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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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meinen mußte, sondern, tmfc es nur die philologisch-historische Akribie war, die Herrn Professor Lenz veranlaßte, anzudeuten, daß ein Protestant kein Katholik sein könne und ein Katholik kein Protestant, und daß' Rabbiner in der Regel nicht zu Mitgliedern der protestanti» schen ober' katholischen theologischen Fakultäten gemacht werden. - * Die „Deutsche Tageszeitung" in Berlin scheint immer mehr das Erbe der „Staatsbürger-Zeitung^ anzutreten, ja fast mehr noch als jette einen den Juden durchaus' feindlichen Standpunkt einzunehmen. Dies beweist sie zunächst durch folgende Mitteilung: Die gestern hier abgehaltene, zahlreich besuchte Versammlung des ' Bundes der.Landwirte hat auf Antrag des Herrn v. Bodelschwingh- Schwarzenhasel folgende Entschließung einstimmig angenommen: ' „Die in ausgedehntestem Maße betriebene Förderung aller zersetzender Tendenzen durch das Judentum wird mehr und mehr zu einer schweren Gefahr für das Vaterland. Es erscheint daher . nach wie vor als die Pflicht jedes christlichen und königstreuen Mannes, den Einfluß des Judentums . auf unser Volksleben mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen." In der Begründung führt der Antragsteller unter anderem aus: „Ich las heute.früh auf dem Denkstein zur Erinnerung an den Besuch Friedrich Wilhelms IV. in Tecklenburg die Worte: „Die Werke des Menschen, der von der Liebe beherrscht wird, werden getan wegen der Liebe, in der Liebe oder durch die Liebe." Da fragte ich mich: kannst du ehrlich sagen, daß der Standunkt, den du in der Judenfrage einnimmst, sich vereinen läßt uiit solcher Liebe? Und ich kann diese Frage bejahen. Aus Liebe zum Vaterlande muß ich mich wenden gegen die Gefahr, die von der jüdischen Zersetzung droht." Ich hoffe, die Tecklenburger Landwirte haben bei den Wahlen eine recht geringe Entscheidung und werden aus die Geschicke des Vaterlandes keinen sonderlichen Einfluß ausüben. Sollten sie aber diese Ausführungen lesen, so sei ihnen doch recht ernst zu Gemüte geführt, wie unlogisch, ja wie tränrig es ist, aus Liebe lieblos, aus Gerechtigkeitsgefühl ungerecht und unmenschlich zu werden. Daß in anderen Teilen des deutschen Vaterlandes der Antisemitismus abflaut, geht aus folgender Notiz des „Zwickauer Tageblatts" hervor: Wie kläglich der Antisemitismus als politische Partei in Dresden, und überhaupt wohl in Sachsen abgewirtschaftet hat, bewies eine öffentliche Versammlung, die der Dresdener „Deutsch-soziale Verein„ zum Sonntag vormittag zur Eröffnung der politischen Tätigkeit für diesen Winter einberufen hatte. Der Versammlungsort war mitten in der Stadt gewählt, sprechen sollte der Reichstagsabgeordnete Lattmann. Er sprach auch, aber zunächst, das Direktorium und Berichterstatter mitgerechnet, vor 21 Personen, die sich schließlich auf 45 vermehrten. Das ist die einstige Hochburg des Äntisemitismus! Ein zweiter Artikel der schon erwähnten „Deutschen Tageszeitung" ist überschrieben: Das Schächten ist Tierquälerei. Er sucht auszusühren, daß etwa 98 Prozent aller Tierärzte „das rituelle Schächten der Juden für eine den Forderungen der Humanität nicht entsprechende tierquälerische und darum verwerfliche Schlachtmethode halten". Der Artikelschreiber weist zur Bekräftigung seiner Behauptung auf einen Aufsatz von Professor Schmaltz in der Berliner tierärztlichen Wochenschrift hin. Dagegen ist mit aller Entschiedenheit zum hundertsten Male zu behaupten, daß die unendlich, überwiegende Zahl aller Aerzte und medizinischer Autoritäten gerade, vom Standpunkt der Humanität aus die jüdische Schlachtmethode nicht nur .rnchtz verworfen, sondern ihr vor allen anderen den Vorzug.gegeben haben. Ein merkwürdiger Artikel einer neuen Zeitschrift „D. K. E.