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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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vom Lehramt zurückzutreten. Von den vielfachen Veröffentlichungen auf juristischem und staatswissenschastlichem Gebiete seien hier nur die Gutachten genannt, die in dem Aufsehen erregenden Prozeß um das Testament des Tunisieners Keid Niffim Samama in Livorno erstattet wurden, die umfassende Studien auch des jüdischen Nachlaßrechtes erforderlich machten, sowie seine Arbeiten über das Besitzrecht (Chasaka) im Ghetto. Es war nur natürlich, daß die jüdische Gemeinde einen solchen Mann in ihren Dienst zog. Seit mehr als einem Menschenalter gehört Finzi dem Vorstand der jüdischen Gemeinde als eines der tätigsten und sachkundigsten Mitglieder an. Es ist sein Verdienst, daß Dr. Margulies zum Rabbiner von Florenz berufen wurde, und es ist bekannt, daß mit dieser Berufung eine neue Epoche im geistigen Leben der Juden Italiens eingeleitet wurde. Die wertvollste Folge dieser Tätigkeit ist die Wiederbelebung — man kann es auch Neugründung nennen — des Gollegio Rabbinico Italiano. Bei der Verlegung dieses Institutes nach Florenz, bei seiner neuen Organisierung, bewährte sich Finzi als Margulies' eifrigster Mitarbeiter. Er, der selbst im jüdischen Schrifttum gut bewandert ist und mit Liebe noch heute an der Bereicherung seiner Kenntnisse arbeitet, brachte — als einziger unter den Italienern — der wissenschaftlichen Aufgabe der Anstalt volles Verständnis entgegen; seit einigen Jahren leitet er auch als Präsident die Geschicke des in erfreulicher Entwicklung befindlichen Institutes. — Mit Hingebung wirkt Finzi ferner an verschiedenen humanitären Instituten, die seiner Leitung anvertraut sind, der Alters- .versorgung, dem Kindergarten, dem Waisenhaus u. a. m.; besonders der Fürsorge für die Jugend gehört die volle Liebe seines warmen Herzens. — Für die jüdische Gemeinde ist Finzi auch literarisch tätig gewesen; er hat zur Besteuerungsfrage, die eine Lebensfrage für die Gemeinde in! Florenzist, wiederholt Stellung genommen. Obwohl sie vom Gesetze das Recht der Zwangsbesteuerung besitzt, hat die Florentiner Gemeinde, um keinen „Gewissenszwang" auszuüben, die Finanzen der Gemeinde verfallen lassen, aber die alte Steuerfreiheit gelassen; und ähnlich verfährt zu ihrem Schaden auch die Gemeinde in Rom. Finzi hat wiederholt, besonders in einem feinsinnigen Buche über „die jüdischen Gemeinden und die Gewissensfreiheit" diesen Standpunkt bekämpft und nun noch im letzten Jahre die Genugtuung erlebt, daß die Steuerumlage zum Beschluß erhoben und endlich die materielle Grundlage der sehr leistungsfähigen Gemeinde gesichert wurde. Wie in dieser Frage, so darf er aus sein ganzes Leben mit Befriedigung zurückblicken. Er begeht seinen 80. Geburtstag in körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische. Er. begeht ihn, getragen von der Liebe und Verehrung einer großen Gemeinde, einer weit verbreiteten Schar von Freunden, zu der ich mich rechnen zu dürfen als großes Glück betrachte. Mögen dem verehrten Greise noch viele Jahre ungeschwächter Arbeitskraft, beglückender Tätigkeit beschieden sein! Möge uns sein warmfühlendes treues Herz noch lange erhalten bleiben! . 5. Elbogen. ffiäaa hat die GeiminÄemrwsltung kür dir religiöse Anterwrisung unserer Jugend geleistet? Vortrag, gehalten im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischem Gemeinde, von Professor Dr. M. Türk. Geehrte Versammlung! n dem Flugblatt, das die „Jüdische Wahlvereinigung zu Berlin" verbreitet hat, ist an der Tätigkeit unserer Gemeindeverwaltung eine geradezu vernichtende Kritik geübt worden. Die Vorsteher, die Repräsentanten, die Mitglieder der Kommissionen, sie alle haben nach der Ansicht unserer G'egner „in vollkommener Verkennung ihrer Aufgaben der Indifferenz und dem Abfall Tausender Vorschub geleistet." Kein wichtiger Zweig der Verwaltung bleibt von solcher Kritik verschont, aber das schwerste Geschütz richtet das Flugblatt gegen die Sch ul Verwaltung; denn unsere Gegner- Wissen so gut wie wir, daß die Schule das Herz unserer Gemeinde ist. Wenn zu den Aufgaben einer jeden Synagogengemeinde in erster Reihe die Sorge für Kultus und Unterricht gehört, so haben unsere Weisen schon geurteilt, daß das Lehrhaus, die Schule noch, höher steht als selbst das Gotteshaus. Ist es also wahr, daß die Gemeindeverwaltung „der Unwissenheit und der Gleichgültigkeit -der Jugend Vorschub geleistet habe durch mangelnde Pflege des Religionsschulwesens", so hat sie in der Tat pflichtwidrig gehandelt. Sie werden es daher begreifen, daß wir die Schulverwaltung aus dem Rahmen der allgemeinen Berichterstattung und Rechtfertigung herausgehoben haben und ihr eine besondere Erörterung widmen wollten, und so haben wir Sie, meine Damen und Herren, heute eingeladen, mit uns die Frage zu beantworten: Was hat die Gemeindeverwaltung für die religiöse Unterweisung unserer Jugend geleistet? Ich frage nicht: Was haben die Liberalen geleistet? Denn die Gemeindeverwaltung besteht nicht nur aus Liberalen, wie manchmal irreführend behauptet wird, sondern auch aus gut konservativen Mitgliedern. Die Liberalen haben in den letzten sechs Jahren eine kleine Mehrheit gehabt, aber nie haben die Konservativen einen Antrag auf Förderung des Religionsunterrichtes gestellt, den die Liberalen äbgelehnt hätten. Hat unsere Gemeindeverwaltung Erfolge erzielt, so gebührt beiden Parteien da§ Verdienst; hat sie sich aber Versäumnisse zuschulden kommen lassen, so tragen die Konservativen nicht geringere Verantwortung als die Liberalen, und dieser Verantwortung könnten sich auch die Rabbiner nicht entziehen. Aloise Finzi.

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