Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprechssal. Herr Redakteur! u den bibliographischen Notizen über Max Lilienthal in Nr. 38 kann ich folgende Ergänzungen bieten. Ueber seine Tätigkeit in Rußland finden sich Notizen, zum Teil von ihm selbst geschrieben, in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", 1843, S. 310; 1845, S. 649; 1846, S. 18, 56. 98, 218 et seq. M. A. Guenzburg. der Führer der russischen Haskalah, scheint im ganzen und großen keine allzu hohe Meinung von Lilienthal gehabt zu haben; er sagte, Leute, wie Lilienthal können wohl Prediger und Schulleiter, aber nicht Rabbiner sein (Maggid: Geschichte der Guenzburge, St. Petersburg, 1899, S. 92). Er schrieb eine hebräische Broschüre “TJür Leipzig 1843, als Erwiderung auf Lilienthals Ausruf zur Reform des Erziehungswesens, TJ]£» Wilna 1843, doch auch wieder eine Verteidigung Lilienthals unter dem Titel IVp^p# abgedruckt in JTHlftri/ Warschau 1878. Ein freundschaftlicher Brief an Guenzburg war neulich, Jahrgang X, S. 377 bis 382. in „Ost und West" abgedruckt. Die große Mehrzahl der russischen Juden war für die Kulturpläne Lilienthals nicht reif, und mag ihm auch als einem- Beamten dcr Negierung mißtraut haben. Es wurde ihm, jedenfalls mit Unrecht nachgesagt, daß er die tyrannischen Ukase, besonders die Vertreibung der Juden aus den Grenzdistrikten, 20. April 1843, und das grausame Pressen von Kindern zum Militärdienst, 26. September 1843, verschuldet habe (Orient 1844, S. 50, „Allgemeine Zeitung des Judentums", 1876, S. 210). Eine unsympathische Beleuchtung seiner Bestrebungen für die Verbesserung geistiger Bildung ist im Literaturblatt des Orient, 1844, S. 383 veröffentlicht. Der wesentliche Grund für das Scheitern der Mission Lilienthals wird außer dem Schwanken der Despotenlaune, die das Projekt ins Leben rief, der Gegensatz zwischen Ost- und Westjuden gewesen sein, der auch heute noch nicht überwunden ist, und sich in den Vereinigten Staaten, wo die Ostjuden einen beträchtlichen, sich mehr und mehr konsolidierenden Bestandteil der Bevölkerung bilden, am klarsten beobachten läßt. Der großen Masse der russischen Bevölkerung war Lilienthal als geistiger Führer ebenso unverständlich, wie es etwa Samson Hirsch in Kowno gewesen wäre. Die Liberalen wiederum^ scheinen ihm wegen seines Versuchs mit den Orthodoxen im guten Einvernehmen zu leben, mißtraut zu haben. Wenigstens scheint das aus den Schilderungen Benjamin Mandelstamms in Wien 1877, hervorzugehen (Jewish Eucyclopedia, Artikel: Mandelstamm, Benjamin und „Der Israelit", 1908, Nr. 22, S. 7). Aus den Schilderungen des vor etwa fünf Jahren verstorbenen New Uorker Maskil Oscher Zalmen Chelemer, der als junger Mann für M. A. Guenzburg Sekretärdienste leistete, weiß ich. daß die damaligen Maskilim Wilnas der gesammten Aufklärungstätigkeit der Negierung pessimistisch gegenüberstanden. Chelemer konnte mir noch einen Teil eines Briefes wörtlich zitieren, den Guenzburg an Moses Montefiore nach seiner russischen Reife, 1846, richtete. Montefiore wollte das Problem der russischen Juden durch bessere Bildung und besonders durch gebildete Rabbiner lösen. Guenzburg schrieb ihm, daß die russischen Juden vor allem günstigere Erwerbsverhältnisse brauchen; alles andere werde sich dann von selbst finden. Er dürfte darin unzweifelhaft Recht gehabt haben. Als Lilienthal 1845 nach New Ä)ork kam, ging er sofort daran, nach dem noch von der französischen Sanhedrin-Jdee beeinflußten Prinzips eine Synodalverfaffung auszuarbeiten. Der orthodoxe Jsaac Leeser unterstützte ihn darin. Berichte finden sich in dem von, Leeser herausgegebenen „Occident" und in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1847, S. 20, 364). Seit jener Zeit trat zwischen ihm und Philippson, dem er seine Stellung in Rußland verdankte, eine Spannung ein; die) Berichte über seine Tätigkeit sind spärlich und unsympathisch (1851, S. 160; 1852, S. 91 et seq.; 1869, 283). Das Jahr 1848 hatte auch die amerikanischen Juden mit dem Glauben an eine allgemeine Menschenverbrüderung trunken gemacht, und Lilienthal hielt in dem New Iorker Verein der Lichtfreunde einen Vortrag, in welchem er gesagt haben soll: „Wir fühlen,, daß wir ganz und gar mit der Vergangenheit gebrochen haben." Wenigstens wird das in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1856, S. 453) berichtet. Die Quelle ist wahrscheinlich der von David Einhorn damals herausgegebene Sinai (Band I, S. 204). Als Lilienthal einmal in der Unitarierkirche Predigte, ein nicht ungewöhnlicher und durchaus unverfänglicher Vorfall, schrieb Philippson: „Es gehört zu den Wandlungen, welche Dr. Lilienthal in seinem vielbewegten Leben mitgemacht hat." („Allgemeine Zeitung des Judentums" 1867, S. 388.) Nur einmal tritt in späterer Zeit die bekannte Anekdote auf, daß der Erzbischof Purcell ihn, als er bei einem Bankett nicht essen wollte, gefragt habe, wann endlich die Juden diesen Aberglauben oblegen würden, worauf Lilienthal versprochen habe, an dem Bankett bei der Hochzeit des Erzbischofs teilzunehmen (Allgemeine Zeitung des Judentums" 1876, S. 407). Dieselbe Geschichte ohne Namensnennung schon 1867, S. 80 erzählt, ist zwar auch zwischen Chief Rabbi Adler und einem englischen Kardinal passiert, wie uns Wancroft in seinen „Recollections of Sixly Years“ erzählt, sie hat aber auch sonst einen Haken in der Tatsache, daß es Lilienthal ebensowenig wie andere amerikanische Rabbiner mit den Speisegesetzen so genau genommen haben dürste. Für den Folkloristen ist es interessant zu sehen, wie die beiderseitigen Würdenträger im Range steigen, die nächste Darstellung wird uns dieselbe Unterredung zwischen dem Papste und dem Chacam Baschi in Jerusalem berichten. Zu den Gegnern Lilienthals gehörte auch Steinschneider, der, in seiner Kritik immer maßlos, von Lilienthal als dem „Verfasser des berüchtigten Verzeichnisses der Münchener Handschriften" spricht (Hebr. Bibliogr, I, 75; Y, 107—108). Allerdings war diese Arbeit des jungen Gelehrten ziemlich dilettantisch. Lilienthal nahm im öffentlichen Leben Cincinnatis eine sehr angesehene Stellung ein und erwarb sich durch glückliche Kapitalsanlagen ein beträchtliches Vermögen. Seine Kinder gelangten in San Francisco zu großem Reichtum. Einer seiner Söhne Philipp Lilienthal, verlor durch einen Automobilunfall am 9. September 1908 in San Francisco das Leben. Frau Weugeroffs Bericht, deren Memoiren ich gleichfalls als ein kulturhistorisch höchst interessantes Werk im „American Jsraelite" nach Gebühr gewürdigt . habe, erzählt, daß Lilienthal vergeblich versucht habe, Rabbi Chajim, den Vorsteher der Jeschibah von Wolozhin und den Chasidischen Rabbi Wendel Libawitzer zur Teilnahme an der Rabbinerversammlung von St. Petersburg, 1842, zu bewegen (Band 1, S. 120), das ist nicht ganz richtig. Tatsache ist, daß Rabbi Chajim schon jS21 gestorben war, und daß Rabbi Mendel Schueirsohn (der Lubawitscher) wirklich an der Versammlung teilnahm, während nach dem, für mich unkontrollierbaren, jedoch verdächtigen Zeugnisse seines Biographen (Hellman, '0*1 j-pn» Berdyczew, 1902, 3. Teil, S. 9) Lilienthal jener Versammlung nicht als Mitglied, sondern als Gast beiwohnte. Ergebenst Cincinnati, Oktober 1910. Gotthard Deutsch, v- Zur Resolution gegen die Ausführungen des Bürgermeisters von Rom. („Allgemeine Zeitung des Judentums", Nr. 43. 28. Oktober 1910.) n dcr am 6. Oktober in der Brauerei Königstadt abgehaltenen Volksversamnilung (des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums) ist von dcr fraglichen Angelegenheit überhaupt kein Wort gesprochen, geschweige denn eine Resolution angenommen worden. In der Versammlung wurde ausschließlich über die Repräsentantenwahlen gesprochen. Eine andere jüdische Volksversammlung hat an diesem Tage in dem genannten Lokale nicht stattgefunden. Dagegen ging in der oben bezeichneten Versammlung ein junger Mann an die einzelnen Besucher der Versammlung cheran und hielt ihnen ein Schriftstück mit der Bitte um Unterschrift hin. Auch an mich trat er heran, und ich erinnere mich, daß das Schriftstück ein^ Protesterklärung gegen den Bürgermeister Nathan enthielt. So viel ich bemerkte, waren nur sehr wenig Unterschriften erteilt worden» Die Sammlung der Unterschriften schien überhaupt nicht von einem Verein veranlaßt, sondern von privater Seite ausgegangen zu sein. B. L. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.