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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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die Karrikatur des Ideals an dem Ideal selbst irre machen? Jede gesunde Frömuligkeit wird das Bedürfnis in sich tragen, dem Schutze Gottes auch den Nächsten zu empfehlen. Denn dieser Begriff kann sich seiner ganzen Natur nach nicht auf Fernerstehende beziehen, sondern nur aus die wirklich Nächststehenden. Wer darf sich unterfangen, über das abzusprechen, was vermöge der Fürbitte als Band von dem Einen zum Anderen gewoben wird? Wer darf sich vermessen, mit den Formeln der Mechanik das abzuschätzen, was hoch über das bloße Naturleben hinaushebt? Seele, willst Du dieses finden — Such's bei keiner Kreatur. Laß, was irdisch ist, entschwinden. Schwing Dich über die Natur. Ob es wohl überhaupt in irgendeiner Form echte Frömmigkeit gibt, die diesen supranaturalen Zug nicht in sich trägt? Was hat derselbe aber mit dem Fürwahrhalten irgendwelcher mirakulös gefärbten Legenden in unseren Geschichtsquellen zu tun? Genug — das ernsteste aller Probleme, mit welchen die Theologie, heiße sie, wie sie wolle, zu tun hat, hat sich für mich stets gerne mit der Erinnerung an jene einfache und schmucklose Synagoge verbunden. Daß gerade diese Erinnerung so oft neu geweckt wurde, führt sich jedoch zugleich auf ein Gastgeschenk zurück, welches mich später von Universität zu Universität begleitet hat. Es war ein Gebetbuch, welches auf der einen Seite den hebräischen Text brachte, auf der anderen den deutschen. Ich sagte absichtlich nicht: von Stadt zu Stadt, sondern von Universität zu Universität. Denn ich kann auch an dieser Stelle nur wiederholen, was unzählige Male im Kolleg und Seminar bei der Vorlage jenes Buches bemerkt wurde. Der Titel desselben hieß einfach „Gebete der Israeliten". Die Uebersetzung ist von Mannheimer. Die von mir benutzte siebente Auflage war Wien 1857 erschienen. Die darin enthaltenen Gebete hätte ich mir fast alle aneignen können. Natürlich fehlten darin, die nationalen Hoffnungen nicht, an welche die unzerstörbare .Kraft eines so schwer niedergeworsenen Volkes sich stets wieder anklammern konnte. Dieselben waren aber doch nur eine für mich untergeordnete Zutat gegenüber der Erhebung zu dem einen Gott, den jene Gebete insgesamt anriefen. Das gleiche Kriterium habe ich nachmals bei der Vergleichung zwischen Vergänglichem und Bleibendem bei der Imitatio Christi des Thomas von Kempen so gut wie bei Luthers Auslegung des Vaterunser, bei John Bunyans The pilgrims progress so gut wie bei Zschokkes Stunden der Andacht anlegen gelernt. Denn in ihnen quillt etwas auf, was unendlich höher steht als die Gegensätze katholischer und protestantischer Dogmatik, staatskirchlicher oder separatistischer Gemeindeverfasfnng, aber auch jüdischer und christlicher Gottesgelahrtheit. Denn der Gott, an den jene Gebete sich richteten, war wahrlich' kein bloßer Nationalgott. Es war der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Vater aller Menschenkinder. Beinahe noch ergreifender als das eben geschilderte Buch und als die Feier in der Synagoge ist mir ein persönlicher Eindruck gewesen, welchen ich bei dem ersten Besuche des weltberühmten Klageplatzes an der Tempelmauer empfing. Die Jerusalemer Juden gehörten damals fast ausschließlich zu dem ärmsten Teil der Bevölkerung, lebten von den Kollekten bei ihren europäischen und amerikanischen Glaubensgenossen. Auch der andersgläubige Besucher wurde von ihnen, wo sich nur irgendeine Gelegenheit fand, um das bekannte-Bakschisch angegangen. Das konnte also auch an jenem Klageplatz als dem von den Fremden besuchtesten Orte nicht ausbleiben. Auch bei meinem ersten Besuche trat der oder jener Beter von her Mauer zurück und