Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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^WSV' möglich war. In Breslau hat die Stadtverwaltung, die sich bisher gegen die Anstellung jüdischer Lehrkräfte spröde zeigte, kürzlich die Anstellung von Juden beschlossen. Die Breslauer Gemeinde müßte ja mit Blindheit geschlagen sein, wollte sie nun mit der Gründung jüdischer Schulen Vorgehen. Die Gegner verlangen jüdische Volksschulen nicht bloß der Lehrer wegen, sondern auch um der jüdischen Erziehung der Kinder willen. Aber warum denn diese Art von jüdischer Erziehung nur für die Kinder der minder Bemittelten, die die Volksschulen besuchen, warum nicht auch für die Kinder der vermögenden Juden, warum nicht auch jüdische Gymnasien? Die konsequenten Zionisten schrecken vor dieser Forderung nicht zurück. Wir aber wollen nicht schon unsere Kinder in ein Ghetto sperren, wir wollen nicht, daß die konfessionelle Scheidewand schon unter den Kindern aufgerichtet werde. Ich weiß sehr wohl, daß auf der Höhe der antisemitischen Bewegung jüdische Schüler vielfach gekränkt worden sind, daß das Verhältnis von jüdischen und christlichen Schülern besonders in den kleinen Städten kein erquickliches war und daß auch heute noch hier und da Zurücksetzungen Vorkommen. Aber nicht darin zeigt sich wahres Selbstbewußtsein, daß man sich zurückzieht, wo man gekränkt wird, sondern darin, daß man sein Recht bis zum äußersten durchkämpft. Das Goethesche Wort: „Wer sich der Einsamkeit ergibt, ist bald allein" gilt nicht nur für den einzelnen, sondern auch für Gruppen der Bevölkerung. Wir dürfen unsere christlichen Mitbürger nicht daran gewöhnen, daß die Juden keinerlei Gemeinschaft mit ihnen haben. Darum können wir dem Vorstande unserer Gemeinde nur danken, daß er das Verlangen nach jüdisch-konfessionellen Schulen schon an der Schwelle zurückgewiesen hat. Wenn wir nunzusammenfassend die Frage wiederholen: Was hat die Gemeindeverwaltung für die religiöse Unterweisung unserer Jugend geleistet, so antworten wir als ehrliche Männer: Noch nicht alles, aber viel, wenn wir vergleichen das, was ist, mit dem, was war. In unserer Arbeit für den Religionsunterricht an höheren Schulen liegt nicht nur ein Teil unseres Kampfes für die Gleichberechtigung, sondern auch die Sicherung der religiösen Unterweisung für alle jüdischen Kinder. In der Ausgestaltung und Erweiterung der Neligionsschulen liegt die Gewähr der Erhaltung des Hebräischen als Gebetssprache. Nunmehr ist es an Ihnen, meine Damen und Herren, zu entscheiden, ob unsere Gegner im Rechte waren, als sie den Männern, die in Treue an dem Schulwerk gearbeitet haben, den Vorwurf entgegenschleuderten, daß sie der Unwissenheit Vorschub geleistet haben. Sie mögen auch urteilen, ob wir unsere Pflicht als Verwalter des kostbarstep Gutes bewährt und Erfolge errungen haben. Es ist möglich, daß im nächsten Jahre im Schulvorstande neue Männer an unsere Stelle treten: für diese habe ich keinen anderen Wunsch als den, daß sie an ihrer Arbeit ^dieselbe Freude empfinden mögen, wie wir sie empfunden haben. Möge auch dann das Werk der religiösen Erziehung wachsen, deren höchstes und letztes Ziel immer war und immer bleiben wird: Die Erhaltung des Gottesgedankens und damit die Erfüllung der göttlichen Lehre, die die Propheten uns gekündet haben. Lord Lothschild. ord Rothschild ** tag, und da Lorö Rothschild. feiert am 8. November seinen 70. Geburtser einer der interessantesten und einflußreichsten jüdischen Magnaten ist, die in der Jetztzeit leben, so dürsten die folgenden kurzen Notizen über ihn für die Leser dieser Blättervon einigem Interesse sein. Lord Rothschild wurde am obenerwähnten Tage des Jahres 1840 in London geboren, und ist der Sohn des Barons Lionel de Rothschild, der im Jahre 1879 in derselben Stadt verschied. In seinen Jugendjahren genoß er eine liberale Erziehung, und. mit klassischem und modernem Wissen ausgerüstet, bezog er die Universität in Cambridge. Einer seiner dortigen Studiengenossen und intimen Freunde war der Prinz von Wales, der nachher als Eduard Vll. den englischen Thron bestieg, und nach einer kurzen glorreichen Regierung im Monat Mai das Zeitliche segnete. Diese Freundschaft wurde voll König Eduard während seines ganzen späteren Lebens ausrecht erhalten. Er bewies dies dadurch, daß er Lord Rothschild häufig mit seinen Privatbesuchen beehrte, und ebenso oft U)u zu sich einlttd. Lord Rothschild war 20 Jahre lang — von 1865 bis 1885 — Mitglied des englischen Unterhauses, und im letztgenannten Jahre englischen Königin Victoria zu erhoben, die ihm einen lebenswurde er von der der Würde eines Lords länglichen Sitz im englischen Oberhause (House of Eords) verschaffte. Als Governor of the Bank of England und Direktor verschiedener englischer und auswärtiger bedeutender Institute ist selbstverständlich seine Zeit recht sehr in Anspruch genommen, trotzdem aber findet er stets Muße, das Wohl seiner gesamten Glaubensgenossen mit Rat und Tat fördern zu helfen. Lord Rothschild ist Präsident der sogenannten United Synagogue, und in dieser Eigenschaft wird er allgemein als der Repräsentant aller Juden in England angesehen. Obschon fast alle bedeutenden jüdischen Institute in London von ihm in liberaler Weise unterstützt werden, so hat er immer eine Vorliebe für die im Osten von London bestehende lervisli Eree School bewiesen. Die fragliche Lehranstalt ist eine der größten im englischen Weltreiche und wird von Tausenden von Schülern besucht, die fast ausschließlich die Kinder von russischjüdischen Immigranten sind. Die meisten dieser Zöglinge sind, wenn sie die fragliche Anstalt verlassen, mit vielem