Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
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man, statt sich in eitlen Klagen zu ergehen, dafür Sorge tragen, daß man diesen Teil der Gemeindemitglieder nicht völlig für die religiöse Betätigung verliere. Schon Abraham Geiger erklärte: „Keine Klage nutzt, keine Anklage ist gerechtfertigt gegenüber der Macht der Geschichte, deren Einfluß wir nicht etwa resigniert übernehmen, deren Heil wir vielmehr dankbar verehren müssen." Wir verlangen nicht, wie unsere Gegner emsig verbreiten, die völlige Abschaffung des Hebräischen als Gebetsprache, das verbietet uns unser geschichtlicher Sinn, nur mehr Raum fordern wir für unsere Muttersprache, damit denen, die des Hebräischen nicht genügend kundig sind, die Schönheit und Erhabenheit unserer Psalmen und Propheten in Geist und Gemüt eingehe, damit dem Gottesdienst knicht Würde und Ordnung und Ruhe fehle. Nicht niederreißen wollen wir, sondern aus bauen, um die noch abseits Stehenden zurückzugewinnen; aber die Orthodoxie und mit ihr die Mittelpartei läßt lieber die Tausende uns verloren gehen, um nachher über Abfall zu klagen, als daß sie uns nur einen Schritt entgegenkäme. Und mit der Orthodoxie hat sich der Zionismus verbündet, der die nationalen Schranken noch höher aufrichtet. Nicht nur Gebetsprache soll das Hebräische sein, zur Volks- und Familien spräche soll es allmählich werden. Man hat die Zionisten vielfach Idealisten genannt; ich bin der letzte, der ihnen diesen Titel ^bestreitet; aber als unterscheidendes Merkmal kann ich diese Bezeichnung nicht gelten lassen; denn auch wir haben ein Ideal vor Augen, nur ist es nicht die Völkertrennung, sondern die von den Propheten verkündete Völkerverbrüderung in „Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe". Viel eher möchte ich die Zionisten Ideologen nennen, die einem Phantom nachjagen; es ist ein Traum, daß die deutschen Juden in der hebräischen Sprache jemals, ihre Muttersprache sehen könnten. Die Schulverwaltung hat ihre Pflicht getan, nicht nur dadurch, daß sie hinreichend Schulen gründete, sondern sie hat auch für ihren inneren Ausbau gesorgt. Welch eine Fülle von Arbeit geleistet worden ist im Verein mit den Leitern der Schulen unter dem Vorsitze des Herrn Professor Kali sch er, dem aufrichtiger Dank für seine Mühewaltung gebührt, um einen festen Lehrplan für die Religionsschulen aufzustellen, das wissen nur die Beteiligten?) Den höchsten Trumpf spielt unsere Gegnerschaft am Schluffe aus: „Die Gemeindeverwaltung hat es versäumt, öffentliche jüdische Volksschulen zu errichten." Meine Damen und Herren, der Ruf nach öffentlichen Schulen ist besonders nach dem Erlaß des Volksschul-Unterhaltungsgesetzes vom Jahre 1906 laut geworden, in welchem die konfessionelle Trennung der Volksschüler, der evangelischen von den katholischen, als die Regel festgesetzt wurde. Durch dieses Gesetz ist in seinem konfessionellen Abschnitte im ganzen nichts Neues geschaffen worden. Es ist lediglich der Zustand, wie er sich seit dem Ende der liberalen Aera entwickelt hatte, Gesetz geworden. Für die jüdischen Kinder so wenig wie für die jüdischen Lehrer hat sich durch dieses Gesetz etwas geändert. Es hatten vorher jüdische Kinder die öffentlichen Volksschulen besucht und sie tun es heute. Jüdische Lehrer sind vor dem Gesetz an öffentlichen Schulen angestellt worden und sie werden es heute noch, wenn auch nicht in dem Maße, wie wir es wünschen. Wenn jüdische Lehrer, nicht alle, aber eine größere Zahl, für Berlin die Gründung jüdischer Volksschulen verlangen, so wollen sie ihren Berufsgenossen ein weiteres h Die Abschnitte über „Subventionierte Schulen" und „Fortbildung" müssen aus Mangel an Raum wegfallen. Betätigungsfeld schaffen. Das ist der Hauptgrund, alles