Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die freudige Dankesäußerung, die er nach dieser Zusicherung vielleicht erwartet, blieb ganz, und gar aus, und Rahel blieb still und nachdenkend wie bisher. Endlich brach sie doch das Schweigen. „Es ist wohl möglich," sprach sie mit kaum hörbarer Stimme, „daß Sie imstande sein werden, mich vor Ihrer Mutter zu schützen, allein — — —" sie brach Plötzlich ab, und fahle Blässe bedeckte ihr Gesicht. ' „Nun," drängte er sie weiter zu sprechen. Sie gab auch jetzt keine Antwort. „Sie meinen," sprach er zögernd/„wer Sie vor mir selbst schützen könnte? Ich verstehe Ihre Angst. Als meine untergeordnete Magd würde mein Mannesstolz Ihre beste Schutzwache sein. Als Gast und Gleichgestellte hingegen . Einen Augenblick schwiegen beide, in Gedanken versunken: bald aber erhob Rahel ihren Blick zu ihm und sprach fest, furchtlos ihn ansehend: „In diesem Falle werde ich meine eigene Schutzwache sein — — —! Schlimmstenfalls werden Sie Gelegenheit haben, draußen in der Steppe noch ein zweites Grab schaufeln zu lassen." Und so blieb Rahel als Gast auf dem Gute/ Sie hatte lange mit sich selbst beratschlagt. Sie wollte hier bleiben, bis sie sich selbst trauen durfte, die Stätte zu verlassen, wo der letzte Atemzug der Mutter noch gleichsam in der Luft herumschwebte, ohne befürchten zu müssen, auch ihr Herz, ihren Verstand, ja ihre ganze Lebensfähigkeit zugleich hier zurückzulassen. Aber das war nicht der einzige Grund; es war auch noch ein zweiter, ein weit zwingenderer vorhanden. —Was würde die Mutter nur von ihr denken, wenn sie mit solcher Eile von hier sortginge? Würde es denn nicht den Anschein gewinnen, als habe sie ungeduldig gewartet, um die Mutter unter die Erde zu bringen, um von der Bürde befreit zu werden, um dann jugendfroh und schnellfüßig, ohne Bleiklumpen, die Wanderung sortzusetzen? Nein, nein. Eine tote Mutter verdient doch etwas mehr Pietät und Al^merkfamkeit, etwas mehr Zuneigung. Die einsame Steppe war ja schon eine traurige Gesellschafterin für die Lebenden — wie viel trauriger noch für die Toten. Uebrigens war es denn wirklich so eilig, die neue Heimat zu erreichen? Heimat! — Heiße Tränen stürzten aus ihren Augen. Was sollte sie denn dort eigentlich beginnen, wie ihren Unterhalt verdienen? Sollte sie sich als Magd verdingen? Wer braucht wohl eine solche, wo jeder Familienvater, jede Hausfrau sich die Finger blutig schinden mußte, um nur das Notwendigste für den ärmlichen Haushalt zu erringen? Hier wenigstens fand sie Gelegenheit, ihr Brot auf ehrliche Weise, durch ihre Händearbeit zu verdienen. — Allerdings stiegen auch mancherlei Bedenken in ihr aus. — Wie. denn, wenn der bewiesene Edelmut ihres Gastgebers doch noch etwas anderes bedeuten sollte? Sie hatte von der grobfinnlichen Natur der russischen Machthaber schon genug gehört und gefürchtet, um ihr Blut zu Eis erstarren zu lassen, und die Erinnerung an manche Beleidigung, die sie schweigend von den Offizieren und Beamten ihres Heimatstädtchens hatte hinnehmen müssen, trieb ihr jetzt noch die Schamröte ins Gesicht. — Wie nun, wenn auch er mit leidenschaftlicher, ungezügelter Begierde sich ihr nahen sollte? Hier, in der einsamen Steppe, wo sie macht- und hilflos seiner Gewalt überliefert war? Doch