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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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Karl Goldmark vom Kaiser mit Bezug auf den -von ihm erlebten. 80. Geburtstag , das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft verliehen erhallen hat, daß am 18. Aiai 1910 als dem 80. Geburtstag Goldmarks im kaiserlich königlichen Hofoperntheater dessen Tondichtung „Götz von Verl ich in gen* zur feierlichen Aufführung gelangte, daß am 18. Mai 1910 die Budapester Rniversität an Karl Goldmark das Ehrendoktorat verliehen hat, daß ferner alle musikalischen Korporationen von Bedeutung in- und außerhalb Oesterreichs den 18. Mai 1910 als den 80. Geburtstag Goldmarks feierlichst begangen haben, endlich, daß an diesem Tage im Geburtsorte Goldmarks und in dessen Gegenwart die Enthüllung einer an^diesen Tag erinnernden Gedenktafel stattgefunden hat, erscheint es geradezu possierlich, daß die Wiener Gemeindeverwaltung eine Art Kontrolle darüber anstellt, ob Karl Goldmark wirklich bereits 80 Jahre alt geworden ist oder nicht/' Der Interpellant schloß mit der Anfrage: „Ist der Herr Bürgermeister geneigt, eine unzweideutige Erklärung abzugeben, ob die Gemeinde Wien Karl Goldmark, der in den Mauern dieser Stadt seit Jahrzehnten Unvergängliches zu ihrem Ruhme geleistet hat, den schuldigen Ehrentribut zollen wolle oder nicht?" Bürgermeister Dr. Neumayer erwiderte darauf: „Ich habe in der letzten Sitzung unter Hinweis aus die authentische Mitteilung der Polizeidirektion, wonach Goldmark erst um zwei Jahre später, als/angegeben wurde, eine Antwort erteilt, und ich weiß nicht, warum heute wieder die Anfrage gestellt wird." Nun ergriff Meister Goldmark selbst das Wort. In einer Zuschrift an die „Neue Freie Presse" vom 24. Oktober sagt er: „Ich bin 1830 geboren. Als ich vor längerer Zeit — 1844 --zu Studien zwecken nach Wien ging, erhielt ich so eine Art Paß, ein „Zertifikat" von meiner damaligen Zuständigkeitsgemeinde Deutschkreuz in Ungarn. Damals brauchte man noch solche Reisebegleiter, . um sich in Wien aushalten zu dürfen — diese vorzügliche Reliquie besitze ich noch Dieser Unglückswurm hat mein Geburtsjahr mit.1832 angegeben Nach dem Tade meines Vaters fand ich in seinem Nachlasse ein Buch, auf dessen Innenseite der Decke folgendes von seiner Hand geschrieben stand: Heute wurde mir ein lieber Sohn — Karl — geboren. Keßtheleh, 18. Mai 1830." Die Matrikeni meines Geburtsortes, der Stadt Keßtheley, haben diese Angaben später bestätigt! Es ist sehr bezeichnend, daß der Wiener Gemeinderat sich nach einem Zertifikate aus dem Vormärz richtet und darauf schwört, nicht aber Schritt halten will mit der ganzen musikalischen und literarischen. Welt, auch nicht mit dem österreichischen Kaiser. ' $ .. ■ ' ' Die „Germania" veröffentlicht nachstehende Notiz: Paderborn, 21. Oktober. In seiner Festpredigt am letzten Versöhnungstage legte der Rabbiner der hiesigen Synagogengemeinde, Herr Weiler, sehr entschiedene Verwahrung ein gegen die Beschimpfungen des Katholizismus und des Papsttums durch den jüdischen Bürgermeister Nathan von Rom. Er hob hervor, die ihrer Religion treu ergebenen Juden verlangten Achtung vor ihrer religiösen Ueberzeugung, in gleicher Weise achteten sie aber auch die Ueberzeugung anderer und insbesondere der Katholiken. Auf das schärfste verurteile das religiöse Judentum solche Angriffe und weise sie mit Entrüstung zurück. Herr Weiler hat nun dem Westfälischen Volksblatt mitgeteilt, daß ihm am*16. d. M. seitens des hochwürdigen Bischofs Dr. Schulte ein in warmen, herzlichen und hochehrenden Worten abgefaßtes Dankschreiben zugestellt worden.