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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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T muß! Wahrlich, ich kann es deutlich hören, wie. Dein Vater im Grabe mit den Zähnen knirscht über die Schmach, die der einzige Sohn unserm ehrlichen Hause antut." „Dann mußt Du sehr gute Ohren haben, Mutter?" war seine trockene Erwiderung; „und was die Knechte anbelangt, nun. Du jammerst mir doch den ganzen Tag den Kopf voll, wie der Inspektor Bastian, Dein getreuer-und ergebener Vertrauter und Ratgeber, fortwährend mit Arbeit überbürdet sei --Jedenfalls will ich diese Arbeit allein verrichten — — außer Du-willst mir dabei helfen." Ehe sie noch in ihrer überschäumenden Wut eine weitere Bemerkung machen konnte, hatte er schon wieder die leichte Last ausgenommen und schritt aufrecht und gerade dem Hause zu. Leise betrat er wieder das Zimmerchen und legte das Heu auf die Erde. „Das ist alles, was ich Ihnen als Lager anbieten kann," sprach er zu Rahel-- so hieß das Mädchen-das neben der Mutter stand, ihr Gesicht zärtlich und liebkosend streichelnd; „doch dort in der Kammer finden Sie ein Bärenfell, das Ihnen in der kalten Nacht gute Dienste leisten wird. Und nun werden Sie etwas Nahrung bedürfen." Er gebrauchte abermals die Vorsicht das Zimmer zu verschließen, als er sich nach der Küche begab, wo er, unbekümmert um die verblüfften Mienen der Mägde, ganz besonders der Wirtschafterin Sascha, Bastians Tochter, eigenhändig ein ganzes Brot und einen KrugMilch aus dem Speiseschranke nahm. Als er damit zu seinen Schützlingen zurückkehrte, lag die alte Frau in einem dumpfen Schlaf und ihr Atem ging kurz und unregelmäßig. Gregor brauchte nicht erst die aschfahle Blässe auf ihrem Gesichte zu betrachten, um zu wissen, was dieses Röcheln zu bedeuten habe. Rahel saß auf dem Bettrande, anscheinend ganz unbewußt und unbekümmert, was um sie vorging, „Essen Sie," sprach er kurz, ihr die Speisen hinreichend. „Ich will lieber warten, bis die Mutter erwacht und mitessen kann", war ihre leise Antwort. Er unterdrückte gewaltsam die Worte, die sich ihm aus die Lippen drängten, und wiederholte. nur einfach die Aufforderung zum Effen. Sie wollte ihm nicht widersprechen und sträubte sich nicht länger. . Er beachtete sie schweigend. Jetzt erst bemerkte er, daß sie weit jünger war, als es ihm beiden: ersten Anblick vorkam. Die traurige Spannung auf ihrem Gesicht hatte jetzt nachgelassen und zeigte jenes ovale Rund mit den feinen und reinen Linien, das der ganzen Rasse eigentümlich ist. Der trübe Schein war aus den Augen gewichen und sie erstrahlten spiegelklar im reinsten Feuer. Auch das Haar hatte sich ein wenig gelockert und ließ das glänzende tiefe Schwarz erkennen. Vorhin auf der kotigen und schmutzigen Landstraße schon waren ihm dieses Gesicht und diese Gestalt wie eine Oase in der Wüste erschienen, aber er konnte es sich nicht denken, daß die Oase sich alsobald zu einem herrlich duftenden Blumengarten verwandeln würde. Er wußte, daß die Natur unbegrenzt und unbeschränkt in ihren: Schaffen fei, hier aber war es ihm vergönnt, ein Wesen zu schauen, wo auch sie an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt war. Inzwischen aß das Mädchen weiter; anfänglich nur ganz mechanisch, als wollte sie nur seinem Wunsche Nachkommen; nach und nach aber machte der Hunger seine Rechte geltend und bestand darauf, auch ohne Nebengründe befriedigt zu werden und zu seinem