darüber beruhigte sie sich bald wieder; sie erinnerte sich, diese Frage, mit dem Hinweis aus ein zweites Grab in der Steppe schon im Voraus beantwortet zu haben. Außerdem hätten ihre bisherigen Lebensprüfungen sie schon erfahren genug gemacht, um ganz genau zwischen Freundlichkeit und Heuchelei, zwischen Wohlwollen und Schmeichelei zu unterscheiden, um ganz genau zu wissen, daß ihr Gastgeber bisher weder durch Blicke noch Bewegungen ihr auch nur den geringsten Anlaß zu solchen Befürchtungen gegeben; er hatte ihr bisher nur Menschenfreundlichkeit entgegengebracht und darum braucht sie wohl keiner solchen Beängstigung sich hinzugeben. Und es dauerte auch gar nicht lange, als sie noch einen weiteren Beweis seiner redlichen Denkungsart erhielt. Als sie am nächsten Tage wieder zum Grabe ihrer Mutter hinging, fand sie dasselbe mit' schweren Granitsteinen vollständig belegt. „Es soll weniger ein Denkmal bedeuten," hatte er ihr auf ihren fragenden Blick mit fast demütiger Stimme erklärt, „c^s vielmehr einen Schutz gegen die Wölfe, die im Winter .bis dicht an das Gut heranschleichen, und deren hungrige Augen und gefräßige Zähne alles irgendwie Verzehrbare schon auszuspüren wissen." Nach diesem Ereignis war ihr das Bleiben nicht mehr schwer geworden; sie durfte ihm beruhigt trauen. Wer das Grab der Mutter so fürsorglich behütet, der wird auch der Tochter im Leben nichts Nachteiliges zufügen. Fünf Wochen waren bereits vergangen. Rahel gehörte jetzt mit zum Haushalt; doch schien ihre Anwesenheit keinen wesentlichen Unterschied auf dem Gute zu bedeuten; alles ging seinen gewohnheitsmäßigen Gang, und kein Mensch kümmerte sich um sie. Rahel lebte ihre Tage ziellos dahin; sie ging und kam, wohin und wann es ihr beliebte und verbrachte ihre Zeit in dem Stübchen, das jetzt vollständig und ausschließlich zu ihrer. Verfügung stand, oder am einsamen Grabe in der Steppe. Doch je länger ihr Verweilen andauerte, desto stärker wurde das Bewußtsein ihrer Verlassenheit, die Empfindung ihrer Einsamkeit, die sich bis zum Stumpfsinn, zur Trägheit steigerte, die sie für jede Tätigkeit unfähig machte. Sie betrachtete ihr jetziges Dasein wie etwas Unvermeidliches, Unabänderliches. Sie wußte, daß Gregor hin und wieder zu ihr kam und eine Weile mit ihr sprach, und auch, daß sie ihm antwortete, --wie und was aber, das wußte sie nichtes war ihr auch ganz gleichgültig. Nur so viel war ihr klar, daß er sein gegebenes Wort ehrlich hielt; es war damals keine leere Prahlerei — er war in der Tat der Herr im Hause, dessen Befehle von allen respektiert wurden. Niemand belästigte'sie; keiner stellte Fragen; ja selbst Marsa nicht. (Fortsetzung folgt.) Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Münzmeister Lippold. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des Mittelalters. Nach urkundlichen Quellen bearbeitet von Rabbiner Dr. A. Ackermann, Frankfurt a. M. Verlag von I. Kcmffmann 1910. Preis 3 Mark. Die jüdische Gemeinde von Elephantine-Syene und ihr Tempel im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt von Dr. Norbert Peters- Freiburg im Breisgau, Herdersche Verlagshandlung -1910. Preis 1.50 Mark. Das hohe Lied als Operette bearbeitet von I. Rosenblatt. Preis 50 Pfennig. Hebräischer Titel, hebräischer Text.