andere ist Beiwerk. Für mich, der ich in engeren Beziehungen zu den jüdischen Lehrern im Deutschen Reiche stehe, weil ich seit einer Reihe von.Jahren die ehrenvolle Aufgabe habe, für alle ideellen und materiellen Bestrebungen der jüdischen Volksschullehrer einzutreten, ist es nicht leicht, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Herz und Verstand stehen im Widerstreit, aber in solchem Widerstreit muß die ruhige Ueberlegung siegen. In ähnlicher Lage befindet sich unsere Gemeindeverwaltung. Sie hat es stets als ihre Ausgabe betrachtet, und mehr als je hat sie in diesem Jahre den Beweis dafür geliefert, für die Lehrer Sorge zu tragen; aber in der Frage, ob sie konfessionelle Schulen errichten solle, darf sie nicht darauf blicken, was dem einzelnen oder einer Gruppe nützt, sondern was der Allgemeinheit frommt. Sie darf nicht den gegenwärtigen Augenblick nur ins Auge fassen, sondern muß auch an die Zukunft denken. Der Vorstand ist zu dem Entschluß gekommen, aus prinzipiellen Gründen die Eröffnung jüdisch-konfessioneller Volksschulen abzulehnen. Wir haben den Einwurf schon gehört: „Ihr habt ja zwei jüdisch-konfessionelle Schulen, eine Knaben- und eine Mädchenschule." Diese beiden Anstalten find Denkmäler vergangener Zeiten, in denen die jüdischen Kinder in.die deutsche Kultur erst eingeführt werden mußten. Diese Schulen, an deren Beseitigung man vor 40 Jahren tatsächlich gedacht hat, werden bestehen bleiben, sie erfreuen sich bei ihrer trefflichen Leitung und der hingebenden Arbeit der Lehrer der Wertschätzung und der Förderung der Gemeindebehörden. Jüdisch-konfessionelle Schulen gibt es in größerer Zahl in kleineren Orten Preußens, aber bei der dauernd zurückgehenden Schülerzahl haben sie schwer mit ihrer Existenz zu ringen, da die Staatsregierung immer auf dem Sprunge steht, eine Zwergschule aufzulösen. Im Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde bemühen wir uns, diese Schulen zu erhalten, und geben sie erst preis, wenn der letzte Schüler daraus verschwunden ist. Die Erhaltung dieser Schulen ist für diese Gemeinden eine Lebensfrage, weil der gesetzliche Zuschuß des Staates und der freiwillige der Kommunen ihnen die Erhaltung des Religionsunterrichts und des Kultus ermöglicht. Das kommt für die großen Städte nicht in Betracht. Hier halten wir an der allgemeinen öffentlichen Schule fest, weil wir. nicht, was wir im 19. Jahrhundert in schwerer Arbeit errungen haben, wofür ein Rießer, ein Veit und andere gekämpft haben, preisgeben wollen. Wir haben nicht die Doppelnatur, um als Bürger unseres Staates im öffentlichen Leben für die allgemeine Schule und hinterher als Juden für die konfessionelle Schule einzutreten. Der politische Zionismus ist aus dem Antisemitismus entstanden, und doch verlangt der Zionismus nichts anderes, als was auch die Antisemiten fordern. Im Tivoli-Programm der konservativen Partei heißt es: Christliche Lehrer für christ-. liche Schüler. Wie sollen wir dagegen ankämpfen,.wenn wir selbst jüdische Lehrer für jüdische Kinder fordern? Welche Stellung nehmen wir jüdischen Lehrer unseren christlichen Kollegen gegenüber ein, wenn wir selber ihnen nicht unsere Kinder mehr anvertrauen sollen? An dem Tage, an dem unsere Berliner Gemeinde die erste jüdische Volksschule errichtet oder bei dem Berliner Magistrat durchsetzt, ist es mit der Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den allgemeinen Volksschulen vorüber. Wo ist da der Vorteil für die Zukunft der jüdischen Lehrkräfte? Es ist nicht wahr, daß die Stadt Berlin jüdische Lehrkräfte nicht mehr anstellt, sie hat die durch die Beförderung jüdischer Lehrerinnen an die höheren Mädchenschulen freigewordenen Plätze wieder durch jüdische Lehrerinnen besetzt, so weit es nach den ministeriellen Bestimmungen