- Blätter, Monatsschrift der. im Kartellkonvent vereinigten Korporationen", überschrieben: „Die deutsche Burschenschaft und die Inden" von P. Schindler, zeigt, daß die Burschenschaft/ die 1896' statt des gestellten Antrags: - „Die Burschenschaft steht auf dem Standpunkt des deutschen Volkstums; daher können nur Studenten deutscher Abkunft bei ihr Aufnahme finden. . Anmerkung:' Jüdische Reichsangehörige sind' nicht als Deutsche zu betrachten" folgende Resolution angenommen hatte: . „Der A. D. C. stellt fest, daß die aktiven Burschenschaften zurzeit, ebenso wie in den letzten Semestern keine jüdischen Mitglieder haben. Im Hinblick auf diese Tatsachen gibt der A. D. C. der Erwartung Ausdruck, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die. Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammensteheu werden" ihren.Grundsätzen untreu geworden sei. Sie habe zwar keine Juden, aber viele frisch oder längst getaufte Juden ausgenommen. Diese, denen der Verfasser den Vorwurf der Ehrlosigkeit nicht erspart, hätten sich gut bewährt. Der Verfasser bemerkt zum' Schluß: „Gerade daraus aber folgt nicht mehr und nicht weniger: Die beinahe 30 semestrige Entwicklung hat den Beweis erbracht, daß die Burschenschaft das Recht auf Anführung des Raffenmoments verloren hat." Er will , wohl damit, sagen: also müsse die Burschenschaf die Juden ihres Glaubens wegen ausschließen. Man muß aber dem jungen Herrn darauf antworten, daß er sehr unlogisch verführ Der einzige Schluß, den man ziehen, die einzige Forderung, die man stellen muß, ist: die Burschenschaft, wenn sie sich wirklich ihrer Vergangenheit und ihrer Grundsätze bewußt ist, muß ihren sie selbstschändenden Beschluß aufheben und den ungetausten Juden ungehindert den Eintritt gewähren. Denn die Juden besitzen dieselbe Ehre wie ihre Kommilitonen, sie kämpften und kämpfen.wie jene für die Fr e i h e i t, sie nennen mit Recht wie sie Deutschland ihr Vaterland und lieben es mit aller Inbrunst ihres Herzens. * ' Aus Wien wird uns geschrieben: Es ist geradezu staunenswert, auf welche Kniffe und Schliche di e antiscmitische Majorität des Wiener Gemeinderats mit ihrem Bürger meister an der Spitze verfallen, wenn es sich um Juden oder Judentum handelt. Die" ganze Welt weiß, daß der Komponist Karl Goldmark am 18. Mai b. I. seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, ebenso ist allbekannt, daß der Wiener Gemeinderat jeden österreichi schen Künstler bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auszuzeichnen pflegt. Das ist eine Art Lokalpatriotismus, an dem weiter nichts auszusetzen wäre, obgleich über die Qualität der vom Wiener Gemeinderate protegierten Künstler sich manches noch sagen ließe Den 80. Geburtstag Karl Goldmarks hat aber die Majorität des Wiener Gemeinderats einfach ignoriert, obgleich wir in Oesterreich keinen Ueberflnß an Tondichtern im Range Goldmarks haben. Dieser Umstand bildete den Inhalt. einer Interpellation, die der liberale Gemeinderat Dr. Mittler in der Gemeinderatssitzung vom 18. Oktober an den Bürgermeister Dr. Neumayer richtete. Die Antwort des Bürgermeisters war ebenso originell wie lächerlich: nach Ansicht der antisemitischen Majorität des Wiener Gemeinderats habe Goldmark einen Vorschuß von zwei Jahren auf seinen 80. Geburtstag genommen Goldmark habe sich absichtlich um zwei volle Jahre älter gemacht, denn in Wahrheit werde er seinen 80. Geburtstag erst zwei Jahre später feiern. Diese Antwort schien, den Interpellanten derart verblüfft zu haben, daß er darauf kein Wort der Erwiderung fand In der Gemeinderatssitzung vom 21. Oktober brachte Dr. Mittler abermals in derselben Angelegenheit eine zweite Interpellation ein, in der er ausführte: „Angesichts des Umstandes, daß der Tondichter

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