Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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trug auf dem Titel das Motto: „Wehe euch, die ihr Land und Meer umziehet, um einen Proselhten zu machen, und hernach ist er ein Kind der Hölle zwiefach mehr denn ihr selbst." Deutlch-Milche Klsntsgenbkktzer vor Ishrrn. ^^apans exotischer Aufstieg auch als Wirtschaftsmacht und y sein neuzuregelndes Handelsverhältnis zum deutschen Reiche verleihen einem Buche gesteigerten Anspruch auf Beachtung, das vor zehn Jahren bereits erschienen und vor 50 Jahren geschrieben worden ist. „Nach Ostasien" ist. es benannt, und der Verfasser der in ihm zusammengestellten Reiseberichte ist der spätere Minister unter Bismarck, Graf Friedrich zu Eulenburg. Im Jahre 1860 war er von dem damaligen Preußischen Ministerium nach Ostasien entsandt worden, um mit Japan und China vornehmlich Handelsverträge abzuschließen. Seine Beobachtungen und Erlebnisse hat er unter dem frischen Eindrücke des Sehens und Geschehens ausgezeichnet und als Briefe an seinen Bruder gerichtet, den Vater des vielgenannten Fürsten Philipp zu Eulenburg. 40 Jahre nach ihrer Niederschrift hat der damalige Botschafter in Wien die Briefe seines Onkels veröffentlicht; eine wirklich verdienstliche Tat. An dieser Stelle kann aus dem ausgezeichneten Buche nur eine an sich weniger bedeutende Episode herausgehoben werden, ein Zusammentreffen des Grafen mit zwei jüdischen Plantagenbesitzern auf Ceylon. Er berichtet von Candy aus (S. 39 ff. des Buches): „Kaum sind wir angekommen, so erscheinen zwei Brüder Worms, deutsche Juden, alte Junggesellen von 55 bis 60 Jahren, Besitzer der größten Kaffeepflanzungen in der Umgegend. Sie bitten uns, sie zu besuchen. Wir folgen dieser Einladung sogleich, .indem wir zu Fuß etwa eine Viertelmeile zu ihnen gehen. Nachdem wir in den Kaffeebergen umhergewandert sind und uns alles haben erklären lassen, gingen wir in ihre Wohnung. Denkt Euch ein einstöckiges aus vier Zimmern bestehendes Haus (hier Vungalo genannt), mit Stroh gedeckt, d. h. mit strohartigen Blättern. Die Stuben haben keine Decken, sondern man sieht in die Spitze des Daches. In einem Zimmer wird gegeffen. Dann hat jeder Bruder ein Schlafzimmer, und in einem Zimmer stehen zwei Geldkasten, zwischen denen ein wütender Bulldogg angebunden ist. Das ist der Palast dieser sehr reichen Leute, der erst von einem Zirkel von wenigstens zwölf Hunden und dann von einem kleinen botanischen Garten umgeben ist. Wir trinken vortrefflichen Kaffee, in der Gesellschaft von unzähligen Katzen, die teils auf den freigebliebenen Stühlen, teils auf den Lehnen unserer Stühle, auf den Knien oder auf dem Tische sitzen. Seiner Zeit ist der Prinz Waldemar bei ihnen gewesen; sie erzählen viel von ihm und fügen immer hinzu: „es war ein sehr ordentlicher Mann." Graf Eulenburg hat sich offenbar bei den jüdischen Pflanzern wohl gefühlt. Am folgenden Tage kehrt er noch zweimal bei ihnen ein. Er erzählt darüber: „Morgens gegen 7 Uhr fahren wir weiter und zunächst wieder zu den Brüdern Worms, bei denen uns der Weg vorüberführt und bei denen wir Kaffee trinken. Ein paar englische Meilen weit haben wir, indem wir immerfort ein wenig steigen, links prachtvoll bewaldete Berge mit zahlreich herabströmenden Quellen, rechts sich in die Tiefe senkende Kaffeepflanzungen, die bis hart an den Weg stoßen und von diesem durch allerliebste, ' kurzgehaltene Rosenhecken getrennt sind." Auch bei der Rückkehr von diesem Äusfluge erfolgte noch einmal ein Verweilen bei den zahlreichen Landsleuten. ,Bei den Brüdern Worms sprächen wir wieder ein, um . ein vorzügliches Frühstück zu verzehren. Etwas teuer muß die Bewirtung einer Kaffee-Plantage doch sein. Sie beschäftigen 1200 Arbeiter; von denen jeder mindestens fünf Silbergröschen täglich erhält. Außerdem haben sie bloß des Düngers wegen 300 Stück Vieh, das sie sonst nicht verwerten können, denn Milch gibt dasselbe fast gar nicht, und Fletsch essen die Leute nicht." Wie gesagt, die Begegnung mit den Brüdern Worms ist nur eine kleine Episode unter viel bedeutenderen Vorgängen. Sie regt in uns doch mancherlei Betrachtungen an und zunächst die Frage: Wie mag es gekommen sein, daß solche wirtschaftliche Pioniere schließlich dem Deutschtum verloren gingen und Erbe und ihre Erbin heute für unsere Rivalen wirken? Und noch an eins muß man denken: Wenn der Kronprinz auf seiner Studienreise nach Indien nun auch mit deutschjüdischen Pflanzern oder Großkaufleuten Zusammentreffen und nach dem Vorbilde des Prinzen Waldemar ihre Gastfreundschaft nicht ausschlagen sollte, wie würden dann seine „völkischen" Vergötterer aus einem gewissen Lager aus sämtlichen „völkischen" Himmeln gefallen erscheinen! 8. A. C. hundert Jahre im Dienltr des reUgiölen Fortschritts. Von A. Stern, Seesen a. H. Cäugst vor Abraham Geigers Wirken, dem in jüdischen Blättern während der letzten Monate vielfach gehuldigt wurde, begegnen wir Männern, die dasselbe Ziel, dem er zustrebte, im Auge hatten und in mehr oder weniger erfolgreicher Arbeit zu erreichen suchten. Zu ihnen gehört Israel Jacobson, ein begeisterter Anhänger Mendelssohnscher Gedanken und Lehren, welcher bereits im Jahre 1801 durch Gründung der Jacobson- Schule in Seesen und durch die im Jahre 1810 erfolgte Weihe des „Jakobstempels" daselbst praktisch anbahnte, was später Geiger in unverdrossener Arbeit als sein Lebenswerk förderte. So blickt denn in diesem Jahre auch der Jakobstempel in Seesen auf ein 100 jähriges Bestehen zurück. Die Bedeutung, welche diese im Sinne eines zeitgemäßen Fortschritts erfolgte Tempelgründung auch für die Gesamtheit des liberalen Judentums hat, veranlaßt mich, ihr in diesen Blättern ein Wort des Gedenkens zu widmen. Israel Jacobson, von modernem Geiste erfüllt, von hochherziger, wahrhaft frommer Gesinnung beseelt, hatte es längst erkannt, daß neben der Erhöhung des Bildungsgrades seiner Gläubensbrüder auch deren religiöse Erhebung eine unabweis-- bare Notwendigkeit sei. Niemand hat es tiefer empfunden als er, daß alle Aufklärung und Bildung der Religion nicht entraten könne. Keine Geistesbildung ohne Herzensbildung. War doch sein ganzes Wirken ein Gottesdienst im wahrsten Sinne des Wortes. Der jüdische Kultus, wie er in damaliger Zeit noch allgemein war, befriedigte aber das religiöse Bedürfnis vieler nicht mehr. Er mußte darum, sollte er seinem Zwecke mit Erfolg dienen, andere Formen annehmen. Aus dieser Erkenntnis heraus entsprang denn bei Jacobson der Entschluß, ein Gotteshaus an der Stätte zu schaffen, wo bereits seine Pflanzung blühte. Und erst in der Weihe des Tempels sah er die