Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Familie Montefiore stammt aus Italien, aus dem gleichnamigen Städtchen. Der Großvater des Gefeierten ging im Jahre 1752 mitseiner livornesischen Frau nach London, wo er sich als Kaufmann niederließ. Einer seiner Söhne — er hinterließ 17 Kinder — machte sich als Schriftsteller bekannt, ein anderer wurde Strohhuthändler und hatte als solcher wiederholt in Italien zu tun. Auf der ersten Reise in diesem Lande begleitete ihn seine Gattin, die Tochter des Begründers der Weltfirma Mocatta & Goldsmid. Während eines Aufenthaltes in Livorno gebar sie ihm einen Sohn, und zwar — wie aus den noch vorhandenen Matrikeln hervorgeht — am 24. Oktober 1784. Der Knabe erhielt den Namen Moses Chaim. Unser Jubilar ist somit nicht nur der Abstammung, sondern der Geburt nach halb Italiener, halb Engländer gewesen. Die Schule, die er in London besuchte, verließ er frühzeitig, um in verschiedenen Geschäften Dienste zu leisten. Später schloß er sich dem aus Furcht vor einer napoleonischen Invasion hervorgegangenen Freiwilligenkorps an, in welchem er es bis zum Hauptmann brachte; als solcher mag er. sich, da er sechs Fuß drei Zoll maß und recht hübsch gewesen sein soll, nicht übel ausgenommen haben. Seine gewinnenden Umgangsformen kamen ihm in der Laufbahn, der er sich endgültig zuwandte, vortrefflich zu statten. Er kaufte sich nämlich die Stelle eines der konzessionierten jüdischen Börsenmakler, deren Anzahl damals gesetzlich aus zwölf beschränkt war.. Seinen jüngeren Bruder Abraham — außerdem hatte er, noch sechs Geschwister — nahm er zum Gesellschafter. 1812 verheiratete er sich mit einem gebildeten gemütvollen Mädchen aus sehr reichem Hause, Judith Cohen; diese Ehe, welche fünfzig Jahre dauerte, gestaltete sich äußerst glücklich, blieb aber.kinderlos. Die geliebte und liebende Frau machte die ersten drei Orientreisen ihres Gatten mit. Dieser rief nach ihrem Tode ihren<Andenken zu Ehren eine ganze Reihe wohltätiger Stiftungen ins Leben. Dadurch, daß die Montifiores mit dem ersten Londoner Rothschild mehrfach verschwägert waren, erhielten sie Gelegenheit, sehr reich zu werden. Moses, konnte sich schon im Alter von etwa fünfzig.Jahren von der Börse zurückziehen und seine ferneren Tage zwischen ^beschaulicher Zurückgezogenheit und tatkräftiger Wohltätigkeit teilen. Anfänglich bekleidete er mehrere politisch-administrative Ehrenämter — er war Sheriff von London, Sheriff der Grafschaft Kent, Friedensrichter in Ramsgate usw. —; auch ^bekümmerte er sich noch viele Jahre hindurch um die kommunalen Interessen der hauptstädtischen Judengemeinde und stand bis zu seinem 90. Geburtstage an der Spitze ihrer Verwaltungsbehörde (des Board of Deputies); ferner, überwachte er die Leitung einiger.Versicherungsanstalten und Jndustriegesellschaften, die er einst begründet hatte und deren Präsident er bis zu seinem Tode war. Allein in den restlichen Lebensjahren stand er alledem begreiflicherweise fern und in den letzten zehn Jahren verließ er kaum jemals mehr sein in überaus gesunder Lage stehendes Haus „East-Cliff“ in Ramsgate, das er 55 Jahre besaß und in dessen Nähe er in den ersten ^Besitzjahren sofort eine Synagoge erbauen ließ, welcher später ein Asyl für arme alte Rabbiner folgte. Montefiore war bis zu seinem Lebensabend geistig vollkommen frisch, physisch befriedigend gesund. Er plauderte gern und lebhaft, las ohne Brille, fuhr fast täglich aus und führte mit Hilfe einiger Sekretäre einen starken internationalen, polyglotten Briefwechsel. Er vergaß nie, seinen alten Freunden bei gegebener Gelegenheit