Rechte zu gelangen. Plötzlich aber blickte sie auf,-als habe sie sich eben erst an etwas erinert. „Ich habe Ihnen ja noch, nicht einmal gedankt," sprach sie einfach. „Wofür denn? Sie verlangten ja> daß ich eine alte Schuld tilge, die das, Christentum in Jerusalem eingegangen, und ich tue es." . . - - „Aber die große/Welt bestreitet uns ja die Rechtmäßigkeit dieser Forderung," bemerkte sie bitter; „und Sie . . ." „Und ich befreie die große Welt von dem Vorwurf der Undankbarkeit," unterbrach er sie; doch geschah es in einem Tone, daß sie im Zweifel blieb, ob. es nur im Scherz oder im Ernst gemeint sei. „Sie scheinen traurige Erfahrungen gemacht zu haben." - „Mehr als andere; ich habe ja für zwei zu leiden gehabt," antwortete sie leise, einen Blick nach dem Bette werfend. . „Seit achtzehn Tagen hat sie in keiner menschlichen Behausung geschlafen." „Und warum, kommen Sie denn diesen Weg und zu Fuß? Warum nicht lieber mit der Eisenbahn?" „Weil wir nicht Geld genug haben, um die Fahrt zu bezahlen. Binnen drei Tagen mußten wir ja die Heimat verlassen, so daß wir keine Zeit hatten, unsere Liegenschaften zu veräußern. Denn wer würde etwas kaufen wollen, wenn er weiß, daß er nach einigen Tagen nur die Hand, auszustrecken braucht, um es umsonst zu haben. Darum packten wir nur so viele Habseligkeiten zusammen, als wir mit uns sortzutragen vermochten, und zogen hin mit Gott im Herzen und sehr wenig Geld in der Tasche. Und das wenige, was wir noch hatten, es reichte kaum für Nahrung und Obdach — wenn man leere Scheunen Und Viehställe so nennen darf. — Doch, wie ich höre, sind wir noch vier Tagereisen von unserm Ziel entfernt. Allerdings wird dort die Zahl der Einwanderer nicht so groß sein, als die der Auswanderer aus der Heimat — — denn auf dem Wege,. den wir zurückgelegt, haben wir auch fünf Gräber, als Meilensteine, als traurige Denkmäler zurückgelassen." Gregor dachte daran, daß aller Wahrscheinlichkeit nach wohl bald ein sechstes sich dazu gesellen werde; doch behielt er diesen Gedanken für sich. » - „Ich bin nur froh, daß ich gerade zu Hause war," sprach er, um sie auf andere Gedanken zu bringen. „Ich hatte sogar heute etwas Geschäftliches in der Stadt zu erledigen, und es ist ein eigentümlicher Zufall, daß ich statt dessen meinen Inspektor geschickt." Rahel antwortete nichts. Sie fand nichts Befremdliches in diesem „Zufall"; hatte sie nicht' eben erst gesagt, daß sie mit Gott im Herzen ausgezogen waren? Es war daher nichts anderes, als eine einfache Fügung Gottes. Und darum bekundete sie auch keine überschwengliche Dankbarkeit ihrem Wirte gegenüber. Gott, allein war der Helfer und dieser Christ nur das Werkzeug, das er sich auserwählt Und erkoren. ' Doch bald wurde sie an ihre Pflicht auch dem Gastgeber gegenüber erinnert. Die Kranke bewegte sich und streckte ihre Hand aus, als taste sie im Finstern herum. „Rahel," rief sie mit schwacher Stimme.. Rahel sprang beunruhigt auf. Die Stimme der Mutter klang so heiser, und nur mit großer Mühe vermochte sie, die geflüsterten Worte zu verstehen, die die bläulich gefärbten Lippen murmelten. ' „Wenn der Christ wiederkommt, sage ihm, daß ich ihm meinen Segen hinterlasse. Ich müßte mich ja schämen, das Paradies zu betreten, wenn ich wie ein wildes Tier auf der Landstraße gestorben wäre." „Aber, Mutter," rief Rahel schreckensbleich, „was sprichst Du denn? unser Wirt steht doch hier — siehst Du ihn denn nicht?"

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