Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6Öd wachen. Das Äolk kann sich jetzt frei bewegen, was zur Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens beiträgt.. Das Spitzelwesen, das unter Abdul-Hamid geblüht hat, 'ist bereits vollständig verschwunden, und jeder fühlt sich heute in der Türkei frei, wie ein Mensch nur frei sein kann. Males Momrkwrr. Bon Leopold Kätscher. (Nachdruck verboten.) m 8. Juni 1875 traf ich zum erstenmal in London ein. Ich war mit meinem Empfehlungsbrief an Sir Moses Montefiore versehen, der mir in einer alten dunklen Millionenerbschaftssache, die mit einer längst ausgestorbenen englischen Judenfamilie im Zusammenhänge stand, an die Hand gehen sollte. Tagsdarauf saß ich in einem Cityrestaurant und nahm zur Zerstreuung eine Zeitung in die Hand — da fiel mein Blick auf folgende Notiz: „Heute findet in sämtlichen Synagogen des Landes ein Gottesdienst statt, damit für das Wohlergehen Sir Moses Montefiores gebetet werde, der morgen eine Reise nach dem heiligen Lande antritt." Mein Bedauern darob, solchergestalt um seine wertvolle Mitwirkung gekommen zu sein — als er zurückkehrte, hatte meine Mission ihr Ende gefunden — war minder groß als mein Staunen über die Kühnheit und den Mut, die bei einem Manne von 91 Jahren dazu gehören, sich zu einer solchen Reise zu entschließen. Welch energischer Charakter? Nicht etwa, als ob er es dringend nötig gehabt hätte; als frommer Jude, der die erforderlichen Mittel besitzt, mochte er sich gesehnt haben, die traditionelle Pilgerfahrt nach Palästina zu machen, allein diese Sehnsucht hatte er bereits sechsmal vorher befriedigt, zum erstenmal 1826, und seither machte er sich jedesmal, wenn's galt, die Lage der durch Pest, Hungersnot oder sonstige Unglücksfälle ins Elend geratenen syrischen Juden zu lindern und ihre sozialen und materiellen Verhältnifie zu heben, auf den Weg nach dem gelobten Lande, stets mit barem Gelde helfend, die Ergebnisse von auf seine Anregung hin eingeleiteten Spendensammlungen mitbringend, Synagogen, Schulen, Mühlen bauend, Grundstücke kaufend, wozu er die besondere Erlaubnis des Sultans, beziehungsweise des Khedives erlangen mußte, landwirtschaftliche Ansiedlungen gründend. Einmal vermachte ihm ein reicher Jude in New- Orleans 50 000 Dollars mit dem Bedeuten, sie nach eigenem Ermessen züm Wohle der palästinensischen Glaubensgenossen zu verwenden. Er reiste dahin und baute für das Geld Armenasyle. Anläßlich seines 90. Geburtstages sammelten die Londoner Israeliten einen Ehrensonds von 12 000 Pfund Sterling; auf Befragen riet er, diesen Betrag der Hebung der Wohnungsverhältnisse in Jerusalem zu widmen. Dies geschah, und er selbst sorgte auf seiner letzten Reise — über die er, nebenbei bemerkt, ein sehr interessantes Tagebuch unter dem Titel „Vierzig Tage im heiligen Lande" veröffentlichte — für die richtige Verwendung der Gelder durch lokale Bauvereine. Montefiore hat sich nicht auf Palästina beschränkt. Ihm schwebte das Ziel vor, überall einzugreifen, wo Israeliten in Gefahr gerieten. Als 1863 die mosaischen Bewohner Marokkos sich in schlimmer Lage befanden, reiste er — im Alter von 79 Jahren! — durch die Wüste in jenes heiße, damals so ferne Land und nahm dem Sultan das Versprechen, ab, die Bedrückten zu schützen. Als 1846 den russischen Juden die Durchführung eines Ukases bevorstand, wonach dieselben, sofern sie bis auf 50 Werst von den Landesgrenzen entfernt wohnten, weiter ins Innere hätten ziehen müffen, da machte Montefiore sich trotz des strengen Winters auf den Weg nach St. Petersburg. Es gelang ihm, den Zar von der Verderblichkeit dieser Maßregel sowohl für die betreffenden Familien als auch für den russischen Handel zu überzeugen und zur Rücknahme derselben zu veranlassen. Als 1840 die seither in Skury, Tisza- Eszlär und anderswo wiederholte Beschuldigung erhoben wurde, Juden gebrauchten Christenblut zu rituellen Zwecken — in Damaskus war ein Christ verschwunden, und es verbreitete sich das, wahrscheinlich von den wirklichen Mördern herrührende Gerücht, er sei von den Juden umgebracht worden, die seines Blutes zur Bereitung von Osterbrot bedurften — da reiste er nach Aegypten und erwirkte die Freisprechung der Gefangenen. Sodann begab er sich nach Konstantinopel, wo der Großherr aller Gläubigen auf sein Betreiben einen Ferman ausstellte, in welchem die Widersinnigkeit jener mit den mosaischen Satzungen unvereinbaren Anschuldigung dargelegt und jede Verfolgung der osmanischen Juden untersagt wurde. Anläßlich des Tisza-Eßlärer Skandalprozesses ließ Montefiore jedem Mitgliede des ungarischen Reichstags ein gedrucktes Exemplar, dieses für die Gerechtigkeitsliebe Abdul Medschids zeugenden Schriftstückes zustellen, welches jedesmal, wenn den Juden in einem Teile des türkischen Reichs Gefahr drohte, zur Grundlage von Protesten diente. Die bekannte Mortara-Angelegenheit führte unseren braven Mann vor 52 Jahren nach Rom. Es war die einzige Mission, die dem energischen Engländer jemals mißglückte. Wiederholte Judenhetzen in Rumänien bewogen ihn, neun Jahre später zu einer Fahrt nach Bukarest; eine ihm zugegangene Todesdrohnng schreckte ihn nicht ab, die Reise zu unternehmen. Seine Glaubensgenossen auf den jonischen Inseln verdanken ihre günstigen Verhältnisse ebenfalls seinem Einschreiten zu einer Zeit, wo es mit ihnen recht schlimm stand. Rußland beschäftigte ihn noch zweimal. Als er 1872 zum zweitenmal dahin ging — diesmal um dem Befreier der Leibeigenen eine Glückwunschadresse zu überbringen — erteilte Alexander II. ihm beruhigende Versicherungen hinsichtlich der Lage seiner israelitischen Untertanen. Montefiore erlebte nach wenigen Jahren den Schmerz, zu sehen, wie sich diese Lage arg verdüsterte, und als er dem folgenden Beherrscher der Reußen zu seiner Krönung schriftlich gratulierte, konnte er nicht umhin, ein kräftiges Wort für seine moskowitischen Schützlinge einzulegen — offenbar nicht ohne Erfolg. Uebrigens glaube man ja nicht, daß der edle Mann nur jüdische Interessen zu wahren gewußt hat. Seine Wohltätigkeit war ebenso interkonfessionell wie sie international gewesen ist. Die großen ' Summen, die er nichtisraelitischen Zwecken opferte, zeugen für seine Toleranz und Unparteilichkeit. Sogar Mr die syrischen Christen, die doch den syrischen Juden sicherlich nicht hold sind, griff.er energisch ein, als sie in Not gerieten (1860). WA