zu gratulieren oder zu kondolieren. Sein Wahlspruch lautete nicht, seiner Praxis entsprechend: „Denke und handle", sondern bloß: „Denke und danke". Er lebte zuletzt von Milch, Portwein, Suppe und Butterbrot. Sein Gedächtnis war als Hundertjähriger gut, seine hohe Gestalt wenig gebeugt, sein Lieblingsthema die fortschreitende Entwicklung der sozialen und politischen Stellung seiner Glaubensgenossen. Königin Viktoria erhob ihn im Jahre ihrer Thronbesteigung in den Ritterstand und verlieh ihm neun Jahre später, nach der Rückkehr von seiner ersten russischen Mission, den Freiherrntitel. Auf seine Pilgerfahrten sind hebräische Oden gedichtet worden, und nicht wenige Predigten haben sich an seine Taten geknüpft. Wir glauben nicht, daß irgend ein anderer berühmter Mann in diesem Jahrtausend ein so hohes Alter erreicht hat wie der Einsiedler von East-Cdiff. Er war der Doyen aller Menschenfreunde. Gememlame Euhunftsaufgaben Milcher und christlicher Theologie. Ein Ausblick vom Nebo. Von F. Nipp old. III. och all das sind äußerliche Dinge, die nur als Rahmenin Betracht kommen für das, was ich als bleibenden inneren Gewinn mitnehmen durste. Denn dieser lag in dem Einblick in eine ernste Frömmigkeit. Obenan galt dies von dem tiefsten Mysterium jedes echten Kultus — der Anrufung des Ewigen und Heiligen im Gebet. Gerne entsinne ich niich noch heute eines an sich untergeordneten Vorgangs. In einer der Synagogen fand nämlich in Anwesenheit des vorerwähnten Gesandten ein Festgottesdienst statt, zu dem auch ich eingeladen war. Genau so wie in den christlichen Kirchen wurde dabei auch in dem offiziellen Schlußgebet der Könige der Länder gedacht, deren Angehörige anwesend waren. Im Anschluß daran aber glaubte ich mitten unter den hebräischen Worten auch den Namen Dubois zu hören, und gleich nachher sogar meinen eigenen. Die Vermutung erwies sich als richtig. Es hatte die gleiche Fürbitte für die Gäste stattgefunden, welche von dem Apostel Paulus in die Griechen- und Römerwelt hineingetragen wurde durch die mit der jüdischen Diaspora zu einer höheren Einheit verschmolzenen ursprünglich griechischen Gemeinden. „Betet für einander" haben auch die Heidenchristen von ihm gelernt. Läßt diese Mahnung nicht überall dort, wo wir sie im Geist und in der Wahrheit erfüllt sehen, die innerste Lebenslust der Religion (im Grunde möchte ich für das lateinische Wort lieber den biblischen Begriff Frömmigkeit setzen) einatmen? Nur diese allein vermag es ja, in die eigene Erhebung über das Sichtbare und Vergängliche hinaus in das Reich des Ewigen und Unsichtbaren auch den Nächsten mithineinzuziehen. Gewiß ist auch dieses hehre Ideal wie jedes andere dem Mißbrauch ausgesetzt gewesen. Das dürste auch in Zukunft so bleiben. Die gleichen Vorwürfe,-welche das neue Testament gegen diejenigen erhebt, welche unter den Pharisäern sich selbst für fromm hielten und die Anderen verachteten, treffen heute nur zu oft bei denjenigen zu, welche sich mit Ostentation Christen nennen. Der Kreuz-Zeitungs- Redakteur v. Hammerstein, der holländische Ministerpräsident Kuyper und mehr als ein führendes Mitglied des Luegerschen Kreises in Wien bieten traurige Belege dafür. Und auch was den Spezialpunkt der Fürbitte betrifft, so hat noch gerade die jüngste Zeit wieder arge Auswüchse in den sogenannten Gebetsheilungen erlebt. Auch dies hängt ja freilich wieder mit dem allgemeinen Gesetz der Pendelschwingung jzusammen, insofern noch jedesmal, wenn der Materialismus eine Zeitlang dominiert hatte, der Rückschlag in das entgegengesetzte spiritistische Extrem aus dem Fuße folgte. Darf aber