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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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praktischen Wissen ausgerüstet, so daß es ihnen nicht schwer fällt, in England und auswärts einträgliche und 'ehrenvolle Stellungen in verschiedenen Branchen des menschlichen Tuns und Schaffens zu erlangen. Als Lord Rothschild vor einigen Jahren zum Mitglied der Kommis'ion gewählt wurde, die sich mit der proponierten Einführung ins englische Parlament, der sogenannten „Men- Bill" beschäftigte, bekämpfte er letztere mit großer Wärme. Seine ernsten und tiefgefühlten Worte blieben aber resultatlos, und die Bill wurde späterhin, wie bekannt, als Landesgesetz eingeführt. Die reichen Wohltaten, die Lord Rothschild jahraus, jahrein spendet, sind keineswegs auf bloß jüdische Institute beschränkt, denn er macht darin keinen Unterschied zwischen Rasse und Religion. Jude oder Christ, Mohammedaner oder Hindu sind alle, bei ihm gleich, und in welchem Lande immer Hilfe nötig ist, da läßt Lord Rothschild seine Hilfe angedeihen. Er handelt in dieser Beziehung im Geiste der Propheten des jüdischen Altertums, .die stets Brüderschaft und Gleichheit predigten. Welchen Einfluß Lord Rothschild' auf dem Gebiete der englischen, und vielleicht auch der auswärtigen Politik ausübt, ist natürlich nur denen bekannt, die hinter der Szene stehen und das Staatsruder lenken. Doch ist es wohl leicht anzunehmen, daß, wie sein königlicher Freund Eduard VII. den Titel „Der Prinz des Friedens" — D*te — sich erworben, er ebenfalls für eine solche Politik recht eingenommen ist, die die Tendenz.hat, einen bleibenden Frieden unter den verschiedenen Nationen der Welt zu schaffen und zu befestigen. Unter den vielen Millionen von Juden, die auf dem ganzen Erdenrunde leben, dürfte wohl kein einziger vorhanden sein, der nicht recht herzlich Lord Rothschild zu seinem 70. Lebensjahre persönlich gratulieren würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte. Dr. I. Chotzner. 098 Iudengrsb in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. Ul ©regor besorgte auch die Bestattung der Verstorbenen — wenn überhaupt von einer Bestattung die Rede sein konnte. Schon am nächsten Nachmittag war der einfache Sarg aus ungehobelten Brettern zusammeugezimmert, und zwei Gutsarbeiter trugen ihn zun: Grabe, das sie schon vormittags draußen in der Steppe geschaufelt hatten. Rahel ging hinter ihnen her und Gregor folgte in einer kleinen Entfernung. Anfänglich hatte er daran gedacht, auch dieses traurige Werk persönlich und allein zu verrichten; schließlich aber hatte er diese Absicht doch ausgegeben. Er wollte nicht, daß sie sich seiner als des Mannes erinnere, der ihre Mutter begraben. Menschen, die das Geschick schwer geprüft, sind verschlossen und werden leicht ungerecht; sie wissen, nicht mehr die Tatsachen aufeinander zu halten und verabscheuen die Maßnahmen, die doch eigentlich nur eine notwendige Folge des Nebels gewesen. # Und Rahels Schmerz war ein solcher, der felsenfest verschlossen, nur in der innersten Tiefe empfunden wird. Sie raste nicht und wütete niHst, ja sie vergoß nicht einmal eine einzige Träne; alles war in ihr erstarrt- und erkaltet Schweigend sah sie den Männern zu. als sie die irdischen Ueberreste ihrer Mutter dem Schoße der Erde übergaben', und als sich bald daraus der Hügel wölbte, ging sie wortlos von dannen. ~ Gregor trat zu ihr heran. „Wenn Sie es wünschen, werde ich vier Pferde anspännen lassen, und in einigen Stunden schon können Sie Ihre Freunde eingeholt haben." „Meine Freunde?" Sie sah ihn mit traurigen Augen an. „Wo besitze ich solche? Können die Leidensgefährten mir denn Helsen? Haben denn die Aermsten der Armen nicht schon übergenug an der eigenen Bürde zu tragen? Wäre es nicht ein unverzeihliches Verbrechen, auch nur den kleinsten Teil ihrer Hilfsbereitschaft für eine Fremde zu beanspruchen, die sie den Angehörigen entziehen müßten?. Und wie sollten sie mir helfen, selbst wenn sie den besten Willen dazu hätten? In dem engzusammengepferchten Ansiedlungs-Rayon, da ist ja der Arbeitsmangel noch weit größer als selbst die Hungersnot--!! Oder soll ich etwa dort eincil bettelormeu Hausierer heiraten, einzig und allein, um eine Familie in die Welt zu setzen, bei der das Elend der Eltern, nur noch im verstärkten Maße, sich wiederholen soll?" . Sie schwieg, einen Augenblick, und Gregor merkte es ihr deutlich an, welche Anstrengung cs ihr verursachte, das Folgende auszusprechen. „Herr, Sie haben sich so menschenfreundlich, so Wohltat i cf mir gezeigt. — — tun Sie doch noch ein Weiteres für mich: Sie haben eine große Anzahl Mägde auf Ihrem Gute; könnten Sie nicht noch eine unterbringen? Stellen Sie mir getrost die untergeordnetsten Aufgaben, lassen Sie mich die niedrigsten Arbeiten verrichten — — ich werde damit zufrieden.sein — — nur die einzige Gnade erflehe ich von Ihnen: Lassen Sie Mich jeden Tag eine einzige Viertelstunde bei dem Grabe meiner Mütter verweilen." . Er sah sie verblüfft, ungläubig an; dann aber leuchteten seine Augen freudig auf. „Ist es wirklich wahr? Sie wollen hier bleiben?" Er beugte sich weit vor, um ihre Antwort nicht nur von ihren Lippen zu hören, sondern sie auch von ihrem Gesichte abzutesen. „Ja, als Ihre niedrigste Magd," wiederholte sie. Er richtete sich energisch zu seiner stattlichen Größeauf. ' „Nein," sprach er fest; „das werde ich nicht zugeben." Und als 'er Ihre niedergeschlagene Miene merkte, fuhr er fällst lächelnd fort: „Nicht als Magd sollen Si. hier bleiben,, sondern als Gast. Das ist meine Bedingung. Sie sollen kommen und gehen, wie und wann es Ihnen beliebt — — und wehe dem, der Sie etwa daran hindern sollte!" Rahel blickte stumm vor sich nieder, und ihr .Körper erbebte ängstlich. Er bemerkte es sofort. „Woran denken Sie?" fragte er gespannt. „Ihre Mutter kam heute ins Zimmer, wo die Tote lag," war ihre zitternde Antwort: „sie hat zwar kein Wort gesprochen, doch wie sie mich anblickte-! O, mein Gott' Ich wünschte es wären ihre Lippen, die den Fluch gesprochen und — nicht ihre Augen!" „Sie fürchten sich vor meiner Mutter?" fragte er schnell. „Ich gebe zu, daß sie nicht besonders freundlich ist — gegen Fremde." Rahel verstand sehr wohl, was sein Zögern zu bedeuten habe.-„Doch," fuhr er ernst fort, „wollen Sie dem Worte eines ehrlichen Mannes vertrauen, dann brauchen Sie keinerlei Unfreundlichkeiten mehr zu fürchten — — weder ausgesprochene noch stumme.-"

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