet, ist der Gemeindevorstand erfreulicherweise nicht abgeneigt, dieser Petition — natürlich erst für die nächsten Wahlen — stattzugeben. Der Beschluß des Ausschusses ' wurde einstimmig angenommen. — Nach Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidcnden Mitglieder der Friedhofskommission wurden in die Redaktionskommission des Gemeindeblattes als erster Stellvertreter Herr Geheimrat Blumenthal und als zweiter Stellvertreter Herr Dr. Ginsberg entsandt. Als Vertreter des Gemeindevorstandes ist Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld delegiert worden. Die Einsetzung einer Stiftungskommission wurde in erster Lesung und gleich darauf auch in zweiter Lesung mit den von der Kommission beantragten Aenderungen angenommen. Der Referent Herr Dr. Ginsberg wies mit Recht darauf hin, daß der Umstand, daß eine solche Stiftungskommisfion, deren wesentliche Grundzüge wir bereits mitgeteilt haben, notwendig geworden ist, für den wohltätigen Sinn unserer Gemeindemitglieder das beste Zeugnis ablege. — Dem Arbeitsamt für jüdische Akademiker, auf dessen Bestrebungen und Ziele wir noch ausführlich zurückkommen werden, wurde debattelos eine einmalige Subvention von 300 Mark bewilligt.— An den Fürsorge-Verein für hilflose jüdische Kinder wurde eine einmalige Subvention im Betrage von 6000 Mark gewährt. — Mehrere Ausgaben zur Vornahme von Reparaturen und Neuanlagen auf dem Friedhof in Weißensee und im Hospital wurden genehmigt. Ebenso wurde der Voranschlag der Baukommission zur Vornahme von Reparaturen an den Gemeindegrundstücken in den Jahren 1910/11 in Höhe von 80 000 Mark gutgeheißen. — Einige weitere Vorlagen, darunter die Trennung der vereinigten Shnagogenvorstände in zwei Unterabteilungen zur Vorberatung der Kultusangelegenheiten der orgelfreien und Orgel- Synagogen. verfielen der Vertagung. — Berlin, 30. Oktober. Bekanntlich hat die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge in ihrer außerordentlichen Tagung vom 18. September d. I. den früheren Beschluß bestätigt, daß die Organisation bereits am 1. Oktober ihre Tätigkeit beginnen solle. Die praktische Erfahrung zeigt, wie richtig es war, den von manchen Seiten geltend gemachten Bedenken nicht Raum zu geben. Man hat vor allem auf die noch vorhandenen Lücken der Organisation namentlich in Süddeutschland, hingewiesen. Es-zeigt sich aber, daß gleichzeitig mit dem Beginn des Funktionierens auch der Ausbau in erfreulicher Weise Fortschritte macht. Zwei der wichtigsten vorhandenen Kassen: Der Centralverein zur Unterstützung durchreisender Israeliten Fürth-Nürnbrrg und der Israelitische Hilfsverein Frankfurt a. M. haben ihren Beitritt vollzogen; das gleiche ist selbstverständlich seiteus der neu gegründeten Westpreußischen Provinzialkasse mit dem Sitze in Thorn geschehen. Auch mit verschiedenen wichtigen bayerischen Gemeinden werden aussichtsreiche Verhandlungen wegen Anschluß an die Deutsche Zentralstelle und wegen Schaffung neuer Grenz-- bureaus gepflogen. In Elsaß-Lothringen nimmt der bisher durch Krankheit verhinderte Sekretär des Unterelsässischen Kuratoriums Herr H. Haguenauer-Straßburg, ein anerkannter Fachmann, seine Bemühungen wieder auf, die schon vielfach in den Reichslanden vorhandenen Ansätze zur Schaffung einer gemeinsamen Landeskasse unter Anschluß an die Deutsche Zentralstelle zur Entwicklung zu bringen. Die Vorbereitungen zur Schaffung einer Ostpreußischen Provinzialkasse mit dem Sitz in Königsberg machest Fortschritte; diejenigen einer Kasse für die Provinz Hessen und angrenzenden Bezirke mit dem Sitz in Kassel gehen ihrem Abschlüsse entgegen. So ist Hoffnung vorhanden, daß in absehbarer Zeit kein größerer Bezirk mehr der Deutschen Zentralstelle fernstehen wird. Inzwischen entfaltete sich auch ein reges inneres Leben: Grenzbureaus und Provinzialkaffen machen die Probe auf gemeinsames Arbeiten unter Vermittlung der Deutschen Zentralstelle. Die Auffassung von Einzelsragen der Praxis sind noch vielfach divergierend und mancherorten noch ungeklärt. Das hat aber niemand anders erwartet. Die Praxis kann nur aus der Praxis lernen, und der angebahnte lebhafte Austausch der Erfahrungen ist ein Boden, der sicher bald' gute Früchte tragen wird. 3. Berlin, 1. November. In den Prachtsälen des Westens hielt der „Liberale Verein für die An gelegenheiten der jüdischen Gemeinde" gestern "abend eine große Wählerversammlung ab, die wiederum so außerordentlich zahlreich besucht war, daß selbst die Nebensäle teilweise besetzt wckren. Wie sich sehr bald herausstellte und wohl nicht anders erwartet worden war, hatte sich auch von gegnerischer Seite eine größere Anzahl Teilnehmer eingefunden. Obwohl nur Gemeindewähler eiNgeladen waren, befand sich doch in der Versammlung auch ein Teil jugendlicher Nichtwähler, denen man Gastrecht gewährte. Der ganz objektive Beobachter wird nach dem Verlauf des gestrigen Abends mit lebhaftem Bedauern feststellen müssen, daß einem Teil dieser jugendlichen Versammlungsbesucher wirklich noch jene Selbstdisziplin abgeht, die allein es angebracht erscheinen lassen kann, ihnenden Zutritt zu solchen Wahlversammlungen zu gewähren. Um es gleich vorweg zu bemerken, der Mangel dieser Selbstdisziplin hat auch gestern wieder zu Unruheszenen und Auftritten geführt, die jüdischer.Versammlungen unwürdig sind. Trotzdem nahm die unter der Leitung des Herrn Zahnarztes Lipschitz stehende imposante Versammlung, von den erwähnten Zwischenfällen abgesehen, einen für die Liberalen höchst zufriedenstellenden Verlaus. Der Vortragende des Abends war Herr Professor Dr. Türk. Er fand mit seinen ungemein gründlichen und das ganze Material offenbar souverän beherrschenden Ausführungen über das jüdische Schulwesen in der Berliner - Gemeinde den lebhaftesten Beifall der ganzen Versammlung. Was Professor Türk über das Thema: „Was hat die Gemeindeverwaltung für die religiöse Unterweisung unserer Jugend geleistet?" der Versammlung zu sagen hatte, war gewiß den meisten Zuhörern zu einem wesentlichen Teile neu, und die sachliche Art und vornehm glänzende Vortragsweise des Herrn Referenten fanden denn auch in der nachfolgenden Debatte die rückhaltlose Anerkennung auch der Gegner. (Dem vielfach geäußerten Wunsche, die Rede im Druck er-

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