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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 43 ► Berlin, 28. Oktober 1910 Detlasr zur ^Allgemeinen Leitung beK Judentums". lkorrelpondrn?m und Nachrichten. Deutschland. A. Berlin, 24. Oktober. In der letzten Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin sprach Herr Rabbiner Dr. Rosenthal „Ueber die Gedächtniskunst im Dienste der altjüdischen Schule". Und zwar hatte er die Schulen der talmudischen Zeit, besonders der früheren Mischna-Zeit. im Auge und suchte zu erklären, auf welchem Wege jene ungeheure Stoffmasse im Gedächtnis der Beteiligten ohne Schrift und Buch bewahrt worden ist. Bekanntlich durfte die Halacha als mündliche Lehre ursprünglich nicht ausgeschrieben werden. Der Vortragende nannte als eines jener Mittel den Reim. Er führt zuerst Beispiele an, in denen die Beugungssilben und die vorausgehenden Umlaute einen Schein des Reims hervorriefen und gab als Beispiel und Vergleichspunkt die romanische, besonders die französische Dichtung an, die sich auch mit solchen Reimen vielfach begnügt. Sodann führte er einen mehr sich als besonders geartet ausprägenden Reim, den Stabreim, und auch Teile und Spuren alphabetischer Aneinanderreihung an. Aber nicht nur die Gestaltung des Wortlauts, sondern auch die Anordnung des Stoffes nimmt dem Gedächtnisse zuliebe eine eigenartige Gestalt an. Die Unmasse ganzer Abschnitte, oft ganzer Traktate, sind in weise aneinandergereihten Merksätzen und Schlagwörtern gegeben, die Uebergänge von Abschnitt zu Abschnitt, von Ordnung zu Ordnung, von Traktat zu Traktat sehr oft angedeutet. Schließlich gab Redner Teile einer Einleitung zum besten, welche die Anfänge und Schlüsse der Mischna-Ordnungen umrahmt, den Gesamtstoff gedächtnismäßig ordnet, auch die Reihenfolge der Traktate meist enthalten und die Gebiete dem Schüler in ihrem Wesen kurz gekennzeichnet hat. Es ergab sich auch, daß solche Mischna-Stellen ihrer eigenartigen Färbung wegen, wie weit auch die Ordnung von einander getrennt, sich noch heute als Teile eines Ganzen erkennen lassen. Der Vortrag bot einen Ausschnitt aus dem Buche Rosenthals „Ueber den Zusammenhang der Mischna", das vor einiger Zeit in zweiter Auflage erschienen ist. Der Vortragende war so in seinem Arbeitsgebiete geblieben und hatte darin zugleich einen Beitrag zur Geschichte des Unterrichts im Judentum geboten. — In der Mai-Sitzung sprach Herr Dr. Kellermann über das Thema: „Die Behandlung der jüdischen Neligionsphilofophie-im Unterricht." Von einer Inhaltsangabe des Vortrages kann hier abgesehen werden, da der Vortrag im Druck erscheinen soll. *** Berlin, 24. Oktober. Wir erhalten nachstehendes Schreiben: Der jüdische Jugendbund Berlin (unter dem Protektorat der U. O. B. B.-Logen und des Zentralvereins) hat, einem lang gehegten Bedürfnis entsprechend, eigene Vereinsräume (Burgstraße 20) erworben. Wir wollen jüdischen jungen Leuten, insbesondere denen, die hier in der Großstadt fremd sind, eine Stätte errichten, an der sie sich „zu Hause" fühlen können, die ihnen Gelegenheit bietet, sich Altersgenossen anzuschließen. Die gelesensten Zeitungen dienen der Belehrung und Unterhaltung. Um jüdisches Interesse und Wissen zu vertiefen, beabsichtigen wir, eine Bibliothek zu gründen, die jüdischen jungen Leuten gratis zur Verfügung steht. Um gleich mit einer stattlicheren Anzahl von Büchern eröffnen zu können, richten wir hiermit an alle Freunde unserer Jugend die Bitte, uns zu unterstützen. So mancher hat Bücher auf seinem Regal, die für ihn fast wertlos geworden sind und uns nützen könnten. Um diese bitten wir. Gefällige Zuwendungen, sende man möglichst bald an Zahnarzt Henry Unna, W. 35, Körnerstraße 18,11. — Indem wir dem Ersuchen um Ber. öffentlichung obiger Zuschrift Nachkommen, können wir nicht umhin, folgendes zu bemerken: Wie löblich und hoch anzuerkennen die Bestrebungen des Jugendbundes auch sind, für die Gründung einer eigenen Lesehalle und Bibliothek liegt unseres Erachtens kein besonders triftiger Grund vor. Freilich hat der Vorstand des Jugendbundes das Recht, ja die Pflicht, für die geistige Fortbildung seiner Mitglieder zu sorgen, allein