Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kinder, die am christlichen Unterricht teilnehmen, ist auf ein Minimum zurückgegangen, und wir sind den Rabbinern dankbar, die uns in unseren darauf gerichteten Bemühungen unterstützt haben. Wir haben kürzlich von dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M., Herrn Justizrat Blau, gehört, daß dort '98,7% aller Schüler und Schülerinnen sich an dem Unterricht beteiligen, und daß unter den fehlenden 1,30/0 sich fast nur Kinder der Orthodoxie befinden. Niemand wird glauben wollen, daß die Frankfurter Juden religionsbegeisterter find als unsere Berliner Glaubensgenossen; wenn die statistische Untersuchung, die wir in Angriff genommen haben und die für Groß-Berlin bedeutende Schwierigkeiten hat,* beendet sein wird, dann wird nach meiner Ueberzeugung das Resultat für Berlin genau so günstig sein, Aber so groß auch der nu nerische Erfolg im Vergleich zu früheren Zeiten ist, zuf«eden können wir nicht sein, da cs sich immer nur um die Schüler bis zum 14. Lebensjahre handelt. Seit langem ist es Gegenstand unserer Sorge, wie wir die jüdische Jugend bis zum Ende der Schulzeit im Religionsunterricht festhalten. Da diese Frage nicht nur für Berlin, sondern für ganz Preußen von Bedeutung ist, so hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund sich der Sache angenommen. Er hat gemeinsam mit dem Verbände der Deutschen Juden, in dem auch unsere Gemeinde vertreten ist,, an den Kultusminister eine Petition gerichtet, auch für die Schüler über 14 Jahre den Religionsunterricht obligatorisch zu machen, obligatorisch natürlich in dem Sinne, daß diejenigen, die nicht teilnehmen wollen, sich über eine anderweitige Versorgung ausweisen müssen. Diese Einschränkung ist bei uns Juden selbstverständlich; denn weder den Orthodoxen noch den Liberalen dürfen wir einen Unterricht aufzwingen, der ihrer Gesinnung nicht entspricht. Bisher Haben wir auf unsere Petition eine Antwort nicht erhalten. Hoffentlich wird uns nicht auch dafür die Verantwortung zugeschoben. Einstweilen müssen wir uns mit - der Freiwilligkeit der Teilnahme begnügen, und die Beteiligung ist um so größer, je mehr die Persönlichkeit des Lehrers imstande ist, die reiferen Schüler an sich zu fesseln. Die Arbeit des jüdischen Religionslehrers an höheren Schulen ist ... ist eine ungewöhnlich schwierige. Wir brauchen für dieses Amt Männer, die nicht nur den gesamten Unterrichtsstoff wissenschaftlich beherrschen, sondern auch methodisch geschult sind und die Disziplin zu handhaben verstehen, zumal ihnen nicht überall die nötige Unterstützung durch die Eltern zuteil wird. Und zu alledem muß bei der Verschiedenheit der Richtungen im Judentum, die doch nicht wegzuleugnen ist, eine Eigenschaft kommen, die gerade für den jüdischen Religionsunterricht unabweislich ist: der religiöse Takt. Drei Aufgaben hat der jüdische Religionslehrer zu erfüllen: hie Uebermittlung des Wissensstoffes, die Erziehung zum sittlichen Wollen und' die Pflege religiösen Empfindens, Aufgaben, die sich gegenseitig durchdringen und ineinander übergehen. Dagegen soll sich der Lehrer der Beeinflussung in bezug auf das rituelle Leben, sei es nach der orthodoxen oder nach der liberalen Seite, enthalten. Das ist ein Gebiet religiöser Erziehung, das der Entscheidung der Eltern Vorbehalten bleibt. Wie wir keinen liberalen Lehrer dulden. können, der den Kindern orthodoxer Familien mit rauher Hand zerstört, was ihnen heilig sein soll, so müssen wir auch den orthodoxen Lehrer ablehnen, der die Kinder zur Beobachtung von Gebräuchen und Geboten anhalten will, die die Eltern als für sich verbindlich nicht mehr anerkennen. Es geht nicht an, die Eltern durch die Kinder erziehen zu wollen; dabei geht unfehlbar die