Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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§i '1ft: ■ |£ :■;§ it;ll 16 „Ach, wie jammerschade," fuhr die. Kranke phantasierend fort, „daß wir nicht den kupfernen Kessel 'mit uns nehmen konnten; er gehörte meiner Mutter, die ihn von ihrer Mutter erhalten, und er sollte später wieder Dir gehören — da — da — siehst Du nicht. den Polizisten? — Er bringt uns das Papier mit dem großen roten Siegel — Rahel, nimm meine warme Jacke mit — nun sind wir Bettler — wohin sollen wir denn gehen? — Jetzt werden sie in meinem ehrlichen Kessel Schweinefleisch kochen! — Ach, meine Füße sind so schwer, und ich bin so müde — Rahel! Wo bist Du denn? Hörst Du mich nicht? — Sage dem Christen, daß — daß — ich ihn segne.. Rahel wendete sich weg, um ihre Tränen nicht sehen zu lassen. Nun wußte sie, was ihr bevorstand. Gregor hatte das Zimrüer leise verlaßen, und fünf Minuten später hörte man die Hufschläge eines schnell davonjagenden Pferdes. „Ich habe nach dem Arzt geschickt," sagte er einfach, als er wieder eingetreten war; „wenn er nur zeitig genug kommt." Aber er wußte ganz genau, daß er, wenn er auch auf Windesflügeln herbeieilte, dennoch zu spät kommen würde. Und so war es auch. Um Mitternacht erhob Kallasch ein fürchterliches Geheul, das nach und nach in ein schwaches Winseln überging. Nach talmudischer Auffassung besitzen die unvernünftigen Tiere, da sie keine unsterbliche Seele haben, den traurigen Vorzug, das zu sehen, was die gütige Vorsehung erbarmungsvoll den Menschenblicken entzieht. Gerade um die Zeit, da der Hund sein klagendes Gewinsel erhob, da betrat her Todesengel das kleine Zimmerchen, um seine traurige Mission zu erfüllen, um die alte Frau jene geheimnisvolle Wanderung, antreten zu lassen, deren Ziel die Ewigkeit ist. (Fortsetzung folgt.) - - Lüchereinisuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, nach Problemen dargestellt von Dr. David Neumark. 2. Band. I. Die Grundprinzipien, II. 3. Buch. Attributenlehre. 1. Hälfte: Altertum. Berlin, Verlag von Georg Reimer, 1910. Kleine Texte für theologische und philologische Vorlesungen und Hebungen. Herausgegeben von Hans Lietzmann. 64. — Die Oden Salomos.' Aus dem Syrischen übersetzt mit Anmerkungen von 2l. Ungnad und W. Staerk. Preis 0.80 Mark. Bonn, A. Markus & E. Webers Verlag, 1910. 80. Jahresbericht. Alter-Verforgungsanstalt der jüdischen Gemeinde zu Berlin. 1. April 1909 bis 81. März 1910. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald. 13. Jahrg., 4. Heft (der ganzen Reihe 36. Heft). Wien 1910. Modern Orthodoxy in the light of Orthodox Authorities by Gotthard Deutsch, Pli. D. Reprinted irom the Reform Advocate, Bloch & Newman, Puhlishers, Chicago. Oskar Rosenfeld, Die vierte Gallerie. Ein Wiener Roman. 1910. Hugo Heller ck Cie , Wien I, Bauernmarkt 3. Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619. Nach den Originalen des K. u. K, Haus-. Hof- und Staatsarchivs im Austrage der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Herausgegeben von §)r. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wachstein. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1911. Belletristische Bibliothek des „Israelit", Band IV: Mereleika. Roman aus dem galizisch-jüdischen Volksleben von L. Stachaowitz. Frankfurt a. M. 5671 (1910). Preis broschiert 2 Mark, gebunden 2.50 Mark. ' Sprechssal. Löbliche Redaktion! ezugnehmend auf die interessanten Ausführungen des Herrn Dr. Samuel Schwarz über den Gebetgestus, die in Ihrer geschätzten Zeitung vom 9. September 1910 Nr. 36 erschienen sind, erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, daß schon der unvergeßliche Abraham Geiger auf den Grund der liturgischen Unsitte des sich Bewegens während des Betens bei den Juden des Ostens aufmerksam gemacht hat. Die Begründung, die Bescht (Rabbi Israel Balschem) in einem diesbezüglichen Gebot, oder richtiger gesagt, in einer diesbezüglichen Verhaltungsmaßregel an seine Anhänger gibt, nennt Geiger mit Recht „geschmacklos". Um dieses scheinbar harte Urteil Geigers über Bescht zu begreifen, sei hier die Originalquelle aus dem Testament des letzteren angeführt. Sie lautet: DJ? JYW KTl ■n^nrna löi» ins jrnn nanna© ioai n:ra©rt Lazar Schenkel, dem wir die Veröffentlichung aller chassidistischen Legenden zu verdanken haben, hat auch das Testament Beschts herausgegeben, aus welchem ich die wirklich interessante Stelle, die Geiger treffend charakterisierte, ansühre?) Schwarz hat zwar das Richtige getroffen, wenn nach seiner klaren Auseinandersetzung die Körperbewegungen der Juden des Ostens beim Gebet sich aus dem Kniebeugen, aus dem Bücken usw. entwickelt haben. Denn wird doch in der Tat schon von Rabbi Akiba erzählt, daß seine Bewegungen während des Gebets, durch das fortwährende Bücken derart waren, daß sie ihn von einem Winkelchen der Gebetstube zum anderen, d. h. bis zum entgegengesetzten beförderten. Auffallend ist es mir nur, daß ich in älteren Kabbalawerken, die chassidistischen neueren Datums ausgenommen, keinen Hinweis darauf sinde, daß es geboten erscheine, während des Gebetes den Körper zu bewegen. Diesem letzteren Umstande ist es auch wahrscheinlich zuzuschreiben, daß die Spagniolen aller Länder ihren Gottesdienst mit feierlicher Ruhe, erhabener Würde und stiller Majestät abhalten. In Kairo, Jerusalem und Hebron besuchte ich die Synagogen der Sephardim, auch das Minjan des nunmehr verstorbenen Chacham baschi Aljaschar und nahm bei dieser Gelegenheit wahr, wie mächtig so ein stiller Gottesdienst ohne Gesten und ohne Pomp auf das religiöse Gemüt wirkt. Rabbi Jesaja Horowitz (1570 bis 1628), Verfasser des Sch’löh, der Rabbiner in Frankfurt, Prag, Posen und Krakyu war (Amude Ha-aboda 1862 11 S. 133 f.), tadelt diejenigen, welche den Körper während des Betens bewegen, indem er sagt: Durch die Körperbewegung des Betenden während des Gebetes verliert sich die Andacht. Der Sinn des Betenden kann da nicht auf Gott gerichtet sein. Wird ein Mensch, fragt Rabbi Jesaja Horowitz, der vor seinen König ehrfurchtsvoll mit einer Bitte hintritt, mit fortwährend sich bewegendem Körper seine Bitte vortragen, etwa wie des Waldes Bäume sich vor dem Winde bewegen?2) Es scheint selbst nach den Ausführungen des Herrn Dr. Schwarz festzustehen, daß man im späten Altertum schon wie auch im Mittelalter beim jüdischen Gottesdienst, abgesehen von den vorgeschriebenen Verbeugungen, im Gegensätze zum 8ch'Ioh, den Körper heftig bewegt hat, um die Andacht zu steigern- Hervorragende Geister nahmen wohl daran Anstoß, traten dagegen auf, während die mystisch veranlagten Naturen diese Art der Gottesanbetung zu einem System ausarbeiteten, wie wir dies schon bei SabataiZewi bemerken können. Sie nennen diese Art der Gottesanbetung HithpäJoth, d. h. Extase. Mit vorzüglicher Hochachtung Virovitica (Slävonien). Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann. £ «ch nehme Bezug auf meinen in Nr. 41 der „Allgemeinen Zeitung Ij des Judentums" veröffentlichten Brief und erlaube mir, in Rücksicht auf spätere Fälle zu bemerken, daß mein Name nicht Samuel Hirsch, sondern Hermann Hirsch ist. Hochachtungsvoll Herm. Hirsch. *) nnw nurum ©an rrorac "isd Krakau 1896, ©. 20. a) nb© 1878, III f. 33, Col. I und II. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin