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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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Vollendung seiner Seesener Stiftung. Hier sollte Israels Jugend, in welcher er die Trägerin der Zukunft des Judentums erblickte, mit Verständnis nnd in wahrer Innigkeit beten. Innigkeit des Gebetes ist aber ohne dessen Verständnis nicht möglich. Es kam ihm darum zuvörderst auf die Vermittlung des letzeren an, um die erstere möglich zu machen. So richtete er denn auch in seiner Eigenschaft als Präsident des Königlichen Westfälischen Konsistoriums der Israeliten sein Augenmerk vornehmlich auf die Umgestaltung des traditionellen Gottesdienstes. Jacobson wollte aber nicht „einreißen und zerstören", vielmehr „pflanzen und aufbauen", dem Judentum neue Kräfte zuführen, um dessen Bestand zu sichern. Das war die große und herrliche Ausgabe, die er sich gestellt hatte, und an deren Lösung seine Stiftungen in Seesen mithelsen sollten. Bei seiner unbestrittenen Kenntnis * des hebräischen Schrifttums und der darin wurzelnden echten Religiosität leitete ihn bei allem, was er unternahm, die Liebe zum Judentum. Mit solcher Gesinnung begann er sein Werk und nicht ohne Pietät für das Althergebrachte. Darum wollte er die wesentlichen Bestandteile unseres Gottesdienstes erhalten und nur das ausgesondert wissen, was mit dem Denken und Fühlen seiner Zeit nicht mehr im Einklänge stand. Die Prüfung unserer Gebete in bezug auf Inhalt und Form geschah denn im Vereine mit gleichgesinnten, sachverständigen Zeitgenossen, geleitet von den erwähnten Grundgedanken. Aber auch die Sprache, in welcher gebetet werden sollte, war Jacobson nicht gleichglütig; es lag ihm daran, daß neben den in hebräischer Sprache zu sprechenden Gebeten auch in der Muttersprache gebetet wurde, wie in seinem Gotteshause der deutsche Gesang mit Orgelbegleitung seinen Platz fand. Dem Zwecke der Erbauung sollte auch die deutsche Predigt dienen. Die Form welche der Stifter unserer Anstalt vor jetzt 100 Jahren dem Gottesdienst im — JT’D — Jakobstempel, wie er seine Synagoge nannte, gab, hat sich im wesentlichen bis heute erhalten und im Laufe der Zeit in manchen deutschen Synagogen Nachahmung gefunden. Was Männer wie Salomon,Holdheim, Geiger u. a. in bezug auf Verinnerlichung unseres Gottesdienstes erstrebten, hatte Jacobson in seinem Seesener Tempel bereits praktisch durchgeführt. Aber auch die Anregungen, Pläne und Vorschläge zur Verbesserung unserer gottesdienstlichen Formen, die von einzelnen, in der liberalen Bewegung der Jetztzeit stehenden Personen der Oeffentlichkeit unterbreitet wurden, decken sich fast vollständig mit dem, was seit einem Jahrhundert im hiesigen Tempel verwirklicht ist. Damals wie jetzt ging man bei dem Versuche der Reformierung unseres Gottesdienstes von der Ueberzeugung aus, daß das belebende Agens desselben die Beteiligung der Gemeinde sein müsse. Die oft langen Gebete, welche in der von den weitaus meisten Besuchern des Gotteshauses , nicht verstandenen hebräischen Sprache abgefaßt sind, wirken ermüdend .und lassen den Betenden ohne innere Teilnahme. Die hebräischen Gebete sollten darum schon im Jakobstempel in responsorischer Weise zwischen Vorbeter und Gemeinde vorgetragen werden und anderseits wieder abwechseln mit deutschen Gesängen