bettelte. Aber mit welchem heiligen Zorn ist mein guter Dragoman über diese Leute hergefallen. Es war ihm ersichtlich furchtbar peinlich, daß der von ihm Geleitete, den er in das Gute und Heilige in seinem Jerusalem .einführen wollte, nun gleich diese Auswüchse sehen sollte. Das Gebet zur Schaustellung erniedrigt zu sehen — es stieß den Mann ab. Bischof Mermillod hat sich zur Zeit des schweizerischen Kulturkampfes im Gebetstuhl knieend photographieren lassen. (Ich habe dieses Bild durch Bundesrat Welti kennen gelernt.) Aber in jenem einfachen Manne aus dem Volke lebte die gleiche Empfindung, aus welcher die scharfen Worte der Bergpredigt und der antipharisäischen Rede gegen das Gebet auf den Straßen hervorgingen: Bei den Szenen des griechischen und lateinischen Osterfestes habe ich mich schon damals gefragt: wo ist denn mehr vom Geiste des Evangeliums zu finden, in jenem prunkvollen Kirchentum oder in der ärmlichen Synagoge, in der Inquisition oder im Martyrium? Es ist ein gesetzestreuer Anhänger der Peruschim gewesen, von dem ich erzählte. Manches Gespräch mit ihm und seinen Gesinnungsgenossen hat auch in die fortdauernde Verschiedenheit der Anschauungen Hineinblicken lassen. Es hat sich dabei stets um freundschaftliche Fragen und Antworten von hüben und drüben gehandelt. Aber die „Unterscheidungslehren" sind mir gerade auf diesem Wege doppelt klar geworden. Mehr als einmal ist es zur Sprache gekommen, weshalb, für die gesetzestreue Orthodoxie Jesus nicht der Christus sein konnte. „Er hatte den Sabbat gebrochen". Man kann das Wort, daß der Mensch nicht um des Sabbats, sondern der Sabbat um des Menschen willen da sei, das des freiesten Denkers nennen, der je die Erde betrat. Die rabbinischen Parallelstellen waren mir nicht unbekannt geblieben. Aber ebenso deutlich ist es mir gerade bei jenen freundschaftlichen Gesprächen zum Bewußtsein gekommen, daß die Frömmigkeit meiner jüdischen Jerusalemer Freunde einen anderen Charakter trug als diejenige Jesu. Trotzdem ist sie mir jedoch als eine echte innerliche Frömmigkeit erschienen. Wie jubelte das Vaterherz meines Dragoman, als er von der noch nicht erwachsenen Tochter erzählte, welche freiwillig die für sie noch nicht verpflichtenden strengen Fastengebote aus sich genommen hatte. Ebenso wenig konnte ich die besorgten Blicke und die warmen Händedrücke vergessen, mit denen mehr als eine Patriarchengestalt mich begrüßte, als ich nach bösem Fieberansall noch bleich und angegriffen das Judenviertel zum erstenmal wieder betrat. Es ist fast ein halbes Jahrhundert seit den Tagen vergangen, von denen ich eben erzählte. Der Nachklang derselben klingt mir persönlich am deutlichsten entgegen in dem für „die Bibelleser in der Gemeinde" bestimmten Hilfsbüchlein über den Entwicklungsgang des Lebens Jesu im Wortlaut der drei ersten Evangelien. Neben diesem lebenslänglichen Mittelpunkt meiner Studien habe ich aber auch noch anderes auf- und mitnehmen dürfen. Der Gegensatz zwischen dementweihten Golgatha und den: menschen-entrückten Gethsemane hat schon der ersten Auflage meines kirchengeschichtlichen Handbuchs denEharakter ausgeprägt.. Damit hing dann noch ein Drittes zusammen, nämlich der Abscheu gegen jede Form der Proselytenmacherei. Die Bedenken gegen die modische Form der Judenmission waren ja längst in grundlegender Art in. dem gehaltreichsten.Werke der neueren protestantischen Theologie niedergelegt: in Rothes theologischer. Ethik. Wenn ich mich aber auch in dieser Beziehung stets wieder ebenso wie durchweg als seinen Schüler gefühlt habe, so haben doch auch die eigenen Erlebnisse in dem Jerusalem von 1862 ein Beträchtliches dazu beigetragen. Schon, das.im Jahre 1869 erschienene Buch „Welche Wege führen nach Rom?"

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