das kann und darf nicht auf dem von ihm eingeschlagenen Wege geschehen, der, ohne besonders großen Nutzen zu stiften, die Gefahr in sich birgt, die bereits seit zwei Dezennien bestehende und nach jeder Richtung bewährte „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" (Oranienburgerstraße 58) zu beeinträchtigen. Da diese allen Juden in Berlin zugänglich und dank der Opferwilligkeit und Umsicht ihres Vorstandes jetzt so ausgestaltet ist, daß sie auch den weitgehendsten Ansprüchen genügt, so . möchten wir der Leitung des Jugendbundes dringend empfehlen, statt eine eigene Lesehalle und Bibliothek zu gründen, lieber ihre Mitglieder zum fleißigen Besuch der bereits bestehenden anzuhalten und sich somit nicht nur die materiellen Sorgen für die Unterhaltung eines derartigen Instituts, sondern auch den Vorwurf einer Kräftezersplitterung zu ersparen. Anschließend hieran lassen wir einen kurzen Bericht über die Wirksamkeit der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek" folgen: „Das Institut wird durchschnittlich von 80 bis 100 Personen täglich besucht. Von Januar bis August d. I. betrug die Besucherzahl 21597. Das Lesepublikum setzt sich aus Studierenden, Kausleuten, Schülern, Schriftstellern, Handwerkern usm zusammen. Auch ostjüdische Durchreisende finden hier willkommene Gelegenheit, die jüdischen Blätter aus ihrer Heimat zu lesen. Es liegen in der Lesehalle etwa 80 jüdische Zeitungen aus den verschiedensten Ländern aus (so aus Deutschland, Rußland, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz. Rumänien, England, Frankreich, Amerika, Argentinien und der Türkei). Der Bücherbestand . umfaßt jetzt etwa 7000 Bände. Die Lesehalle ist wochentäglich von 10 Uhr morgens bis 9 Uhr abends ununterbrochen geöffnet. Sonnabends und Sonntags von 11 bis 2 Uhr und 7 bis 10 Uhr abends. Die Ausdehnung der Lesezeit auf den ganzen Tag erweist sich als sehr segensreich. Zu jeder Zeit befinden sich mehrere Besucher im Institute. Für viele ist es ein wahres geistiges Heim, eine Stätte seelischer Stärkung." Möge es eine solche auch für die Mitglieder des Jugendbundes fein. Li. Berlin, 24. Oktober. Am 20. Oktober verschied zu Berlin im 78. Lebensjahre eines der angesehensten und bekanntesten Mitglieder der Berliner jüdischen. Gemeinde, Kommerzienrat Carl Cohn. Zu Schmiegel in Posen geboren, und in kleinen Verhältnissen ausgewachsen, errichtete er 1866 in Berlin ein Passementerieutad Kurzwarengeschäft. Zusammen mit seinem jüngeren, vor kurzem verstorbenen Bruder Max Cohn, gelang es ihm, bis zum Tode rastlos arbeitend, durch kaufmännische Intelligenz, Energie und Zuverlässigkeit die Firma Carl Cohn in Berlin und Annaberg zu einem Welthaus zu gestalten. In den industriellen und kaufmännischen Kreisen Deutschlands, insbesondere Berlins, geachtet und geschätzt, blieb Carl Cohn selbst stets der einfache, anspruchslose, zurückhaltende Mann. Diesem Wesen entsprach es auch, daß er seine umfangreiche Wohltätigkeit fast stets im Stillen ausübte. Nur wenige wissen, wieviel Tränen dieser Mann getrocknet, wieviel Existenzen er erhalten und gesichert. Kaum eine jüdische Wohlfahrtseinrichtung zählte ihn nicht zu ihren Förderern und Gönnern. Wie er treu am Judentum hing, so bewies er auch den Stätten seiner Jugend, der Provinz Posen und seiner Vaterstadt Schmiegel dauernde Anhänglichkeit, die er oft durch die Tat bewies.. Des edlen, gütigen Mannes Andenken wird stets in Ehren gehalten werden, zahllosen Mühseligen und Beladenen aber wird er fehlen. — Carl Cohn hinterläßt eine Witwe,' die ihrem Galten in seinen Wohltätigkeitsbestrebungen stets treu zur Seite stand, vier Söhne, von denen zwei an des Vaters Seite und in seinem Geiste, zusammen mit dem Sohn des verstorbenen Max Cohn, das Geschäft leiteten, einer als Kunsthistoriker sich bereits auf dem Gebiete der Japanischen Kunst einen geachteten Namen geschaffen Hai, der vierte Verlagsbuchhändler ist. Eine Tochter ist an einen bekannten Berliner Spezialarzt verheiratet. — Berlin, 24. Oktober. Um der immer mehr um sich greifenden Taufbewegung, namentlich in den besseren Schichten Berlins, zu

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