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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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§13 Sittlich-religiöse Lrrirhllng und Nnterwrilung tsubltuinmWMüüer. Von I. Kolodzinskh. n. ■ n der Schule beim Anfangsunterricht, dem Lautieren, y dem sogenannten ArtikulationsünLerricht, ergeben sich gar bald Lautkomplexe, d. h. Wörter, durch die schon der eine oder der andere sittlich religiöse Begriff bezeichnet wird. Das erste Wort dieser Art, das wir unseren Schülern zu geben pflegen, ist „gut". Zur Veranschaulichung dieses Begriffs genügt für unsere Verhältnisse zunächst, daß der Lehrer, sobald das Kind etwas zu seiner Zufriedenheit gemacht hat, „gut" sagt, dies Wort also bei jeder passenden Gelegenheit absichtlich anwendet. Das Kind, das doch, wie man sich immer vor Augen halten muß, noch gar nicht sprechen kann, sieht auf den Mund und verbindet mit der Anwendung des Wortes „gut" die Wahrnehmung der Zufriedenheit des Lehrers über gutes Betragen, über Fleiß, über jede gelungene Tätigkeit. Kann das Kind gar erst das Wort sprechen, so begnüge sich der Lehrer nicht damit, das Wort seinerseits zu gebrauchen; er achte dann darauf, daß es auch vom Kinde so oft wie möglich verwendet wird. Im weiteren Verlaufe des Artikulationsunterrichtes, nachdem der Umlaut „ö" festgestellt ist, lasse ich außer der Bezeichnung des konkreten „öl" auch das dem „gut" gegenüberstehende, abstrakte „böse" sprechendem Wort, das die Kinder mich gleichfalls haben anwenden sehen. Denn wenn ein Kind) unartig war, sich mit einem anderen nicht vertragen hatte, habe ich von Anfang an das Wörtchen „böse" mit dem entsprechenden^ tadelnden Gesichtsausdrucke gesprochen; oder ich habe gedroht und das pantomimisch gezeigt, daß auch ich „böse" werden kann. Können die Kinder auch dieses Wort sprechen, so wird wieder dafür gesorgt , daß es auch richtig angewandt wird. Begriffe wie „gut" und „böse" müssen selbstverständlich später noch in der verschiedensten Weise illustriert werden. Wer von Logik auch nur eine Ahnung hat, weiß,5daß^sogar konkrete Begriffe, dem Umfange und dem Inhalte nach nicht feststehend sondern je nach dem Alter und der Erfahrung des Individuums weiter oder enger sind. Wie sollten wir imstande sein, einem taubstummen Kinde abstrakte Begriffevollkommen klar und deutlich zu übermitteln! Zur Veranschaulichung des Begriffs „böse" weise ich.beispielsweise auch aus das Bild^des Wolfes hin, der ^ein Lamm zerriffen hat. Gewöhnlich kommen die Kinder, die das Wort „Wolf" bereits kennen, ganz von selbst darauf zu sagen: „Wolf böse" oder was noch besser ist, sie sprechen gleich den richtigen Satz: „Der Wolf ist böse." Das korrespondierende Urteil „das Lamm ist gut" wird dann von den Kindern gleichfalls spontan gefällt. Auf meine Frage: „Wer ist gut?" bringen mir hierauf die Schüler aus ihrem kleinen Vokabel- und Sprachschätze andere, teils richtige, teils halbrichlige Urteile. Durch fortgesetztes Hinweisen auf den Gegensatz von „gut" und „böse" werden beide Begriffe den Kindern immer klarer, und der Lehrer hat die Freude, daß die beiden Worte meist ziemlich richtig verwendet werden. So ähnlich verfährt man im späteren Unterrichte bei der Erklärung und Deutlichmachung anderer Eigenschaftsbegriffe,, beispielsweise, um bei. ethischen zu bleiben, bei „lieb, artig, gehorsam, fleißig" und anderen. Sind alle Laute festgestellt, ihre mannigfachen Verbindungen geübt, Wörter und kleine Sätze gelernt, so beginnt erst der eigentliche Sprachunterricht; das ist für uns der An schauun gsunterricht. Wir erteilen ihn in dem Sinne, wie er vor einigen Jahrzehnten für die Volksschulen gefordert wurde. Magier, wie es die