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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-11-04 · Heft 44 (4.11.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 4. November 1910 74. Jahrgang. Nr. 44 Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags * Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/<$9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-ssreis: durch den Buch» . Handel oder die post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Al. Finnland. Bon Ludwig Geiger. — Die Woche. — Morse Finzr (1830 bis 1910). Äon I. Elbogen. — Was hat die Gemeindeverwaltung für die religiöse Unterweisung unserer Jugend geleistet. Bon Professor Dr. M. Türk. — Lord Rothschild. Bon Dr. I. Chotzner. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe. Erzählung von Sam.Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Bücher einlaus. — Sprechsaal. Zder Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin- Aus der Provinz Posen, Breslau, Glogau, Görlitz, Wien. — Von Nah und Fern. . Finnland. mein unter, dieser Aufschrift in Nummer 35 dieses Blattes erschienener Artikel hat ziemliches Aufsehen gemacht. Aus mündlichen und schriftlichen Mitteilungen sowie aus Zeitungsaufsätzen, entnehme ich mannigfache Zustimmung und scharfe Entgegnung. Daß ich die trostlosen Verhältnisse der Juden Jn°Finnland richtig dargestellt habe, ist unzweifelhaft. Von einem in Finnland ansässigen angesehenen Juden sind mir unter Darlegung von Aktenstücken authentische Berichte zugegangen, aus denen hervorgeht, daß selbst Männer von cikademischer Bildung alle, sechs Monate einen Erlaubnisschein lösen müssen, um nur überhaupt das Recht zu haben, sich in Finnland aufzuhalten. Von finnischer Seite wird in der Frankfurter Zeitung vom 7. Oktober ein Artikel veröffentlicht, dessen Hauptstück so lautet: Daß Finnland in der Judenfrage eine „mittelalterliche, barbarische Gesetzgebung" hat, ist leider eine traurige Tatsache, deren sich, die Finnländer schämen müssen und auch wirklich schämen. Aber wer ist schuld daran, daß sie noch heutzutage . eine., solche Gesetzgebung besitzen? Die Finnländer nicht, sondern die russische Regierung. Auch unter den Finnländern gibt es allerdings Antisemiten: die ultrakonservative Geistlichkeit und ein Bruchteil der chauvinistischen Altfennomanen. Aber der ganze liberale Teil des Volkes — unddas ist . die überwiegende Majorität — hat seit vielen Jahrzehnten für die Emanzipation und rechtliche und bürgerliche Gleichstellung der Juden gekämpft. . Die, ganze liberale Presse legt ja Zeugnis dafür ab. Auch die Regierung des Landest— als sie liberal war — hatte in.dieser Richtung gearbeitet, es sind verschiedene Gesetzentwürfe ausgearbeitet worden, die Landtage haben sich mit der Frage.beschäftiM und noch einer der letzten Landtage reichte eine Petition an den Kaiser ein, in welcher für die Juden völlige Gleichstellung mit allen anderen Einwohnern des Landes verlangt wurde. Md das Resultat? Die Petitionen verschwinden unter dem grünen Tisch des russischen Ministerrats. Es ist also durchaus falsch, wenn man. das finnländische Vqlk in seiner Gesinnung für judenfeindlich, geschweige denn für „mittelalterlich-barbarisch" erklärt. Man könnte sagen, daß die Finnländer insofern eine Schuld an dieser Barbarei trifft, als sie damals, als sie noch eigene Herren in ihrem Hause waren, nicht energischer für Reformen in dieser Frage eintraten. Aber Finnland hatte eine sechzigjährige Untätigkeit auf legislativem Gebiet einzuholen, da sind in der hierdurch bedingten, fieberhaften organisatorischen Arbeit viele wichtige Fragen auf halbem Wege ins Stocken geraten, und als bei dem kurzen Freiheitstraum von 1906 auch die Judenfrage ihre Lösung finden sollte, da verschwand sie in der Petersburger Versenkung. Ich nehme von dieser Mitteilung Akt, habe aber meinerseits kein Wort zurückzunehmen. Gesinnung äußert sich in Taten, nicht in Worten. Wenn die Finnländer wirklich so liberal wären, wie der Artikelschreiber uns glauben machen will, so hätten sie diesen Liberalismus, den sie für Beibehaltung ihrer Institutionen in so bewundernswerten Kämpfen offenbart haben, auch den Juden gegenüber in Taten bewährt, trotz und gegen Rußland. Da sie dies jedoch nicht taten, vielmehr gegen die Juden die mittelalterlich barbarische Gesetzgebung walten ließen, so verdienen sie durchaus das Urteil, das ich ihnen gesprochen habe. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Ludwig Geiger. Die Mache. Berlin, den 1. November. ie Berliner Universitätsfeier hatte noch ein Nachspiel, das man wohl tragikomisch nennen kann. Bei dem zweiten großen Festaktus hielt der Historiker der Universität, Professor Max Lenz eine- Rede, in der eine Stelle peinliches Aussehen erregte. Wir drucken daher gern einen kleinen Artikel der „Frankfurter Zeitung" ab, dem wir vollständig beistimmen. Im ersten Morgenblatt vom 15. d. M. veröffentlichten wir eine Zuschrift, die darauf hinwies, daß bei der Festrede, die Professor Max Lenz am zweiten Tage des Berliner Universitätsjubilüums gehalten hat, ein Passus.Aufsehen erregt habe, nämlich dieser: „Keinerlei Schranken, es seien denn die der Konfession, verhindern noch den Zutritt zu den Fakultäten."; Die Zuschrift bemerkte hierzu, hier werde zum erstenmale von einem Gelehrten, dessen arische Abstammung feststehe, die systematische Zurücksetzung der deutschen Gelehrten jüdischer Konfession vor aller Welt zugegeben. Hierzu teilt nun Herr Professor Lenz mit, „daß an der betreffenden Stelle ausschließlich der Zutritt zu den theologischen Fakultäten beider Konfessionen gemeint ist." Wir stellen demnach fest, daß jener Passus nicht so aufgesaßt werden darß wie man es bei unbefangenem Lesen

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