-sei. Trotz dieser Belobigung des Herrn Rabbiners durch den hochwürdigen Bischof können wir dunseren Standpunkt nicht ändern. Wir verabscheuen jede Verunglimpfung des Judentums durch Christen und gleicherweise die des Christentums durch Juden. Was aber der BürgermeistM von Rom bei einer politischen . Feier des geeinten Italiens zu sagen hat, das hat mit seinem Judentum nicht das allergeringste zu tun. Der Bürgermeister hat als Italiener gegen den Feind Italiens gesprochen, nicht der Jude gegen den Andersgläubigen. Wir haben diese Aeußerungen nicht zu bekräftigen und keinen Anlaß, uns darüber zu entrüsten. Moste Mn?i (1850—1910). moise Finzi in Florenz, der in diesen Tagen sein 80. Lebensjahr vollendet, gehört zu .den hervorragendsten Vertretern der italienischen Jüdenheitzu den besten Trägern-ihrer alten, vornehmen Traditionen. Wenn der italienischen Jüdenheit mit Recht nachgerühmt wurde, daß sie es in allen Jahrhunderten am besten verstanden hat, innige Frömmigkeit mit großer Aufklärung, den Anschluß an die nationale Kultur mit der Pflege des jüdischen Schrifttums zu vereinen, so ist Finzi einer der edelsten Zeugen dieser immer seltener werdenden Harmonie. — Daß sein Name diesseits der Alpen selten genannt wird, liegt an der anspruchslosen Bescheidenheit des ausgezeichneten Mannes, der selbstlos die eigene Person hinter der von ihm vertretenen Sache zurücktreten läßt. Das ist das Große und Bewundernswerte an diesem Mahne, daß seine Persönlichkeit nicht minder achtunggebietend ist als seine^Fähigkeiten und seine Leistungen. Er ist Sin Mann von vorbildlichem Wandel, sein ganzes Leben ist ein Gottesdienst in des Wortes wahrster Bedeutung. Lauterste Frömmigkeit zeichnet ihn aus, ich würde ihn einen strenggläubigen Juden nennen, wenn das Wort „streng" bei seinem milden Wesen überhaupt anwendbar wäre. Seine Herzensgüte empfinden alle, die mit ihm in Berührung kommen, seine Hilfsbereitschaft, seine mit offenen Händen meist im stillen geübte Wohltätigkeit sind weithin bekannt. Das alles kommt ihm tief aus dem Herzen, aus dem Grunde eines gläubigen gottergebenen Gemütes. Die schwersten Prüfungen, die ein Vaterherz treffen können, sind ihm nicht erspart geblieben; er hat sich seine heitere, sonnige Lebensauffässung nicht trüben lassen. Im Verein mit seiner gleichgestimmten Gattin hat er den Schmerz in Demut getragen, in der Beglückung anderer suchte das seltene Paar Ersatz für das Glück, das ihm genommen war. Und seitdem ihm auch die Freundin der Jugend Hon der Seite genommen wurde, findet der würdige Greis seinen Trost in Jenseits-Gedanken, denen er oft in ergreifenden Poesien Ausdruck verleiht. Finzi ist in Florenz geboren als Sprosse einer alteingesessenen, angesehenen Familie und wurzelt durchaus in seiner Vaterstadt, mit deren großer künstlerischer und Politik scher Vergangenheit er aufs innigste vertraut ist. Er hat die gewaltigen politischen Umwälzungen in seiner Heimat, wenn auch nicht als aktiver Politiker, so doch als verständnisvoller Teilnehmer miterlebt, Seit mehr als einem halben Jahrhundert wirkt er als Advokat in seiner Heimat, und er hat in früheren Jahrzehnten eine große Praxis ausgeübt, obwohl er niemals am Sabbat oder einem jüdischen Feiertag seine Kanzlei und das Gericht betreten hat. Seine Praxis übte er vereint mit dem^als Juristen und* Politiker rühmlichst bekannten Advokaten Adriano Mari, der, während Florenz die Hauptstadt Italiens war, als Kammerpräsident und Justizminister fungierte, und Finzi nicht nur zum Berufsgenossen, sondern auch zum Vertrauten und Mitarbeiter in politischen Angelegenheiten machte. Dieser Verbindung verdankte Finzi es auch, daß er von der italienischen Regierung viele Jahre hindurch zur wissenschaftlichen Ausbildung der künftigen Diplomaten herangezogen wurde; gar mancher der heute aktiven auswärtigen Vertreter Italiens verehrt ihn als Lehrer. Auch nach-' dem für diesen Zweck später eine eigen? Lehranstalt begründet worden war, brauchte er der ihm liebgewordenen Lehrtätigkeit und wissenschaftlichen Arbeit nicht zu entsagen; er wurde Lehrer der NationqltzküNoifliaur Istituto tecnico in Florenz und wirkte dort,6$iw $oeiba§zwang.

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