und Gebeten, letztere teils vom Vorbeter laut und teils als stille Gebete von der Gemeinde gesprochen. Nach diesen Grundsätzen richtete Jacobson den Gottesdienst in dev hiesigen Synagoge ein, und es dürfte für die Freunde! der liberalen Bestrebungen auf Hebung des Gottesdienstes von.Interesse sein, die noch jetzt hier bestehende Gebetordnung kennen zu lernen. Ich lasse dieselbe darum in ihren Häuptteilen folgen: . A. Freitag abend:; - 1. Deutsches Einleitungsgebet (freie Uebersetzung von 12D Hö). 2. NN (drei Strophen mit Orgelbegleitung). 3. Sabbatpsalm, vom Vorbeter laut gesprochen. 4. Kaddisch und Borchu: Rezitativ und Chor. 5. Deutsches Gebet (dem Inhalt der beiden Segenssprüche vor entsprechend). 6. (Absatz 1 teils Gesang, teils lauter Vortrag; Absatz 2 und 3 als stilles Gebet). 7. Deutsches Gebet (dem Inhalt des ..HD'SEtfl an gepaßt). 8. •HötiP (Vorbeter und Chor abwechselnd mit Orgel). 9. T’filloh (stilles Gebet). 10. Wajchullu, Kiddusch, Schluß-Kaddisch. 11. Deutscher Schlußgesang (Psalm). B. Sabbatvormittag. 1. Deutsches Einleitungsgebet. 2. Boruch scheomar bis batischbochot. 3. Psalmrezitativ (Vorbeter und Gemeinde abwechselnd). 4. Jischtabach, Kaddisch, Borachu (wie oben). 5. Deutsches Gebet (wie oben: Segenssprüche vor sch'ma). 6. Sch’ma (wie oben). 7. T’filloh (laut, teils hebräisch, teils deutsch). 8. Thora-Vorlesung (gekürzt, hebräisch und deutsch). 9. Prophetenabschnitt (deutsch). 10. Deutsches Gebet für den Landesfürsten. 11. Schluß-Kaddisch. 12. En Kelohenu oder deutscher Schlußgesang (Psalm). Der Gottesdienst an den Wallfahr tsfesten schließt sich in seinen Hauptteilen an diese Ordnung an unter entsprechender Auswahl der Psalmen. Hallel und Priestersegen werden, als Solo- und Choxgesang abwechselnd, eingefügt. Vor und nach der Predigt wird ein deutsches Lied gesungen. An den Jamim noraim lehnt sich der Gottesdienst jetzt an das Gebetbuch der Hamburger Tempelgemeinde an. Die vorstehende Gebetordnung dürfte all den Anforderungen gerecht werden, welche ganz besonders in der jüngsten Zeit vielfach an einen würdigen Gottesdienst gestellt wurden. Ist unser Gottesdienst gleichwohl ursprünglich nur für die Schüler unserer Anstalt gedacht, so nehmen an demselben heute auch Erwachsene, die Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde, wie die aus dem In- und Auslande häufig^hier weilenden Eltern und Verwandten unserer Zöglinge teil. Obwohl die letzteren vielfach aus großen Städten kommen, wo sie Gelegenheit hatten, einen wohlgeleiteten Gottesdienst zu besuchen, so äußerten sie doch nicht selten ihre Anerkennung über die einfache, aber doch abwechselungsreiche Liturgie, über die rege Beteiligung der Schüler und Erwachsenen wie über die ganze erhebende und erbauende Wirkung unseres Gottesdienstes aus seine Besucher. Und das ist der beste Erfolg! Was Israel Jacobson mit der Tempelgründung gewollt hat, dürfte ihm vollkommen, soweit Menschenwerk überhaupt vollkommen sein kann, gelungen sein. Er gab dem Gottesdienste eine den Ansprüchen der Zeit gerecht werdende Form, er förderte das Verständnis der Gebete und hob-dadurch die Andacht. Möge die Saat, die er ausgestreut hat, auch fernerhin reiche Früchte bringen zur Ehve Gottes und des Judentums Möge, das Werk für alle Zeit seinen Schöpfer rühmen!

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