Autorität der Eltern-oder die des Lehrers in die Brüche, und in den meisten Fällen wird das Ansehen des Lehrers schweren Schaden leiden. Der Streit der Parteien soll vor der Schule Halt machen. Meine Damen und Herren, an akademischen Lehrern, die auf die reifere Jugend eine nachhaltigere Wirkung üben könnten, haben wir bei der gesteigerten Nachfrage einen empfindlichen Mangel. Da haben meine engeren Freunde und ich es schon oft bedauert, daß nicht zum mindesten unsere jüngeren Rabbiner für diese Tätigkeit die Zeit erübrigen können. Wer wäre berufener als sie, unsere Jünglinge mit der Ethik der Propheten zu sättigen, ihnen die erhebenden und erschütternden Bilder der jüdischen Geschichte vorzusühren, sie einzuführen in die Literatur und Religionsphilosophie, ihnen die Brücke zu schlagen von jüdischer zu allgemeiner Wissenschaft? Ich weiß sehr wohl, daß eine Anzahl Rabbiner die Verpflichtung haben, eine Religionsschule zu leiten, aber die Schüler der Religionsschule überschreiten selten das 15. Lebensjahr, und eine große Zahl besuchen Volksschulen. Sollte es nicht verlockender für unsere Rabbiner sein, unsere künftige akademische Jugend in ihre Obhut zu nehmen? Diese künftigen Führer im Judentum rufen ihnen zu: „Zu Euren Kanzeln können wir nicht kommen, denn wir haben keinen Sabbat: so steigt von Euren Kanzeln zu unserem Katheder herab und waffnet uns mit dem apologetischen Rüstzeug, daß wir einst treu bewußte Anhänger und Verteidiger des Judentums werden." Wir haben bereits an einigen Religionsschulen erfahrene Lehrer zu Leitern gemacht; es wäre uns nicht schwer, auch die übrigen Religionsschulen älteren Lehrern zu übergeben. Gegenwärtig ist die Schulverwaltung oft genötigt, mit dem Unterricht junge Männer zu betrauen, denen die unterrichtliche Erfahrung noch fehlt. Diesem Uebelstande hat der Schulvorstand neuerdings abzuhelfen versucht. Einmal hat er beschlossen, trotz der örtlich zersplitterten Tätigkeit der Neligionslehrer und unter Ueberwindung von mancherlei Hindernissen, die nicht bei uns liegen, feste Lehrerstellen zu schaffen, anderseits hat er nach endlich erlangter Uebereinstimmung mit der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums die Einrichtung getroffen, daß die jungen Kandidaten, bevor sie in unseren Schulen selbständig unterrichten, einen einjährigen Vorbereitungskursus durchmachen, ähnlich wie die Kandidaten an den öffentlichen Schulen. Sie werden einem älteren Lehrer überwiesen, dessen Unterricht sie regelmäßig beizüwohnen haben. In Konferenzen sollen die einzelnen Lektionen mit dem Leiter der Anstalt besprochen werden, und vor allem, was das wichtigste ist, sollen die jungen Lehrer lernen, wie man sich auf jede Stunde stofflich und methodisch vorbereitet. Diese neue Einrichtung unserer Gemeindeverwaltung wird nicht nur uns selbst zugute kommen, sie wird auch von Nutzen für die übrigen Gemeinden sein, in denen die Kandidaten einst als Rabbiner oder Lehrer unterrichtlich tätig sein werden. Es ist uns gelungen, auch das ist ein Erfolg der letzten Jahre, einen gewissen Einfluß auf die Besetzung der Stellen an den höheren Lehranstalten zu gewinnen. Für die Königlichen Anstalten ist unser Vörschlagsrecht selbstverständlich, da wir einen Teil der Kosten tragen, aber an den städtischen Anstalten hat der frühere Zustand oft zu unerfreulichen. Folgen geführt. Die Direktoren besetzten manchmal eine vakante Stelle mit dem ersten Besten, der vielleicht der erste Bewerber, aber nicht immer der beste war. Hierin mußte eine Aenderung eintreten. Bei vielen jüdischen.Familien, die' sich der religiösen Betätigung entwöhnt Chatten, war der Religionslehrer der einzige, der dem Kinde das Judentum selbst in seiner Person verkörperte, und oft hing es von ihm ab, ob