jetzige Praxis der Volksschule zeigt, für vollsinnige Kinder nicht so. unbedingt notwendig sein, für unsere Taubstummen ist er in den ersten Jahren der - wichtigste Unterrichtsgegenstand. Wir verknüpfen die Anschauung mit der Bezeichnung durch Laut- und Schriftzeichen. Wir „durchwandern" (im wahren Sinne des Wortes) die verschiedensten Anschauungskreise. Wir beginnen mit dem Schulzimmer, gehen durch Küche und Keller, Wohn- und Schlafzimmer, hinaus auf den Hof, in den Garten, auf die Straße und so fort, und da bietet sich uns sehr häufig Gelegenheit, Gemüt und Willen anzuregen, d. h. sittlich-religiös zu wirken. Wir begnügen uns beim Anschauungsunterricht nicht mit dem trockenen Aufzählen von Dingen, Tätigkeiten und Eigenschaften, wir geben unseren Kindern vielmehr eine lebendige Sprache, die sie verwenden können. Wir erregen in ihnen die verschiedensten Seiten des Gemütes, wie Freude, Schmerz, Wehmut, Mitleid. Ein so erteilter Anschauungsunterricht ersetzt dem taubstummen Kinde, allerdings ist das eum grano salis zu nehmen, das, was es bis zum Eintritt in die Anstalt entbehrt hat, nämlich die lautsprachliche Entwicklung, die das hörende Kind bis zum vollendeten sechsten Lebensjahre bereits hinter sich hat. Ein solcher Unterricht wirkt, was uns die Hauptsache sein muß, auch erziehlich ein. Wir weisen bei der Betrachtung der Natur sehr früh auf Gott hin, und so wie es die Mutter mit dem vollsinnigen Kinde macht, lehren wir das Kind frühzeitig zu dem Vater im Himmel emporschauen, zu ihm beten. Entsprechend ihrer Sprachkraft k^ten unsere kleinen Taubstummen in den ersten beiden Schul chren nur ganz kurze Sätzchen, wie „Gott ist gut" oder uterGott, ich danke dir. Amen". Im driUen Schuljahre zweigt sich dann bei uns vom Anschauungsunterrichte neben dem heimatskundlichen der biblische Geschichtsunterricht ab. Sehr viele Fachgenossen sind aber der Ansicht, daß es im dritten Schuljahre noch nicht möglich sei, biblischen Geschichtsunterricht zu erteilen, und die Kollegen haben recht. Denn was wir im dritten Schuljahr als biblische Geschichte zu bezeichnen Pflegen, ist nur ein biblischer Anschauungsunterricht. Wir beginnen nämlich mit der Besprechung biblischer Bilder. Es ist dies eigentlich nur ein Vorbereitungskursus auf den biblischen Geschichtsunterricht. Durch das Besprechen der Bilder machen wir unsere Schüler mit den wichtigsten Personen undden bedeutendsten Momenten der biblischen Geschichte ein wenig bekannt. Denn das Erfassen einer Erzählung durch die Lautsprache macht dem Taubstummen überhaupt, ganz besonders aber in den ersten Schuljahren, ungeheure Schwierigkeiten. Dabei handelt es sich nicht bloß um das äußere Erfassen durch das Absehen vom Munde. Die Hauptschwierigkeit für den Taubstummen liegt vielmehr in seiner geringen Fähigkeit, sich in die Situation einer so vergangenen Zeit, wie sie uns die biblische Geschichte darstellt, hineinzuversetzen. Unsere Kinder sind im Gegensatz zu gleichalterigen hörenden Kindern phantasiearm. Viel eindringlicher als eine Erzählung redet zu ihnen, den Augenmenschen, das Bild, das wir sie beschreiben lassen. Von den Bildersammlungen, die für unsere Zwecke verwendet werden können, ist wohl die bekannteste und bestes) die von Schnorr von Carolsfeld: „Die Bibel in Bildern", 160 Darstellungen aus dem alten.Testament. Auch die Doresche Prachtbibel läßt sich für unseren Unterricht gut verwenden. Bei unserem biblischen Anschauungsunterricht sangen wir gleich mit Adam und Eva an. Wir zeigen das Bild, auf dem die Vertreibung aus dem Paradiese dargestellt ist. Wir 1) Auch die biblischen Bilder von Wangemann. Röber und anderen find empfehlenswert.

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